MUNDART: Junge entdecken Dialekt wieder vermehrt

Dialektforscher stossen in Ob- und Nidwalden auf einen reichen Fundus der Sprache. Doch warum gibt es diese Unterschiede? Selbst Professorin Helen Christen kennt die Antwort nicht.

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Linguistik-Professorin Helen Christen (59) in ihrem Garten in Luzern: «Es wäre genauso gut möglich, dass man heute in Bern ‹dui› sagt.» (Bild Adrian Venetz)

Linguistik-Professorin Helen Christen (59) in ihrem Garten in Luzern: «Es wäre genauso gut möglich, dass man heute in Bern ‹dui› sagt.» (Bild Adrian Venetz)

Nur wenige Personen in der Schweiz kennen sich beim Thema Dialekt so gut aus wie sie: Helen Christen (59) ist Professorin für Germanistische Linguistik an der Universität Freiburg und hat zahlreiche Bücher und Fachbeiträge zur Dialektologie publiziert. Zudem arbeitet sie beim Forschungsinstitut für deutsche Sprache an der Philipps-Universität in Marburg. Geboren und aufgewachsen ist Helen Christen in St. Erhard bei Sursee. Heute wohnt sie in der Stadt Luzern.

Ganz einfach gefragt: Warum sagt man in Buochs «meys Huis» und keine 20 Kilometer entfernt in Luzern «mis Huus»?

Helen Christen: Solche Warum-Fragen kann man in der Dialektologie praktisch nicht beantworten. Man kann diese Unterschiede lediglich feststellen, lokalisieren und erklären, welcher Lautwandel hier stattfindet. Aber warum das in einer Gegend passiert und in einer anderen nicht – das ist ein Rätsel.

Ein Beispiel?

Christen: Das Wort «meys» in Buochs hiess früher wohl ebenfalls «miis». Warum es in diesem Gebiet plötzlich Mode wurde, «meys» statt «miis» zu sagen, wissen wir nicht. Das hat mit sozialen Umständen, mit gesellschaftlicher Einbettung, mit dem Ansehen von Bevölkerungsgruppen zu tun. Aber offensichtlich ist aus dieser «Modeerscheinung» ein hörbarer Dialektunterschied geworden.

In Buochs sagte man also nicht immer schon «meys»?

Christen: Nein, das ist ein ganz neues Phänomen.

Ganz neu? Ernsthaft?

Christen: (lacht) Wenn Linguisten von «neu» sprechen, bewegen sie sich in der Zeitspanne von Jahrhunderten. Einen Lautwandel, der vor 200 Jahren stattgefunden hat, bezeichnen wir noch immer als neu. Das «dui» in Nid- und Obwalden ist übrigens auch ein relativ neues Phänomen – früher sagte man das nicht.

Welches ist das «jüngste» Phänomen im Nidwaldner Dialekt?

Christen: In einigen Gemeinden ist das «L» zum «U» geworden. Also «Nidwaude» statt «Nidwalde». Dies ist erst seit etwa 50 Jahren der Fall. Davor hat man überall «Nidwalde» gesagt. Aber auch hier gilt: Warum es zu diesem Lautwechsel kam, kann man nicht eindeutig sagen.

Wie muss man sich denn eine solche «Modeerscheinung» vorstellen? Sind da vor langer Zeit einmal ein paar Jugendliche in einer Buochser Beiz gesessen und haben aus Jux beschlossen: Von nun an sagen wir «meys» statt «miis» – und plötzlich sagte das ganze Dorf «meys»?

Christen: Nein, ein solcher «Jux» setzt sich nur in den seltensten Fällen durch. Solche lautlichen Veränderungen geschehen entweder unbewusst: das «L» wird immer dunkler ausgesprochen, bis es schliesslich den Charakter des Vokals «U» übernimmt. Oder aber eine Sprecherin, ein Sprecher bringt die Mode der «U»-Aussprache von Bern oder Luzern nach Unterwalden. Warum aber viele Nidwaldner und nur ganz wenige Obwaldner ausgerechnet diesen neuen Gebrauch mehr oder weniger bewusst übernehmen, dafür gibt es keine einfachen Ursachen-Wirkung-Erklärungen.

Auch wenn ich eine Zeitmaschine hätte, könnte ich also nicht herausfinden, ab wann man in Buochs «meys» statt «miis» gesagt hat.

Christen: Nein. Die Lautveränderungen geschehen ganz langsam, fliessend und häufig unbemerkt – und zuerst sind es nur ganz wenige Sprecher, dann viele, die zudem vielleicht nicht immer «meys», sondern auch noch «miis» sagen.

Also gibt es auch für das «dui» in Ob- und Nidwalden keine Erklärung?

Christen: Nein, aber das ist in der Sprache oft so. Es wäre genauso gut möglich, dass man heute in Bern «dui» sagt und in Obwalden «du» – diese gesellschaftlichen Strömungen lassen sich nicht leicht begründen und schon gar nicht vorhersagen.

Aber bei Lungern und Engelberg – oder beispielsweise auch im Wallis – zeigt sich doch deutlich eine geografische Abgeschiedenheit. Ist dies nicht die plausibelste Erklärung für die Dialektunterschiede?

Christen: Es gibt so Erklärungsmythen. Man versucht, Modelle zu entwickeln, warum es zum Beispiel im Walliserdialekt einzelne sprachliche Phänomene gibt, die man schon in der mittel- und althochdeutschen Sprache findet, in anderen Orten dagegen nicht. Mit dieser «Abgeschiedenheitsthese» kann man einiges erklären. Aber die Frage ist doch auch: Warum ist es immer noch so? Die Engelberger, Lungerer oder Walliser haben doch schon längst regen Kontakt mit Leuten aus dem Rest der Schweiz. Die Berge sind schon lange kein Hindernis mehr. Wenn allein die Abgeschiedenheit sprachliche Variationen erklären könnte, dann würde man an solchen Orten heute nicht mehr einen eigenen Dialekt sprechen.

Und warum tut man es trotzdem?

Christen: Hier sieht man eben deutlich, dass ein Dialekt auch eine Gruppenzugehörigkeit markiert. Mögen geografische Bedingungen – unüberwindbare Berge und trennende Gewässer – zu unterschiedlichen Dialekten geführt haben, so sind es die Grenzen im Kopf, welche die Unterschiede in der Sprache bewahren oder sogar fördern.

Was meinen Sie mit «fördern»?

Christen: Ein Beispiel: Dass viele Walliser nicht nur «salbu» sagen, sondern hinter jedes Verb ein «u» setzen – «losu, läbu» statt «lose, läbe» – ist nicht lautgeschichtlich herzuleiten. Vielmehr zeigt sich hier, dass die Walliser versuchen, ihren Dialekt quasi noch «walliserdeutscher» zu machen. Es sind also weniger äussere Konstellationen, sondern unsere Vorstellungen von Räumen und Gruppen, die den Dialekt verändern.

Ich wohne seit bald 30 Jahren in Obwalden und spreche noch immer Walliser Dialekt. Das tue ich also vor allem deshalb, weil mein Dialekt ein Teil meiner Identität ist und ich das nicht verlieren will?

Christen: Ganz genau. Eigentlich könnten Sie ja längst schon Obwaldner Dialekt sprechen – aber Sie tun es nicht. Wieder gilt: Der Kontakt zwischen Sprechern ist nicht allein ausschlaggebend, sondern die mentalen Zugehörigkeiten. Das ist eine ganz wichtige Erklärung dafür, dass die Dialektunterschiede auch in der heutigen Zeit klar erkenntlich sind – und es vermutlich auch lange bleiben werden.

Sind solche Lautveränderungen auch heute noch zu beobachten?

Christen: Durchaus! Wenn ich beispielsweise den jungen Moderatorinnen aus dem Regionalfernsehen Tele 1 zuhöre, fällt mir auf, dass sie den Laut «a» – zum Beispiel im Wort «Amsel» – weniger hell sagen als ältere Frauen. Es wird zu einem dunkleren «a», das etwas nach hinten gerutscht ist – ähnlich wie bei den Wallisern oder bei den Zürchern. Das sind zwar ganz feine Nuancen, aber bei jungen Menschen fällt mir das vermehrt auf.

Und das wird so bleiben?

Christen: Unmöglich, diese Frage zu beantworten. Vielleicht setzt sich die «Mode» durch und in 100 Jahren sprechen die Luzerner das «a» in «Amsel» gleich aus wie die Walliser oder die Zürcher. Vielleicht auch nicht.

Blicken wir 300 Jahre in die Zukunft: Wird ein Lungerer dann praktisch gleich sprechen wie ein Luzerner? Oder sogar noch unterschiedlicher als heute?

Christen: (lacht) Ich nenne solche Fragen immer «linguistisches Kaffeesatzlesen». Weil das alles von hochkomplexen, sozialen Zusammenhängen abhängt, sind Prognosen schwierig. Es hängt davon ab, wie sehr die Menschen dann das unbewusste Bedürfnis haben, sich örtlich unterscheiden und abgrenzen zu können.

Die globalisierte Welt führt also nicht zu einer «Gleichschaltung» von Dialekten?

Christen: Einige linguistische Untersuchungen zeigen das Gegenteil: Gerade die Vernetzung und Globalisierung führt dazu, dass wieder das Bedürfnis entsteht, sich als Individuum klarer definieren und lokalisieren zu können – eben auch mit Hilfe des Dialekts. Unterschiedliche Dialekte werden heute immer wieder thematisiert, auch bei jungen Menschen.

Wenn ich nun behaupten würde, in 300 Jahren spricht man von Basel bis Brig überall gleich, würden Sie mir also vehement widersprechen.

Christen: Eher ja. Die Zeichen deuten zumindest gar nicht in diese Richtung. Gerade bei jungen Menschen ist wieder vermehrt zu beobachten, dass sie ihren Dialekt, selbst wenn dieser nur in einem ganz kleinen Gebiet gesprochen wird, selbstbewusst behalten und sich nicht etwa dafür schämen.

Wie hat sich die Dialektforschung im Lauf der Zeit verändert?

Christen: Ein ganz entscheidender Punkt: Heute kann man Tonaufzeichnungen machen und archivieren, was bei der Begründung der Sprachwissenschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht möglich war. Dank den Medien – vor allem Radio und Fernsehen – hat man Zugriff auf riesiges Datenmaterial, das man auswerten und vergleichen kann. Je weiter wir in der Geschichte zurückgehen, desto schwieriger wird es, weil man von schriftlichen Sprachzeugen auf die gesprochene Sprache schliessen muss.

Hinweis

Mit diesem Interview beenden wir unsere Sommerserie «Wie redsch dui?». Im Rahmen dieser Serie haben wir verschiedene Leute aus Ob- und Nidwalden getroffen, die den Dialekt ihrer Gemeinde mit Stolz und Freude pflegen. Erschienen sind folgende Beiträge: Heidy Gasser aus Lungern (15. 7.), Josef Hess aus Engelberg (25. 7.), Schüpferi-Meitli aus Buochs (29. 7.), Felix Stöckli aus Stans (7. 8.), Ida Knobel aus Wolfenschiessen (12. 8) und Hans Berwert aus Stalden (21. 8) Abonnenten finden die Beiträge auch unter www.nidwaldnerzeitung.ch/serien