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LUNGERN: «Grabsteine waren eine todsichere Sache»

In einer Scheune lagern gegen 40 Grabdenkmäler der grossen Lungerer Bildhauer. Gehütet werden sie vom Kirchensigrist. Nur wenige Einheimische wissen von dieser Sammlung einheimischer Kunst.
Philipp Unterschütz
Niklaus Britschgi mit der Sammlung von rund 40 Grabdenkmälern von Lungerer Bildhauern. Bild: Corinne Glanzmann (Lungern, 12. Oktober 2016)

Niklaus Britschgi mit der Sammlung von rund 40 Grabdenkmälern von Lungerer Bildhauern. Bild: Corinne Glanzmann (Lungern, 12. Oktober 2016)

Es gehört zum künstlerischen Vermächtnis Lungerns, was die unscheinbare, kleine Scheune der katholischen Kirchgemeinde oberhalb des prächtigen, denkmalgeschützten Pfarrhauses in Lungern birgt – öffentlich zugänglich ist es nicht, und auch viele Einheimische wissen kaum etwas darüber.

Über eine Leiter gelangt man auf die Bühne, und da stehen sie in einer dunklen Ecke: rund 40 Holz-Grabsteine oder Fragmente davon. Unsortiert hingestellt und aufgeschichtet, verwittert, verstaubt und fast vergessen. Ein Sinnbild auch für die einst blühende Lungerer Bildhauerkunst (siehe Kasten). «Wir sind am Aussterben», sagt der Künstler Lukas Gasser – in Lungern nennen sie ihn Brenners, um klar zu definieren, welcher der vielen Gassers gemeint ist. Ausser ihm, der aber von sich sagt, er arbeite mit seinen 77 Jahren nicht mehr, das sei nur noch «bäschele», ist heute hauptsächlich noch der bekannte Karl Imfeld aktiv.

Früher ein wichtiger Geschäftszweig

Die Gemeinde hat ihren verstorbenen Künstlern aber längst ein Denkmal gesetzt. Den 2004 erstellten Urnenhain zieren originale Grabdenkmäler als herausragende Zeugen der Lungerer Bildhauerkunst. Doch in der Scheune «ruhen» viele weitere Werke. «Es war ein ganz eigener Stil, den wir pflegten», erklärt Lukas Gasser. «Anders als beispielsweise die Brienzer. Unser Stil ist runder, Figuren sind besser geformt.» Grabdenkmäler waren ein wichtiger Geschäftszweig für die Bildhauer. «Grabsteine waren eine todsichere Sache», sagt Gasser mit einem Schmunzeln. Reich sei damit keiner geworden, «aber es war Freude und Beruf. Und weil die Konkurrenz gross war, gab jeder Künstler sein Bestes.» Und unverkennbar war ihre Handschrift. Lukas Gasser wirft nur einen kurzen Blick auf die Werke und weiss sofort, von wem sie stammen.

Grabsteine aus Lungern standen auf Friedhöfen in der ganzen Schweiz. «Dabei spielte der örtliche Pfarrer eine grosse Rolle. Wenn er Künstler kannte, hat er sie den Hinterbliebenen bei Todesfällen empfohlen», erzählt Lukas Gasser. Und natürlich war der Lungerer Friedhof von einheimischen Künstlern dominiert. Da standen ihre Werke und erinnerten an die Menschen, die dort begraben waren. Bei Erdbestattungen müssen Gräber in Lungern nach 23 Jahren geräumt werden, Urnengräber nach gut 10 Jahren. Viele Angehörige bewahrten die Grabdenkmäler auf, einzelne verwendeten sie nach einer Auffrischung erneut.

Fast immer Platzgründe schuld

Doch fast die Hälfte will die Grabsteine nicht mehr. Dann können sie sich via Gemeinde bei Niklaus Britschgi melden – der 53-jährige Kirchensigrist ist seit seinem Stellenantritt vor 15 Jahren der Hüter der Lungerer Grabkunst. Zu rund 20 Prozent arbeitet er nämlich auch für die Gemeinde und ist zuständig für den Friedhof, von der Bepflanzung und Reinigung bis zum Abräumen von Gräbern. Vor der Scheune stehen bei unserem Besuch zwei weitere alte Grabsteine aus Holz, sie seien eben von jemandem gebracht worden, der sie lange selber gelagert habe. «Eigentlich sind es fast immer Platzgründe, warum die Leute die Grabdenkmäler nicht mehr wollen. Sie wissen nicht, was sie damit machen sollen», erzählt Niklaus Britschgi und ergänzt, es seien pro Jahr etwa ein bis zwei Werke, die er bekomme. «Aber es werden immer weniger, weil es nur selten Erdbestattungen gibt. Und seit der Urnenhain besteht, gehen auch die Urnengräber markant zurück.» In Lungern zählt man je nach Jahr zwischen 15 und 25 Bestattungen.

Eine grosse Sache will Niklaus Britschgi aus dieser Sammlung nicht machen, er lagere die Werke einfach. «Aber ich finde es schon gut, dass sie bewahrt werden. Auch wenn auf dem Urnenhain bereits ausgewählte Werke von Lungerer Künstlern zu sehen sind. Vielleicht kann ja mal jemand etwas davon brauchen.» Dies ist auch einer der Gründe, warum die Gemeinde ihn angewiesen hat, die Grabdenkmäler aufzubewahren. Gabi Meier, die bei der Gemeinde für die Friedhofsverwaltung verantwortlich ist, erzählt, der ursprüngliche Gedanke sei gewesen, dass die Kunstwerke wieder verwendet werden könnten für Gräber von Leuten, die kein Vermögen und keine Angehörigen hätten. «Die vormaligen Besitzer, die uns Grabdenkmäler überlassen, haben dafür ihr Einverständnis gegeben.» In den letzten sieben Jahren, seit sie im Amt sei, sei das aber nur ein einziges Mal vorgekommen.

Nur Grabdenkmäler von Lungerer Bildhauern

Angehörige würden von der Gemeinde nicht explizit darauf aufmerksam gemacht, dass sie den Grabstein abgeben könnten, die meisten kämen von sich aus, wenn sie ein Grab räumen müssten. «Wir nehmen aber nur Grabdenkmäler von unseren Lungerer Bildhauern an», erklärt Gabi Meier und weist damit auf einen weiteren wichtigen Grund hin. «Es wäre schade, wenn dieses einheimische Schaffen einfach entsorgt würde und die Kunstgegenstände verloren gingen.» Mit dem Aufbewahren von Werken ihrer Künstler dürfte Lungern aber alleine dastehen. Brienz mit seiner langen Holzschnitzertradition, die wie in Lungern auf dem Rückzug ist, bewahrt keine Grabdenkmäler auf. Der Brienzer Kirchensigrist Ruedi Zurbuchen findet die Lungerer Vorgehensweise gut. «Es ist ja schon verruckt›, wenn man solche Werke entsorgen muss. Aber wo soll man sie lagern? Die Leute sollen mit der Grabräumung auch abschliessen können.» Persönlich würden ihm die alten Holzkreuze, die oft in einem schlechten Zustand seien, aber sehr gefallen. «Die Verwitterung erinnert mich immer an die Vergänglichkeit des Lebens.»

Niklaus Britschgi weiss, dass in Lungern Figuren von ehemaligen Grabdenkmälern des heiligen Wendelin, dem Schutzpatron der Bauern, oder von Bruder Klaus auch an Ställen, Alphütten und Bauernhäusern zu finden sind. Er selber hat eine Statue von Bruder Klaus in der Kapelle Dorf platziert und in der Kapelle Obsee ein Herz Jesu.

Befürchtungen, dass die Gemeinde die Grabdenkmäler plötzlich doch entsorgt, hat Niklaus Britschgi nicht. «Das kann ich mir nicht vorstellen. Aber es wäre schön, wenn man sie irgendwie öffentlich zeigen könnte.» Diese Idee unterstützt auch Lukas Gasser, von dem selber einige Werke in der Scheune gelagert sind. «Solche Grabdenkmäler sind am Verschwinden. Dazu beigetragen haben der veränderte Geschmack, aber auch die für einen Künstler einengenden Reglemente auf den Friedhöfen. Heute könnte ich davon nicht mehr leben.»

Philipp Unterschütz

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