Kolumne

Nur die Ruhe kann es bringen

Romano Cuonz beschreibt in seiner Kolumne Ich meinti, warum er trotz wohltuender Ruhe und Gelassenheit nicht nach Kanada auswandert.

Romano Cuonz
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Es ist eine uralte, häufig zitierte und im Alltag oft angewandte Redensart: «Nur die Ruhe kann es bringen!» Was die sechs Worte wirklich bedeuten – wie wohltuend es ist, wenn jemand sie sich zu Herzen nimmt – konnten wir in den letzten Wochen für einmal hautnah erleben. Weitab von Obwalden allerdings: in den wilden kanadischen «Rockys».

Romano Cuonz.

Romano Cuonz.

Voll Hoffnung, vielleicht den einen oder andern Bären vor die Kamera zu bekommen, verliessen wir die Hauptstrasse. Nur ein paar hundert Meter mussten wir wandern, und schon gab es rund um uns herum nichts mehr als diese unendliche, wohltuende Ruhe. Keine Stimmen. Kein Motorenlärm. Nicht einmal das ferne Brummen eines Flugzeugs war zu hören. Einfach nur Ruhe. Und je länger wir den Lärm – einmal abgesehen vom Bärenglöckchen, das man uns empfohlen hatte – hinter uns liessen, desto hörbarer wurde diese Ruhe. Hörbar als Rauschen des Windes in den Baumwipfeln. Vernehmbar als Vogelstimmen. Oder gar als leises Sirren und Zirpen von Insekten. Einzig auf das Brummen eines Bären warteten wir in dieser wundervollen Einsamkeit und Ruhe vergeblich.

Die Kanadier haben aber auch den übertragenen Sinn der Redensart erkannt: In ihrem weiten, oft unberührten Land konnten wir gut 3000 Kilometer fahren, manchmal auch bremsen und Wegweiser lesen, ohne dass je einer hinter uns hupte oder die Hände verwarf. Ganz selten begegneten wir Fahrern, die Höchstgeschwindigkeiten – erlaubt sind da, der Umwelt zuliebe, maximal 100 Stundenkilometer – überschritten. Und wenn doch, dann waren es meist Mietwagen. Ich fragte mich, ob dies einfach so sei, weil man sich in diesem riesigen Land ohnehin für alles und jedes genügend Zeit nehmen muss. Weil da Eile und Hast schlicht nutzlos wären. Apropos Gelassenheit: Auch der erste Bär, den wir sahen, hielt sich ganz und gar an die Devise «Nur die Ruhe kann es bringen!» Keine 20 Meter von uns entfernt stand er am Waldrand. Frass seelenruhig – wohl tonnenweise – Beeren. Dabei liess er sich absolut nicht stören. Auch nicht, als nach und nach über 20 Fahrzeuge mit gleich nochmals so vielen Fotografen auf dem Pannenstreifen anhielten. Selbst die Bären: Kanadier ganz und gar!

Das böse Erwachen kam dann zu Hause – für einmal wie der Sturm nach der Ruhe: schon auf den ersten Metern Autobahn wieder diese dröhnende, eine wilde Jagd rechts und links an mir vorbei. Von unserm Haus aus kann ich sechs Baukräne sehen, und in unserer unmittelbaren Nachbarschaft werden unter Getöse gleich zwei Häuser abgebrochen. Am Himmel tauchen noch und noch – heulend, jaulend, diese trainierenden Flugzeuge aus dem Nachbarkanton auf. Ja: Nach drei Wochen kanadischer Ruhe – zurück im Sarneraatal – wird mir klar, wie recht der deutsche Philosoph und Journalist Manfred Hinrich hat, wenn er Lärm als moderne Folter bezeichnet und sagt: «Den Lärmprozess verlieren wir alle!»

«Soll der doch nach Kanada auswandern, wenn ihm unser Fortschritt nicht passt», höre ich hinter und neben mir ausrufen. In der Tat: Diese Konsequenz haben gleich mehrere frühere Kolleginnen und Kollegen von mir gezogen. Nur: Ich habe den Mut dazu nicht. Ich bleibe halt Obwaldner! Doch auch als solcher habe ich noch nicht jede Hoffnung verloren. Vielleicht kommt ja wieder einmal eine Generation, die weiter vorausblickt. Die erkennt, wie viel Lebensqualität man in unserem Kanton mit einem lärmig errungenen, ungehemmten und ungebremsten Fortschritt aufs Spiel setzt. Warum ich diese Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe? Es ist nun schon einige Jahrzehnte her. Da hatten aufmüpfige Protagonisten der Obwaldner Wirtschaftsvereinigung für unsern ländlichen Kanton den Slogan «Obsi Obwaldä» auf ihre Flaggen geschrieben. Doch ihnen traten eher bedächtigere Leute um den unvergesslichen Grünen-Politiker Bruno Santini gegenüber. Leute, deren Wiedererwachen ich mir für Obwaldens Zukunft so sehr wünschen würde. Sie stellten nämlich diesem Fortschritt um jeden Preis vier Worte gegenüber, die einfach alles sagen: «Wyter obsi gaads nidsi».