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MELCHSEE-FRUTT: Geburtstag feierte sie mit den Geiern

Wochenlang hält Biologin Franziska Lörcher die Stellung am Hengli­wang. Für «ihre» ­Bartgeier nimmt sie ein Leben im Container in Kauf.
Marion Wannemacher
Ein Leben für die Bartgeier: Biologin Franziska Lörcher betreut die ausgewilderten Tiere am Hengliwang. (Bild Marion Wannemacher)

Ein Leben für die Bartgeier: Biologin Franziska Lörcher betreut die ausgewilderten Tiere am Hengliwang. (Bild Marion Wannemacher)

Marion Wannemacher

Heute ist Flugwetter. Der Himmel ist blau. Rund um den Hengliwang bietet sich eine gewaltige Aussicht. Franziska Lörcher steht am Teleskop und schaut konzentriert auf die Nische am Hang gegenüber. Bartgeier Trudi hebt ab und dreht ihre Runden, sicher zwei Minuten lang. Beeindruckend sieht das aus. Die ausgewilderten Bartgeier sind fast ausgewachsen, ihre Flügelspannweite misst wohl knapp drei Meter. «Super, gute Landung», kommentiert die Biologin und macht sich Notizen. Die drei ­Bartgeier-Damen lernen dazu. Auch BG 838 – Franziska Lörcher nennt sie «die Goldauerin», weil sie vom dortigen Tierpark stammt – hat jetzt das Fliegen gelernt. «Am letzten Sonntag ist sie geflogen und dann erst heute wieder», erzählt die Fachfrau von der Stiftung Pro Bartgeier.

Erstflüge verpasst

Ausgerechnet die Erstflüge ihrer Schützlinge hat Franziska Lörcher dieses Mal verpasst. Sie musste für ein paar Tage nach Italien. «Ich wäre schon gern hier gewesen», sagt sie. «Man hat nicht wissen können, dass die Mädels frühreif sind», scherzt sie. Ärgern nützt da nichts. «Es ist die Krone, an einem Tag wie diesem hier draussen hocken und den Tieren beim Fliegen zuschauen zu können», schwärmt sie. Jeder Flug wird notiert. Zu den Aufgaben der Biologen vor Ort gehören die sorgfältige Überwachung und Fütterung der noch unselbstständigen Bartgeier sowie die Öffentlichkeitsarbeit. Die Bartgeier bewegen nicht nur die Obwaldner. Unten am Infostand bei ihrer Kollegin Christine Jutz trifft eine Schulklasse aus Horw ein. Jara Malevez, die einen Dokumentarfilm über das Auswilderungsprojekt auf der Frutt macht, ist auch am Infostand und dreht mit ihrem Team. Zuvor hat sie Franziska Lörcher am Container ­besucht.

Hier oben ist das Leben ohne jeden Komfort. Geschlafen wird in Kajütenbetten, gearbeitet, gekocht (mit Gas) und gewohnt im nüchternen Wohn- und Bürocontainer. Solarzellen sorgen für Strom, Wasser gibt es abgekocht aus dem Bach, dem «Badezimmer» der beiden jungen Frauen. «Da lernt man den Luxus wieder zu schätzen», sagt Franziska Lörcher. Begeistert zeigt sie sich von der Freundlichkeit der Obwaldner. «Fischereiaufseher Gusti Berchtold hat uns heute frische Sachen gebracht: Gemüse, Früchte, Milch und Brot. Alle, die hier hochkommen, bringen uns etwas mit.» Duschen dürfen sie im Berggasthaus Tannalp. Eigentlich ist die gebürtige Aargauerin aus Gränichen gelernte Augenoptikerin. Mit dem Thema Bartgeier kam sie als 11-Jährige in Kontakt, dies über ein Tierschutzlager im Engadin, das die Mutter leitete. Einmal bekam sie zu Weihnachten eine Patenschaft für einen Bartgeier geschenkt. Das Abendgymnasium machte die heute 35-Jährige mit dem klaren Ziel, Biologie zu studieren. Thema der Maturaarbeit: Bartgeier. Später, mit der Masterarbeit, ergab sich der Kontakt zur Stiftung Pro Bartgeier mit nachfolgender Anstellung. Ihre Arbeit drehte sich um genetische Diversität. Für eine langfristig gesunde Population im Alpenraum müsse man die Auswilderung weiterbetreiben, lautete das Ergebnis.

«Füfer und ds Weggli»

Seit 2010 ist sie bei der Stiftung. Auch wenn zur Arbeit manchmal weniger spektakuläre Tätigkeiten gehören wie Administration, Buchhaltung oder das Schreiben von Newslettern – für sie sei die Stelle der «Füfer und ds Weggli». Ihren 35. Geburtstag hat Franziska Lörcher übrigens am Hengliwang gefeiert – einen Tag nach der Auswilderung der drei Vögel. Zu ihrer Überraschung besuchte ihre Mutter sie hier mit Kuchen, Kerzen und Prosecco. Der Freund muss bereit sein, auf sie zu verzichten. Er hat Verständnis, denn er ist selbst Biologe. «Mich gibts nur mit Bartgeier», sagt Franziska Lörcher und schmunzelt.

Irgendwann werden Trudi, die Goldauerin und Sempach II nicht mehr in ihren Horst zurückkehren. Im kommenden Jahr werden weitere Bartgeier auf der Frutt angesiedelt. «Ihre» Bartgeier wird Franziska Lörcher sicher nicht vergessen. Wie Sardona, den ersten Bartgeier, den sie im Calfeisental (SG) auswilderte. Er flog wie zum Abschied noch drei Runden über ihrem Kopf.

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