Migration als Konstante der Geschichte

Anna Burch schreib im «Ich meinti» über die «unaufhaltsame Welle»

Anna Burch
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Anna Burch.

Anna Burch.

Kaum ein Tag vergeht, an dem wir nicht mit dem Begriff Migration in Kontakt kommen. Es wird von Flüchtlingsbooten und Immigrationswellen berichtet, fast täglich lesen wir von Asylantenfluten und hören von Migrantenströmen, welche an den Ufern Europas stranden. Was dabei auffällt: Es ist ein gesellschaftliches Thema, das mit wenig guten Gefühlen belegt ist. Ob in Politik oder Medien – Migration wird mit einem Vokabular beschrieben, als handle es sich dabei um eine Naturkatastrophe – um eine unaufhaltsame Flutwelle, die ausser Kontrolle geraten ist.

Genau diesem pessimistischen Unterton widmet sich der UNO-Migrationspakt, welcher unlängst vom Bundesrat unterzeichnet wurde. Dies provozierte heftige Diskussionen in der Schweiz als Unterzeichner-Land. Nach Punkt 17 wird sie nämlich dazu angehalten, einen öffentlichen Diskurs zu fördern, der zu einer humaneren und konstruktiveren Wahrnehmung von Migration und Migranten führt. In der Folge darauf bangte sogleich die Presse um ihre Pressefreiheit und die Demokratie um ihren Meinungspluralismus.

Doch die eigentliche Frage, welche sich durch Punkt 17 der Schweiz stellt, blieb weitgehend unbeachtet: Wieso ist die öffentliche Debatte rund um Migrationsthemen in der Schweiz so negativ behaftet? Diese Frage erhält zusätzliches Gewicht mit Blick auf die Vergangenheit, denn Migration ist keineswegs ein neumodisches Phänomen. Im Gegenteil, bereits nach einer kurzen Recherche ist festzustellen: Die Schweiz selber stellt das Paradebeispiel einer erfolgreichen Migrationsgeschichte dar.

Das «Weisse Buch von Sarnen» aus dem Jahr 1470 beginnt so nicht etwa mit dem kühnen Freiheitskampf des Urschweizers Tell, sondern mit einer Schilderung der damaligen Migrationsströme: Die Römer hätten Unterwalden bevölkert und Schwyz erhielt Zuwanderung von Leuten aus Schweden, «da ihrer daheim zu viele waren», berichte der Obwaldner Landschreiber Hans Schriber. Bis zum Ende der Alten Eidgenossenschaft 1798 waren die Schweizer Grenzen durch Arbeits- und Fluchtmigration, saisonale und dauerhafte Bewegung sowie militärische und Expertenwanderungen beweglich. Diese Dynamik blieb über Jahrhunderte hinweg bestehen, es war ein Kommen und Gehen im Herzen Europas: So emigrierten im 17. Jahrhundert viele junge Schweizer, um in der Fremde ihren Sold unter einer fremden Krone zu verdienen. Im nächsten Jahrhundert wurde die Abwanderung durch Familien fortgesetzt, welche, getrieben von der Armut, ihr Glück in der Ferne zu finden verhofften. So verdankt etwa der Tilsiter seinen Namen der ostpreussischen Stadt Tilsit, wohin es einen Schweizer Bauern im 19. Jahrhundert verschlug.

Vor gut 100 Jahren war die Schweiz also noch ein Auswanderungsland. Dies änderte sich schlagartig mit der Industrialisierung und dem Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte. Ab dann wurde immigriert – die Arbeitsnachfrage schaffte sich ihr Angebot – und die Schweiz erhielt Zuwachs an Gastarbeitern, beruflichen Spezialisten sowie einem bunten Pool an wirtschaftlichen und politischen Flüchtlingen. Doch auch diese fremden Einflüsse, innovativen Denker und kulturelle Durchmischung gehören zur heutigen Schweiz. Denn Migration zieht sich als Konstante durch die Schweizer Geschichtsschreibung: Sie hat die Schweiz mitunter zu dem gemacht, was sie heute ist. Dementsprechend verdient sie auch zu Recht einen besseren Ruf in der Schweizer Gesellschaft – wie ich finde.

Anna Burch aus Sarnen, Studentin der internationalen Beziehungen an der Uni St. Gallen, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.