Maturaarbeit

Obwaldner Maturand baut Alphorn aus Kunststoff

Alphornklänge bei einer Maturaarbeit gab es an der Kanti Obwalden noch nie. So gesehen, sorgte Ivan Flühmann für eine Uraufführung.

Romano Cuonz
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Ivan Flühmann aus Sachseln konstruierte als Maturaarbeit ein Alphorn aus Kunststoff – und spielte es auch.

Ivan Flühmann aus Sachseln konstruierte als Maturaarbeit ein Alphorn aus Kunststoff – und spielte es auch.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 22. Dezember 2020)

«Weil wir an der Kantonsschule viel Theorie büffeln müssen, beschloss ich, dem mit meiner Maturaarbeit etwas entgegenzusetzen», sagt der 19-jährige Sachsler Gymnasiast Ivan Flühmann. Was aus diesem Vorhaben schliesslich resultierte, erstaunte nicht nur seine Kolleginnen und Kollegen. Sogar die Lehrpersonen der Obwaldner Kantonsschule waren davon angetan. Ivan Flühmann spielte nämlich bei der Präsentation auf einem selber gebauten Fis/Gis-Alphorn aus Glasfaserkunststoff. Hohe und tiefe Töne. Langsame und schnelle Passagen. Wie ist der Maturand auf diese spezielle Idee gekommen? «Ich spiele seit acht Jahren Trompete», erzählt er, «den Wunsch, selber einmal ein Instrument zu bauen, hegte ich schon lange!» Als er im Sommer einem Alphornbläser zuhörte, fand er das Instrument auf Anhieb cool. Bald darauf rief er den professionellen Alphornbauer Otto Emmenegger im luzernischen Eich an. «Von ihm wollte ich wissen, ob man ein Alphorn auch aus Glasfaserkunststoff herstellen könne», berichtet Flühmann. Der Experte habe ihn dazu ermutigt. «Auch mein Coach Walter Gygax und Co-Referent Heinz Della Torre liessen mich gewähren, obwohl sie zu Beginn noch ihre Zweifel am Gelingen dieses Experiments hegten», schmunzelt der Gymnasiast.

100 Arbeitsstunden und jede Menge Probleme

Allein die Leitfragen klangen ambitioniert. So wollte Ivan Flühmann wissen, welche klanglichen und spieltechnischen Unterschiede ein Glasfaserkunststoff-Alphorn im Vergleich zum herkömmlichen Alphorn aus Holz aufweist. Und: Ist das Endprodukt finanziell und zeitlich aufwendiger als ein herkömmliches Alphorn? Ja, der Aufwand, den Ivan Flühmann in der väterlichen Firma (Feba Fassadenbauteile, Fensterelemente AG, Kägiswil) während gut eines Jahres betrieb, war enorm. «Ich war praktisch jedes Wochenende an der Arbeit, ganz abgesehen davon, dass ich mir als Autodidakt auch noch das Spielen beibrachte», bilanziert er. Die investierte Zeit schätze er auf zirka 100 Arbeitsstunden. Preislich habe er das im Konzept geplante Budget von 1200 Franken um gut 300 Franken überschritten. Um sein aufwendiges Alphorn herzustellen, kreierte Ivan Flühmann vorerst Positivformen, die die Innenmasse eines Fis/Gis-Alphorns aus Holz vorgaben. Nun folgten ein ständiges Pröbeln und komplizierte Arbeitsgänge mit Polyestermatten und Polyesterharz. Mehrmals musste er neu beginnen. Pröbeln und nochmals pröbeln. Den Schallbecher des Alphorns als Polyesterform herzustellen, erwies sich als unmöglich. Doch der findige Maturand wusste sich zu helfen. «Nach Evaluation verschiedener Möglichkeiten entschied ich mich dazu, diesen aufgrund einer CAD-Zeichnung formgetreu im 3D-Drucker herzustellen», verrät er. Das Resultat darf sich sehen – und vor allem auch hören – lassen.

Faszination fürs Alphorn näherbringen

Ivan Flühmann demonstriert seinen Eigenbau und sagt dazu: «Der Klang des neuen Instruments ist dumpfer und weniger kräftig, der Tonumfang aber erlaubt Melodien wie mit einem normalen Alphorn.»

Ivan Flühmann demonstriert seinen Eigenbau und sagt dazu: «Der Klang des neuen Instruments ist dumpfer und weniger kräftig, der Tonumfang aber erlaubt Melodien wie mit einem normalen Alphorn.»

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 22. Dezember 2020)

Nicht genug mit der an sich komplizierten Konstruktion und dem – halt doch auch da notwendigen – Theorieteil! Ivan Flühmann verfolgte das ehrgeizige Ziel, seinen Kolleginnen und Kollegen, die über das Älplerinstrument vorerst noch gespottet hatten, dessen Faszination näherzubringen. Drei Wochen vor dem Abgabetermin seiner Arbeit lernte er Alphorn spielen. «Zusammen mit Kollegen ging ich nach Melchsee-Frutt, wo wir Ton- und Filmaufnahmen mit einem üblichen Holzalphorn und dem meinen aus Kunststoff machten und verglichen», berichtet er. Das befriedigende Fazit fasst der Maturand so zusammen: «Der Klang meines Instruments war dumpfer und weniger kräftig, der Tonumfang aber erlaubt es mir, Melodien wie mit einem normalen Alphorn zu spielen.» Und was am wichtigsten sei: Obwohl das Produkt nicht makellos funktioniere, habe er mit seiner Maturaarbeit die Faszination fürs Alphorn auch in der Obwaldner Kantonsschule weitergeben können. Dennoch: Instrumentenbauer will er nicht werden. Ivan Flühmann stellt fest:

«Die Erfahrungen, die ich sammelte, möchte ich nicht missen,
ansonsten aber strebe ich doch lieber
ein Wirtschaftsstudium an.»

Aussenmeinung

Urtümliche und archaische Töne

Der Musiker und Trompetenvirtuose Heinz Della Torre prüfte die Arbeit des Maturanden Ivan Flühmann. Er sagt: «Bereits im Frühling 2020 wurde uns klar, dass die ambitionierte Zielsetzung von Ivan realisierbar ist. Meiner Meinung nach – und vom fachlichen Standpunkt aus – hat er das dreiteilige Alphorn aus verschiedenen Kunststoffen gut geplant, aufgebaut und produziert. Es ist ein gut spielbares Instrument entstanden. Ivans grossartiger Auftritt bei der Präsentation am 16. Dezember 2020, leider unter Ausschluss der Öffentlichkeit, war der würdige Abschluss einer spannenden und intensiven Zeit. Den Alphornklassiker ‹Uf de Bänklialp› von J. Aregger intonierte er mit Prädikat ‹sehr gut›! Sein Alphorn klingt urtümlich und archaisch. Es hat mir viel Freude bereitet, die Musikbegeisterung dieses jungen Erwachsenen mitzuerleben.» (cuo)

Das Alphorn von Gymnasiast Ivan Flühmann ist dreiteilig. Den Schallbecher musste er schlussendlich statt aus Glasfaserkunststoff im 3D-Drucker herstellen.

Das Alphorn von Gymnasiast Ivan Flühmann ist dreiteilig. Den Schallbecher musste er schlussendlich statt aus Glasfaserkunststoff im 3D-Drucker herstellen.

Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 22. Dezember 2020)