Mein Brief an den lieben Gott

Worte zu Ostern von Abt Christian Meyer vom Kloster Engelberg. 

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Der Engelberger Abt Christian Meyer.

Der Engelberger Abt Christian Meyer. 

Bild: Corinne Glanzmann

«Hallo lieber Gott»,

Ich weiss nicht, ob du dieses Lied noch in Erinnerung hast? Vor Jahren hatte Hanne Haller dieses Lied (1986) gesungen. Sie entdeckt in diesem Lied einen Brief, den sie selbst als Kind geschrieben hatte. Darin hat sie dich um Zeit gebeten, um mit ihr einmal wieder zu reden. Denn zurzeit läuft alles schief. Leider starb Hanne Haller 2005 zu früh. Ihre Lieder hatten immer so ein verstecktes Quäntchen Wahrheit.

«Hallo lieber Gott». Du weisst, so mag ich dich schon lange nicht mehr anreden. Selbst in Schulmessen nicht. Denn auch Kinder erfahren schon einiges, dass sie ab und zu am lieben Gott zweifeln lässt.

Wir leben momentan in einer Zeit, in der das Pflegepersonal vieles riskiert und auf sich nimmt; in der sich viele einsetzen, dass es irgendwie rund läuft und wir von unserer eigenen Verwöhntheit nicht viel einbüssen müssen; eine Zeit, in der die Trauer noch trauriger wird, da wir nicht zu Angehörigen gehen können oder auf dem Friedhof die Anwesenheitszahl limitiert ist. Da mag ich nicht vom «lieben Gott» sprechen.

Aber wie bist du dann? Ich weiss es nicht. Du bist und bleibst ein Geheimnis, das ich nie besitze. Ja, ich bin immer auf der Suche nach dir. So steht es schon im Psalm 69: «Ihr, die ihr Gott sucht: Euer Herz lebe auf!». Der heilige Benedikt, unser Ordensgründer, hat dies als das wichtigste Erkennungszeichen eines Mönches genannt: Gott suchen. Das heisst: Ein Glaubender ist immer auf Trab. In den Ostergeschichten liessest du dich immer wieder als der Gesuchte darstellen: Suchende Menschen können dich wahrnehmen, entdecken und im selben Augenblick verlieren. Das ist Glaube in Reinform, das ist Ausdruck lebendigen Osterglaubens, weil er uns in Bewegung hält und nicht stehen lässt.

Apropos Ostern: Sicher hast du bemerkt, dass wir dank Corona die Karwoche und Ostern nicht so feiern können wie wir es gewohnt waren: Gottesdienste mit Leben gefüllt, Gottesdienste mit Menschen gefüllt, Gottesdienste mit Freude und Offenheit gefüllt. Dies ist vielleicht auch mal gut so, um aus der Routine herauszukommen und vieles neu zu sehen: Hilfsbereitschaft, Zeit haben füreinander, das «Jetzt» gestalten und nicht verhaspeln, zuhören können, einander aushalten müssen, um reifen zu werden und wachsen zu können.

Während ich so über dich nachsinne, weiss ich, dass du da bist. Ich weiss nicht warum, aber du bist da. Das ist auch dein Name, den du dir selber beim brennenden Dornbusch gegeben hast. Moses hat dich nach deinen Namen gefragt und du sagtest: «Ich bin, der ich da bin». Genau dies gibt mir Kraft. Du bist da! In jedem Moment meines Lebens. Die Ostergeschichten erzählen von diesem, deinem Dasein: Bei Maria Magdalena im Garten: In ihrer suchenden Trauer bist du da als Gärtner, der das Leben ist. Bei den verzweifelten zwei Typen, die nach Emmaus, nach ihrem zu Hause unterwegs sind: In ihrer Trostlosigkeit wirst du zu dem, der da ist für sie. Bei den vor Angst eingeschlossenen Jüngern und Jüngerinnen: Du bist in ihrer Angst da und stärkst sie. Bei den zweifelnden Jüngern am See von Tiberias: Du bist im Zweifel nahe und schenkst ihnen Freude und das, was es zum alltäglichen Leben braucht, indem du selber den Fisch bratest.

Ostern ist der volle Widerhall der Gewissheit, dass du da bist. Und zwar überall. Bei jeder und jedem einzelnen von uns. Da, wo er steht und ist; in der Lebenssituation, die ihn gerade herausfordert oder versöhnt. Du bist da. Der Tod konnte dich nicht festhalten, denn du bist das Leben. Der Tod hat dich nicht in Griff bekommen, weil du einfach da bist. Auch in der Dunkelheit des Menschen bist du da und willst sie aufbrechen. Das feiere ich durch deine Auferstehung auch dieses Jahr an Ostern.

Das, was fehlt, ist allerdings die Gemeinschaft. Sie erinnert mich, dass ich nicht alleine auf diesem Weg bin: in der Kirche, in der Familie, im Zweisamen miteinander. Plötzlich darf ich erkennen, dass mir diese Zeit einen anderen Blick auf Ostern schenkt. Wir haben in den vergangenen Wochen neben den Bildern von Intensivstationen, heranfahrenden Lastwagen mit Särgen, Traurigkeit und Frust auch unzählige Bilder des Lebens gesehen: Pflegepersonal, das sich unermüdlich einsetzt. Pflegepersonal das neue Ideen entwickelt, um mit kranken oder sterbenden Angehörigen über das Handy in Kontakt zu kommen; Nachbarschaften, die begonnen haben zu leben; Hilfsbereitschaften, die Gestalt annahmen; Familien, die den Garten zu neuem Leben erwachen lassen.

Irgendwie haben wir trotz des Schattens des Todes durch Corona ein bisschen Ostern in den vergangenen Wochen schon gelebt und erfahren. Wir haben Ostern im Jetzt lebendig werden lassen. Danke Gott, dass Du da bist. Danke allen, die im Jetzt immer wieder dem Leben zum Durchbruch verhelfen. Danke, die trotz allem nicht aufgeben. Ostern – das Leben feiern.

Christian Meyer ist seit 2010 Abt des Klosters Engelberg.