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Doch nicht Giswil: Meryl Streeps Urgrossvater stammte aus Kerns

Giswil beanspruchte bisher Oscar-Gewinnerin Meryl Streep für sich. Eine Verwandte beweist jetzt, dass das nicht stimmt.
Romano Cuonz
Meryl Streep bei der Weltpremiere der Filmbiografie über Florence Foster Jenkins. Bild: Keystone/Will Oliver (London, 12. April 2016)

Meryl Streep bei der Weltpremiere der Filmbiografie über Florence Foster Jenkins. Bild: Keystone/Will Oliver (London, 12. April 2016)

Die weltberühmte Schauspielerin und dreifache Oscar-Preisträgerin Meryl Streep konnte am 22. Juni ihren 70. Geburtstag feiern. Sucht man in Wikipedia nach ihrem Namen, erlebt man eine Überraschung. Da steht Schwarz auf Weiss: «Einer ihrer Urgrossväter väterlicherseits, Balthasar Wilhelm Huber, stammte aus Giswil in der Schweiz.» Kaum hatte die Amerikanerin 2012 für ihre Hauptrolle in «Die eiserne Lady» ihren dritten Oscar erhalten, bekam sie damals Post aus Obwalden.

Giswils damaliger Gemeindepräsident Bruno Enz liess es sich nicht nehmen, die Schauspielerin zu einem Besuch in ihre «Urheimat» einzuladen. Im Brief vom 21. März 2012 mit Absender «Gemeinde Giswil» und dem Vermerk «Back to the roots – Invitation to Giswil» hiess es ins Deutsche übersetzt: «Wir würden Ihnen gerne die Heimat Ihrer Vorfahren zeigen und laden Sie herzlich dazu ein, ihren Heimatort zu besuchen.» Auf Anfrage sagt der stellvertretende Gemeindeschreiber Patrick Walker: «Eine Antwort aus Amerika auf unsere Einladung ist leider bis zum heutigen Tag nicht eingetroffen.» Die Obwaldner SP-Kantonsrätin Eva Morger aus Sachseln berichtigt nun:

«Wollte Meryl Streep ihre Obwaldner Wurzeln und den Heimatort tatsächlich kennenlernen, müsste sie wohl doch eher Kerns als Giswil besuchen.»

Sie muss es wissen, ist sie doch die letzte nach wie vor in Obwalden lebende Nachkommin des Amerika-Auswanderers Felix Huber. Und damit eine wenn auch sehr entfernte Verwandte von Meryl Streep. Der 1821 in Kerns geborene und 1882 mit 61 Jahren im amerikanischen New Jersey gestorbene Taglöhner Felix Huber trug in Obwalden noch den Beinamen «Brägel Felix». Einer seiner späten amerikanischen Nachkommen, Robert D. Maloy aus Texas, hat die Familiengeschichte mit einer bebilderten Deszendenten- Tafel komplettiert.

Das Werk trägt den Titel «The Huber Family from Kerns, Kanton Obwalden Switzerland». Und wirklich: An einer Tür im Kernser Bezirk Dietried findet sich bis heute ein Hauszeichen mit dem Namen Huber. Die Familie besass zweifellos das Kernser Bürgerrecht. Warum aber kommt im Internet doch Giswil «zu Ehren»?

Der Lokalhistoriker Ludwig Degelo kann das Rätsel lösen. «Felix Huber war ein armer Taglöhner, der zuerst in Kerns, dann in Giswil und zuletzt noch in Sachseln arbeitete und wohnte», sagt er. Im Giswiler Ortsteil Rudenz habe Felix Hubers Ehefrau Franziska Zurmühle sieben Kinder geboren, 1852, als vierten Knaben, auch Wilhelm. Und dieser Wilhelm ist der Urgrossvater von Meryl Streep. «Weil jedoch im englischen Sprachgebrauch der Begriff Bürgerrecht nicht existiert, war für die Amerikaner allein der Geburtsort relevant», erklärt Degelo. So ist wohl auch der Irrtum in Wikipedia zu erklären.

Würde Meryl Streep ihre Obwaldner Familienstory kennen, wer weiss, vielleicht entstünde da nochmals ein neuer Film. Die Sachslerin Eva Morger – Urenkelin von Alois Huber, dem älteren Bruder von Meryl Streeps Urgrossvater Wilhelm – kennt die dramatische Geschichte der Kernst Huber sehr genau. Sie erzählt: Als unser Stammvater Felix Huber 1869 Obwalden mangels Arbeit und in Armut verliess, nahm er drei seiner Söhne – Wilhelm, Josef und Arnold – mit nach Amerika. Damals zahlten Obwaldner Gemeinden armen Leuten, die ihnen auf der Tasche lagen, gar noch ein stattliches Handgeld für die Überfahrt.

Urgrossvater wanderte aus, 
die Mutter blieb daheim

Mutter Franziska Zurmühle wollte trotzdem nicht mitgehen. Sie blieb mit den andern Kindern in Obwalden zurück. Ihren Mann und die ausgewanderten Söhne sah sie nie wieder. Erst 1881, zu ihrer Beerdigung, kehrten zwei von ihnen für eine kurze Zeit nach Obwalden zurück.

Eva Morger besitzt noch viele Dokumente von damals: Ein grosses gerahmtes Bild des Urahnen Felix Huber. Fotos, Briefe und Karten aus Amerika, ja sogar das Wanderbuch (Reisepass) ihres Urgrossvaters Alois. Übrigens: Meryl Streeps Urgrossvater Wilhelm war erst 17 Jahre alt, als er Obwalden verliess.

Die Hubers fanden im viertkleinsten US-Bundesstaat New Jersey Arbeit als «Ice makers» und «Ice men». Dabei verkauften sie nicht etwa Glace, sondern Eis zum Kühlen von Essen und Getränken. Mit Pferd und Wagen belieferten sie Saloons und Lebensmittelläden. Interessant ist eine Aussage, die Eva Morgers Urgrossvater Alois mit 80 gegenüber einer Zeitung gemacht hat:

«Wenn man 60 Jahre Eis ausgetragen hat, hat man einen starken rechten Arm.»

Obwaldner und 
deutsches Blut

Meryl Streeps Urgrossvater Wilhelm kehrt nach der Beerdigung der Mutter 1882 wieder nach Newark zurück. Dort heiratete er Helena Fredrika Halter, die Tochter eines aus Deutschland stammenden Schrankmachers und Lehrers und hatte mit ihr neun Kinder.

Die älteste Tochter hiess wie ihre Mutter Helena. Sie heiratete den ebenfalls aus Deutschland stammenden Handelsverkäufer Wilburt Streep: Meryl Streeps Grossvater. Hätten Frauen nach ihrer Heirat schon damals ihren früheren Namen beibehalten können, hiesse die berühmte Schauspielerin vielleicht Mary Louise Huber. Wie auch immer: sicher ist, sie hat Schweizer Wurzeln. In Kerns.

Lädt nun Kerns die US-Schauspielerin ein?

(mvr) Der Kernser Gemeindepräsident André Windlin (FDP) zeigt sich auf Anfrage überrascht darüber, dass seine Gemeinde so eine prominente Bürgerin hat. Die Frage liegt auf der Hand: Wird nun Kerns wie vor Jahren auch Giswil Meryl Streep einladen, ihre ureigenste Heimat kennen zu lernen?

Nach Rücksprache mit Vizepräsident Beat von Deschwanden (SVP) meldet er zurück: «Wir wären offen für einen Besuch, wenn sich eine Gelegenheit ergäbe, ihr den Heimatort zu zeigen.» Aber so offen wie die Möglichkeit ist auch die Haltung des Gemeindepräsidenten: «Wir werden ihr kaum aktiv wie Giswil eine Einladung schicken. Aber würden wir allenfalls von einem Schweiz-Besuch von ihr erfahren, sollten wir darauf reagieren.» Er begründet die Zurückhaltung damit, dass Giswil nie eine Reaktion erhielt. Sollte sich allenfalls ein entfernter Verwandter als Türöffner melden, könnte man das wieder anschauen und gemeinsam einen Brief schicken. Käme es zu einer Begegnung, «würden wir ihr sicher das Dietried, wo sie herstammt, und die Frutt zeigen und sie wohl in der Lodge logieren lassen», meint Windlin.

Meryl Streep (links) macht ein Selfie von ihr und Hillary Clinton. (Bild: Keystone, Kevin Wolf, 1. Dezember 2012)

Meryl Streep (links) macht ein Selfie von ihr und Hillary Clinton. (Bild: Keystone, Kevin Wolf, 1. Dezember 2012)

Ururgrossvater Felix mit seiner Frau. (Bild Archiv Eva Morger)

Ururgrossvater Felix mit seiner Frau. (Bild Archiv Eva Morger)

Meryl Streeps Urgrossvater Wilhelm Balthasar Huber (vorne links) mit Bruder Arnold (rechts) und Cousins im Jahr 1881. (Bild: PD)

Meryl Streeps Urgrossvater Wilhelm Balthasar Huber (vorne links) mit Bruder Arnold (rechts) und Cousins im Jahr 1881. (Bild: PD)

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