Maturaarbeit
Sie kennt beide Schulsysteme – und vergleicht die Schweiz und die Ukraine

In ihrer Maturaarbeit geht Oksana Feshchenko auf die Werte der Studierenden in der Ukraine ein. Es sind nicht dieselben wie in der Schweiz.

Primus Camenzind
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«Nachdem sich meine Mutter von meinem Vater getrennt hat, hat sie mir vorgeschlagen, der besseren Studienbedingungen wegen zusammen in die Schweiz zu ziehen», erklärt Oksana. Die beiden aus wohlhabenden Verhältnissen stammenden Frauen nahmen von der Grossstadt Charkiw in der Ostukraine Abschied und zügelten im Februar 2018 nach Giswil.

Die Nähe zu Sarnen brachte es mit sich, dass die inzwischen 19-jährige Schülerin in die dritte Gymnasialklasse der Kantonsschule Obwalden (KSO) einstieg. In einem Gespräch über ihre Maturaarbeit 2021 über das Thema «Wertevergleich von Studierenden der KSO mit Studierenden aus Charkiw, Ukraine» erzählt Oksana einiges über ihre veränderten Lebensumstände.

Die 19-jährige Ukrainerin Oksana Feshchenko untersucht in ihrer Maturaarbeit Werteunterschiede von Studierenden in der Schweiz und der Ukraine.

Die 19-jährige Ukrainerin Oksana Feshchenko untersucht in ihrer Maturaarbeit Werteunterschiede von Studierenden in der Schweiz und der Ukraine.

Bild: Primus Camenzind (Sarnen,
21. Dezember 2020)

Sie wird eher nicht mehr in die Ukraine zurück

«Anfänglich habe ich meine Heimat sehr vermisst und ich betrachtete den Aufenthalt in der Schweiz als vorübergehend und mit dem Ziel, hier eine Universität zu besuchen», gibt die Maturandin zu verstehen. «Heute bezweifle ich, dereinst wieder in der Ukraine zu leben.» Ihrer Ansicht nach kann die Schweiz, oder auch ein anderes westeuropäisches Land, zu ihrem zukünftigen Lebensmittelpunkt werden.

Vor geraumer Zeit sind Mutter und Tochter ins luzernische Buchrain umgezogen. «Ich wollte hingegen an der KSO bleiben, damit ich mich nicht schon wieder um neue Kolleginnen und Kollegen bemühen musste», sagt Oksana. Herausfordernd waren ausserdem die Sprachen. Deutsch zu lernen begann sie bereits eineinhalb Jahre vor ihrem Umzug in die Schweiz, damit sie sich in ihrer neuen Bleibe einigermassen verständigen konnte. Englisch wird an ukrainischen Schulen ohnehin unterrichtet. Um den Einstieg in die KSO zu schaffen, musste sie allerdings ihr Deutsch verbessern und zudem noch Französisch lernen.

Korrumpierte Politiker tangieren das Bildungssystem

Mit dem Eintritt in ein Schweizer Gymnasium wurden für Oksana mehr und mehr auch die allgemeinen Werte an den Schulen beider Länder augenfällig. «Die festgestellten Unterschiede bewogen mich zur Themenwahl für die Maturaarbeit», betont sie. Ihre Heimatstadt Charkiw gilt als eine der bedeutendsten Bildungszentren des Landes. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion im Jahr 1991 hat die nun politisch unabhängige Ukraine – wie übrigens die meisten europäischen Länder – die elfjährige Ausbildungszeit eingeführt.

«Um in meiner Maturaarbeit den Wertevergleich mit der Schweiz zu ziehen, musste ich in meinem Herkunftsland die sozialen Strukturen, die politischen und wirtschaftlichen Systeme, die Grösse des Landes, die Hierarchie und nicht zuletzt das Niveau der Korruption in Betracht ziehen», erklärt die Mittelschülerin. Selenskyi, der neue Präsident der Ukraine, verfolge den richtigen Weg, «aber ein Mensch alleine kann in kurzer Zeit nicht alles zum Guten wenden», meint Oksana.

Die bereits angesprochenen Systeme und die herrschenden Zustände im Lande empfindet sie jedoch immer noch als problematisch und unbefriedigend. «In meiner Heimat gibt es zu viele korrumpierte Politiker und Entscheidungsträger.» Diese Tatsachen würden auch die im Bildungssystem geltenden Werte tangieren, gibt unsere Oksana zu verstehen. Ihre Erkenntnisse stützen sich auf Online-Umfragen in Charkiw und an der KSO.

«Bildung ist grundsätzlich für alle zugänglich»

Es zeigt sich, dass überalterte Lehrkräfte Teil der Probleme sind. «Darunter befinden sich Pädagogen, welche frühere, überholte Bildungssysteme bevorzugen.» Zudem seien Lehrer schlecht bezahlt. Junge, nach westlichen Werten strebende Leute würden deshalb kaum in diesem Beruf arbeiten wollen. Damals, im kommunistischen System, seien die Schulen streng geführt worden – immerhin wurden alle gleich behandelt, «was heute wegen der Korruption nicht mehr der Fall ist».

Oksana räumt ein, dass sich einiges auch verbessert hat: «Grundsätzlich ist Bildung für alle zugänglich.» Dies allerdings mit gewissen Vorbehalten: Die Eingangsprüfungen für Universitäten verlangen drei Schlüsselfächer. «Darauf muss man sich vorbereiten, da helfen keine Bestechungsgelder», sagt sie. Die Maturitätsnoten seien allerdings wenig aussagekräftig. Für alle übrigen Fächer müsse man nicht zwingend lernen, denn diese Noten würden einem geschenkt oder man könne die Prüfung wiederholen, wenn Geld ins Spiel kommt.

Im Gegensatz dazu sei der Unterricht in der Schweiz anstrengender und breiter gefächert. Diese Erfahrung, gepaart mit anderen Faktoren, hat die Studentin nach eigener Darstellung an den Rand eines «Burnout» gebracht. Das Schweizer System soll hier allerdings nicht weiter erläutert werden: Die Tatsache, dass Oksana Feshchenko nach der Matura unbedingt in unserem Lande an eine Universität gehen will, spricht nämlich für sich. «Ich verfolge mehrere Varianten», antwortet sie auf die Frage nach der Studienrichtung. «Es könnten Bauwissenschaften sein, aber ebenso interessieren mich Psychologie und Internationale Beziehungen.»