Maturaarbeit widmet sich dem Tabuthema Sternenkinder in Obwalden

Michelle von Rotz setzt ein Zeichen für die so genannten Sternenkinder - Kinder, die kurz vor oder nach der Geburt gestorben sind. 

Marion Wannemacher
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Maturandin Michelle von Rotz aus Sarnen organisierte einen Anlass für die Angehörigen von Sternenkindern.(Bilder: Marion Wannemacher, Sarnen, 10. November 2019)

Maturandin Michelle von Rotz aus Sarnen organisierte einen Anlass für die Angehörigen von Sternenkindern.(Bilder: Marion Wannemacher, Sarnen, 10. November 2019)

Auf dem Vorplatz der evangelisch-reformierten Kirche in Sarnen stehen am vergangenen Sonntagnachmittag Teelichter, aufgereiht in der Form eines Sterns. Michelle von Rotz hat sie dort aufgestellt. Familien und Frauen verschiedenen Alters treffen ein. Die Lichter brennen für all die Kinder, die im Mutterleib noch vor, während oder kurz nach ihrer Geburt starben, sogenannte Sternenkinder.

Michelle von Rotz hat die Gedenkfeier für die Angehörigen von Sternenkindern organisiert, das Projekt ist ihre Maturaarbeit. Die 18-Jährige hat einen persönlichen Bezug zum Thema: «Mein älterer Bruder ist im neunten Schwangerschaftsmonat gestorben. Im Bekanntenkreis habe ich bei ähnlichen Ereignissen erfahren, dass es ein Tabuthema ist», sagt sie. «Ich bin froh, dass ich etwas dazu beitragen kann, dass das Thema für Leute im Kanton Obwalden sichtbar wird.» Zur seelsorgerlichen Unterstützung stehen Pfarrer Michael Candrian der Evangelisch-Reformierten Kirchgemeinde Obwalden und Pfarrer Bernhard Willi parat.

Denkmal für Sternenkinder geplant

«Jedes Kind ist ein Geschenk vom Himmel, so nimmt man es an und so muss man es auch annehmen, wenn es einen viel zu früh verlässt», sagt die junge Sarnerin in der Begrüssung. Gemeinsam bilden die rund dreissig Besucher einen Kreis um die Sternenlichter und singen ein Lied mit gleichlautendem Text. Eine Frau mit zwei kleinen Kindern an der Hand wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. Gemeinsam geht es danach zu den Posten in die Gemeinderäume der Kirche am Ennetriederweg. Auf Sitzkissen hören Kinder eine Geschichte über ein Sternenkind. In anderen Räumen können Angehörige meditieren oder ihren verstorbenen Kindern Briefe schreiben.

Es seien ganz verschiedene Themen, ob Eltern ihr Kind nach der Geburt oder während der Schwangerschaft verlören, ist sich Pfarrer Michael Candrian bewusst. «Das wird anders wahrgenommen.» Er selber habe bislang noch kein Paar seelsorgerlich betreut, das diese Erfahrung habe machen müssen. Sein Amtskollege schon:«Es hat etwas Unfassbares und braucht für die Betroffenen sehr lang, bis es verarbeitet werden kann», betont Pfarrer Bernhard Willi. Die Eltern gingen sehr individuell mit diesem Erlebnis um. Manche liessen ihr totes Kind kremieren und beisetzen, was er allerdings nicht so häufig erlebe. Die Pfarrei Sarnen plant zusammen mit der Gemeinde Sarnen zusammen ein Denkmal für Sternenkinder auf dem Friedhof.

Michelle von Rotz hat sich im Kantonsspital Obwalden nach der Anzahl der Sternenkinder erkundigt. Von ärztlicher Seite nennt man ihr zwar Zahlen, jedoch nicht zur Veröffentlichung. Aus ärztlicher Sicht seien Kinder, die vor der 24. Schwangerschaftswoche sterben, Aborte und keine Sternenkinder.

Im Gemeindesaal wird unterdessen fleissig gebastelt: Mütter und Geschwister verzieren Kerzen mit Herzen, Engeln oder Ornamenten für ihr Sternenkind. Sabrina Imfeld unterstützt sie dabei. Als Doula begleitet sie Eltern während der Schwangerschaft, Geburt und im Wochenbett und hat sich für die Begleitung bei Kindsverlust weitergebildet. «Das sind so viele Erwartungen, die sich nicht erfüllen», erklärt sie.

Maturandin Michelle von Rotz.

Maturandin Michelle von Rotz.

«Häufig kommt für die Mutter auch der Verlust von Vertrauen in den eigenen Körper dazu und die Angst bei späteren Schwangerschaften, ‹das kann nicht gut gehen›.»

Im Spital fühlten sich die Mütter von Sternenkindern, häufig gut aufgehoben, dafür aber hinterher allein. Aus Sicht der Fachfrau gebe es vor allem bei den frühen Fehlgeburten Nachholbedarf. «Eltern sollen ein Recht haben, um diese Kinder zu trauern», so Imfeld.

Unsicherheit im Umgang mit Eltern

Viele wüssten nicht, wie sie einer Mutter, deren Kind in der Schwangerschaft gestorben sei, begegnen sollen. Statt verletzender Sätze wie «Du kannst ja noch so viele Kinder haben» oder «du bist ja noch nicht weit gewesen» schlägt Sabrina Imfeld vor, ehrlich auszusprechen, dass man nicht wisse, was man sagen solle. Es gehe darum, zu verstehen, dass kein anderes dieses Kind ersetzen könne.

Die Erfahrung mit der Ratlosigkeit ihrer Umgebung hat auch eine Frau gemacht, deren Tochter vor kurzem ihr Kind verloren hat. «Es verletzt mich fast mehr, wenn Leute aus dem Dorf vorbeilaufen und das Thema nicht anzusprechen trauen», sagt sie. «Man hat einfach zu wenig Zeit», äussert sie, während ihr die Tränen über die Wange laufen. «Es ist eine emotionale Achterbahn.» Sie spricht von der Doppelsorge um Grosskind und Tochter. Zur Gedenkfeier selber sagt sie: «Ich finde es gut, dass man so etwas macht, es ist ein Tabuthema.» Das sieht auch Sabrina Imfeld so: «Es ist sehr schön, dass die Leute Zeit bekommen, etwas für ihre Sternenkinder zu tun. Man kann so wenig tun für diese Kinder und hat doch so viel Liebe für sie.»

Mehr Informationen gibt es auch von der Beratungsstelle www.kindsverlust.ch