Kolumne

Neutral ist nur das Schweigen

Romano Cuonz sinniert in seinem «Ich meinti» über die wahre Bedeutung von Neutralität.

Romano Cuonz
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Romano Cuonz.

Romano Cuonz.

Bild: Corinne Glanzmann

Angreifend aus China und Italien hat unser derzeit schlimmster Feind, das ­Corona-Virus, die Schweizer Grenzen überschritten. Um unseren grössten Mythos aber, die Neutralität, kümmerte es sich bei seinem Vormarsch um keinen Deut. Mehr noch! Diesem neuen Virus ist es gelungen, eine kurz zuvor alles beherrschende, höchst unangenehme Frage mit einem Schlag aus den Medien zu verbannen. Nämlich: Ob denn die Schweiz nach dem Zweiten Weltkrieg überhaupt je noch wirklich neutral gewesen sei.

Mich aber beschäftigt der Skandal um die Steinhauser Crypto AG nach wie vor. Da wurden aus unserem neutralen Land an 130 Staaten mani­pulierte Chiffriergeräte aus­geliefert. Damit konnten US-amerikanische und Deutsche Nachrichtendienste deren Kommunikation mit Drittländern belauschen.

Zu behaupten, dass mich diese Enthüllung überrascht oder gar entsetzt hätte, wäre gelogen. Ich würde nicht einmal staunen, wenn Gremien des Bundes nun herausfänden, dass damals sogar höchste Vertreter unseres neutralen Landes Ohren und Augen fest verschlossen hielten.

Erinnerungen an meine Kindheit in den 1950er-Jahren werden wach. Damals baten wir den lieben Gott mit jedem Nachtgebet, dass er uns vor den bösen Russen– und namentlich vor diesem Teufel von Stalin – beschützen möge. Auch wenn wir uns unter einem «Kalten Krieg» oder «Eisernen Vorhang» nichts Konkretes vorstellen konnten, jagten uns diese Begriffe Angst ein.

Nie vergesse ich, was meine Grossmutter tat, als 1953 aus dem Radiogerät mit dem magischen grünen Auge die Stimme des Sprechers verkündete, der Diktator Stalin sei tot. Sie forderte uns auf, den glorreichen Rosenkranz zu beten und Gott dafür zu danken. Auch erinnere ich mich ganz genau, wie meine Eltern überzeugt waren, dass uns nur der gut katholische deutsche Kanzler Konrad Adenauer und der gegen Hitler siegreiche US-Präsident Dwight D. Eisenhower vor der neuen roten Gefahr beschützen konnten. Damals waren die Amerikaner für uns noch die Guten. Ohne jede Einschränkung, zumal sie uns auch noch Coca-Cola und den Chewinggum bescherten. Eine echt schweizerisch neutrale Gesinnung hätte wohl anders ausgesehen!

Dass nur das Schweigen neutral ist, wurde mir dann in den 1980er-Jahren klar: als Schweizer Soldat bei der Abteilung Presse und Funkspruch. Am Mikrofon hatten wir über ein internes Netz oftmals die politische Lage für Truppenübungen zu schildern. Und die Manöver gipfelten fast immer im ­gleichen Szenario: Die bösen Warschauer-Pakt-Mächte marschierten in Österreich ein.

Jetzt aber musste die Schweiz sich entscheiden, ob sie ihre Grenzen – bis auf den letzten Mann neutral – weiterhin auch gegen befreundete Länder verteidigen würde. In diesem Moment folgte jedes Mal der Übungsabbruch. Nach der Devise: Neutral ist nur das Schweigen. Doch, selbst wenn die ­«Hohen» schwiegen, ahnte jeder Soldat, wie wohl der Bundesrat in einem solche Fall gehandelt hätte.

Fazit: Die Schweiz wurde, all ihren Vermittlerrollen bei internationalen Konflikten zum Trotz, auch von Dritten entweder als Teil des westlichen beziehungsweise europäischen Lagers oder eben überhaupt nicht wahrgenommen. Und deshalb wäre es für mich schon sehr erstaunlich, wenn nun die Untersuchungskommission des Parlaments frühere Bundesräte wegen ihres Wegschauens oder Schweigens in Sachen Crypto-Affäre zur Rechenschaft ziehen würde. Selbst wenn, was damals geschah, rein rechtlich unverzeihlich ist. Ja, mit der Neutralität ist es halt so eine Sache! Das wusste schon Dante Alighieri. Er sagte – auf Obwaldner Deutsch übersetzt – einmal: S’ häissischte Plätzli i der Hèll isch fyr diä reserviärd, wo i Zyytä vonärä Kriisä nyytraal blyybid!

Romano Cuonz, Journalist und Schriftsteller aus Sarnen, äussert sich in der Kolumne «Ich meinti» abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema.