Kolumne

Neujahrsvorsätze und Selbstbetrug

Anna Burch macht sich in ihrem «Ich meinti» Gedanken zur Kurzlebigkeit von guten Vorsätzen.

Anna Burch
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Anna Burch. (Bild: PD)

Anna Burch. (Bild: PD)

Weniger Fliegen, mehr Lesen, weniger Stress, mehr Schlaf, viel habe ich mir vorgenommen für das Jahr 2019, um nur ein paar Punkte aus der langen Liste zu nennen. Doch das neue Jahr ist kaum ein Monat alt und schon sind die ersten Neujahrsvorsätze bereits wieder gebrochen. Die Euphorie und Motivation des Silvesterabends sind langsam aber sicher dem Alltagstrott gewichen und haben meine Vorsätze, wie jedes Jahr, ziemlich schnell versanden lassen. Und einmal mehr muss ich konstatieren, dass gute Vorsätze wie neue Schuhe sind: Zuerst ist man von ihnen begeistert, weil sie einem beneidenswert gut aussehen lassen, um dann mit der Zeit festzustellen, dass sie ganz schön unbequem sind.

Beruhigend ist, dass es sich dabei um ein bekanntes Volksleiden handelt, wie meine Recherchen zeigten. Rund drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer starten mit guten Vorsätzen im Gepäck ins neue Jahr. Unter den beliebtesten Vorhaben sind seit vielen Jahren immer dabei: gesündere Ernährung, mehr Zeit für die Familie, mehr Sport und weniger Rauchen. Was jedoch auf jeder Liste fehlt, ist der Vorsatz, dass man sich an die guten Vorsätze auch tatsächlich halten wird. Während Fitnessabo-Anbieter und Lebensberater einen beträchtlichen Teil ihrer Gewinne mit dieser Neujahrs-Euphorie machen, verharrt man selber gefangen in alten Gewohnheiten. Denn rund die Hälfte derer, welche sich an Silvester Besserung geloben, geben ihre Ambitionen im Laufe des Jahres wieder auf. Dem pflichtet auch die Wissenschaft bei. Studien haben gezeigt, dass nur rund 30 Prozent der Vorsätze eine realistische Chance haben, sich langfristig als Gewohnheit zu verfestigen. Falls also auch Sie sich zur Kategorie der desillusionierten Neujahrs-Euphorikerinnen und -Euphorikern zählen, lautet meine erste Botschaft: Ihr seid nicht allein!

Wieso aber verlieren wir den Kampf gegen unseren «inneren Schweinehund» so oft? Möchte man dieses unbeliebte Tier konkret beim Namen nennen, so muss man von den Basalganglien sprechen, welche tief im Innern unseres Gehirns sitzen. Diese speichern erlernte Abläufe als feste Routinen ab, welche nicht mehr ausgelöscht werden können. Eine alte Gewohnheit durch eine neue ausser Kraft zu setzen, ist somit ein schwieriges Unterfangen und benötigt Unmengen von Übung und Motivation. Nicht unmöglich, jedoch ungemütlicher, als es den meisten von uns lieb ist.

Doch aus welchem Grund nehmen wir uns trotzdem jedes Jahr aufs Neue wieder so viel vor? Ein neues Jahr, zu vergleichen mit einem unbeschriebenen Blatt Papier, lädt gerade dazu ein, neu anzufangen, sich zu ändern oder in den meisten Fällen: sich zu bessern. Man muss nicht sehr abergläubisch veranlagt sein, um die Silvesternacht als einen magischen Moment, einen Neubeginn zu empfinden. Neben dieser guten Portion Aberglaube kommt der Wunsch nach Kontrolle dazu, welcher uns jährlich zu wackeren Versuchen zur Selbstverbesserung verleitet. Dass diese sich oftmals nicht ganz erfüllen, ist nebensächlich, denn der Glaube daran, das Leben im Griff zu haben – beispielsweise durch das Fassen von Neujahrsvorsätzen – reicht uns bereits vollkommen aus. Sich Dinge vorzunehmen, welche man nicht einhalten kann, ist somit ganz normal. Glücklicherweise ist der Mensch dazu noch ein hoffnungsloser Optimist, sodass uns die Misserfolge nicht zu hart treffen. Denn, während die Erfolge im neuen Jahr auf das eigene Können zurückgeführt werden, lässt sich für das Scheitern immer ein externer Sündenbock finden.

Was uns also bleibt, ist der Vorsatz, uns nächstes Jahr nicht zu viele und möglichst realistische Vorsätze zu machen, welche wir auch tatsächlich umsetzen können. Und das Gute ist: Am nächsten Silvesterabend sind die schlechten Erfahrungen mit den guten Vorsätzen schon wieder vergessen.

Anna Burch aus Sarnen, Studentin der internationalen Beziehungen an der Uni St. Gallen, äussert sich abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.