LUNGERN: Verregnete Notenblätter und Stumpenqualm

Die Feldmusik feierte ihren 150. Geburtstag mit Hits von gestern und einem Blick in frühere Zeiten. Beim Konzert kam die grosse Qualität in allen Registern zum Ausdruck.

Romano Cuonz
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Auf der Leinwand sind Bilder aus vergangenen Tagen zu sehen, die das Jubiläumskonzert der Feldmusik Lungern begleiten. (Bild: Romano Cuonz (Lungern, 6. Mai 2017))

Auf der Leinwand sind Bilder aus vergangenen Tagen zu sehen, die das Jubiläumskonzert der Feldmusik Lungern begleiten. (Bild: Romano Cuonz (Lungern, 6. Mai 2017))

Romano Cuonz

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«Vom Beweggrund getrieben, die langen Abende gemütlich zuzubringen und unter sich ein kameradschaftliches Leben zu pflegen, wurde im Jahre 1867 von 10 Mitgliedern eine Blechmusik gegründet», steht schwarz auf weiss im Gründungsprotokoll der Feldmusik Lungern. Auch, dass es damals grosse finanzielle und viele zeitliche Opfer brauchte, wenn man im Bauerndorf Marschmusik machen wollte, heisst es da. Auf dem Foto zum 150-Jahr-Jubiläum präsentiert sich die Feld­musik als 34-köpfiges, in allen Registern stark besetztes Blasorchester unter der Leitung von Remo Freiburghaus.

Und der Dirigent hatte auch gleich eine zündende Idee: Er stellte das Jubiläumskonzert zum Thema «Best of» zusammen und bereitete dem treuen Publikum mit Lieblingsstücken aus früheren Konzerten viel Freude. Da erklangen in grosser Präzision und Musikalität etwa der mitreissende «Can Can» aus «Orpheus» von Jacques Offenbach, die unvergesslich stimmungsvollen «Autumn Leaves» von Joseph Kosma und aus dem Jahr 1995 die prächtig instrumentierte Serenade von Derek Bourgeois. Sogar die schöne alte «Usgüüglete» von Ferdinand Lötscher – früher vielleicht die eigentliche Hymne dieses Dorfvereins – kam wieder einmal zu Ehren. Apropos: Der Entlebucher Ferdinand Lötscher war der erste Dirigent der Lungerer Musik. Neben dieser Arbeit komponierte er damals Hunderte von Tänzen und Märschen.

Alte Bilder – kuriose Geschichten

Zum live dargebotenen Konzert mit bald nostalgisch schwärmerischen, bald jazzig angehauchten Rhythmen und Melodien kamen an diesem Geburtstagskonzert noch zwei andere Ebenen hinzu. Während das aktuelle ­Ensemble im gedämpften Licht aufspielte, lief in seinem Rücken auf einer Grossleinwand die ganze Geschichte des Vereins ab. In zahllosen vorerst schwarz-weissen und später auch farbigen Bildern waren sie alle wieder dabei: die alten Kameraden.

An einem Tisch neben der Bühne nahmen die früheren Dirigenten Leo und Ernst Gasser und mit ihnen der gewiefte frühere Trompeter Ludwig Gasser Platz. Befragt von der Klarinettistin Barbara Ming, erzählten sie Anekdoten und Histörchen aus alten Musiktagen. Eine und eines skurriler und komischer als das andere. Etwa, wie früher ungeschützte Notenblätter während zahllosen Märschen verregnet und später an vielen Lungerer Wäscheleinen zum Trocknen aufgehängt wurden. Eine böse Überraschung gab es dann jeweils, wenn beim nächsten Auftritt mehrere Blätter aneinander klebten! Kaum mehr glauben mag man, dass die «Mannen» früher während langer Probeabende mehrere «Stumpen» geraucht hatten, so dass gegen das Ende hin im dichten blauen Qualm Noten und Dirigent kaum mehr zu erkennen waren. Und die vielen verschiedenen Probelokale erst: Von der Dorftheaterbühne über dunkle Keller bis zu Leos Schreinerei reicht die Palette. Unzählige Geschichten – auch hübsche Liebesgeschichten mit Happy End – ranken sich um die geradezu legendären Waldfeste der Lungerer Musik im Sattelwald. Dort pflegten und pflegen die Musikanten die Kameradschaft gemäss ältesten Statuten. Sind in ihrem Element wie kaum anderswo.

«Flow» ganz meisterhaft gespielt

Im zweiten Teil des Jubiläumsabends interpretierte die Lungerer Feldmusik «Olympic Spirit» von John Williams (2014 aufgeführt), «A Symphonic Narrative» von Robert Sheldon (1928 und 2005) und die klangvollen, traditionellen irischen Volksmusikstücke «Simple Gifts» (2013). Ihre ganze heutige glänzende Form bewies die Lungerer Feldmusik mit dem an diesem Abend erstmals gespielten Werk «Flow» von Mario Bürki. Es schildert gemäss Komponist ein Gefühl der völligen Vertiefung und des Aufgehens in einer Tätigkeit. Ein wahrer Ideenrausch! Aus einem Achtelpuls entstehen Rhythmen, die sich über alle Register weiterentwickeln. Hier liess Remo Freiburghaus besonders schön die Stärken der Lungerer Musik aufblitzen: die vielen markant hervorstechenden Einzelstimmen – Trompeten, Saxofone, Hörner, Flöten und Klarinetten – alle mit grosser Qualität.