OB-/NIDWALDEN: «Das Freerider-Problem ist ungelöst»

Die mögliche Verschiebung eines Teils des Jagdbanngebietes im Titlisgebiet gibt zu reden. Das Bundesamt für Umwelt verteidigt die Massnahme.

Interview Geri Wyss
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Der eidgenössische Jagdinspektor Reinhard Schnidrig, hier unterwegs in Unterägeri.

Der eidgenössische Jagdinspektor Reinhard Schnidrig, hier unterwegs in Unterägeri.

10 Quadratkilometer im Gebiet Trübsee sollen nicht mehr zum Jagdbanngebiet Huetstock gehören. Die Kantone Ob- und Nidwalden wollen beim Bund als Ersatz eine vergleichbare Fläche im Raum Bannalp/Schwarzwald/Walenstöcke beantragen. An einer Veranstaltung war es kürzlich zu etlichen kritischen Voten gekommen. Vor allem Verantwortliche der Luftseilbahn Bannalp, des SAC und Tierhalter befürchteten zu grosse Einschränkungen. Wir fragten bei Reinhard Schnidrig, verantwortlich für die Jagd im Bundesamt für Umwelt, nach, ob ohne Verschiebung der Bau einer neuen Titlis-Gondelbahn gefährdet sei und wie gross die Chancen für die Verschiebung stünden.

Reinhard Schnidrig, Was will der Bund mit den Jagdbanngebieten erreichen?

Reinhard Schnidrig: Eidgenössische Jagdbanngebiete dienen dem Schutz von wild lebenden Säugetieren und Vögeln und ihren Lebensräumen. Damit sind es Wildtierschutzgebiete oder Fauna-Vorranggebiete von nationaler Bedeutung.

Was ist dort an touristischer Nutzung und baulichen Eingriffen möglich?

Schnidrig: Nutzungen durch die Alp- und Forstwirtschaft sowie durch den Tourismus sind nicht à priori ausgeschlossen, aber sie dürfen nicht die Schutzziele des Bundesrechts gefährden. Der Ausbau der touristischen Infrastruktur bringt meistens sehr viel mehr Störung in die Gebiete, sodass diese Vorhaben häufig mit den Ansprüchen der Wildtiere kollidieren.

Die Verordnung über die Banngebiete gilt bis heute auch im Gebiet Trübsee. War die intensive touristische Nutzung bisher widerrechtlich?

Schnidrig: Keine Bahn steht in diesem Gebiet widerrechtlich. Der touristische Ausbau des Gebietes wurde beschlossen und eingeleitet, bevor die Bundesverordnung 1991 im Bundesparlament anlässlich der Totalrevision des eidgenössischen Jagd- und Wildtierschutzgesetzes in Richtung Lebensraumschutz ergänzt wurde.

1991 kam somit nebst dem Tierschutz auch der Landschafts- und Lebensraumschutz dazu. Welche Probleme existieren im Trübseegebiet?

Schnidrig: Weil wir hier mit der intensiven touristischen Nutzung Sorgen haben und der Wildhüter grosse Mühe hat, das Bundesrecht korrekt einzufordern, haben wir in den letzten Jahren gemeinsam mit den beiden Kantonen und den Titlis-Bahnen verschiedene Massnahmen erarbeitet und umgesetzt, zum Beispiel die Ausscheidung von Wildruhezonen mit Betretungsverbot oder Wegegebote mit Besucherlenkungsmassnahmen.

Wo greifen diese noch zu wenig?

Schnidrig: Nach wie vor ungelöst ist das Problem mit den Freeridern, die abseits markierter Pisten und Routen Hänge im Schutzgebiet befahren. Und neuen Ausbauplänen stehen wir skeptisch gegenüber.

Falls das Gebiet Bannalp/Walenstöcke/Schwarzwald Ersatzgebiet wird: Kann dort weiter geklettert und auf Skitouren gegangen werden?

Schnidrig: Im Winter sind skitouristische Nutzungen an markierte Pisten, Loipen oder Routen gebunden. Für das Skitourengehen sind somit die traditionellen, in den Swisstopo-Karten eingetragenen Routen erlaubt. Die heute etablierte Nutzung durch Wanderwege und Klettertouren im Sommer ist kein Problem. Die Diskussionen fangen aber an, wenn neue Infrastrukturen wie Klettergärten oder neue Wege geplant werden oder wenn das Gebiet über Touren- und Kletterführer öffentlich beworben wird.

Beim Projekt der neuen Gondelbahn Engelberg-Stand liegt noch eine Einsprache vor. Worum geht es da?

Schnidrig: Wir möchten zu einem laufenden Verfahren keine Stellung beziehen.

Könnte die Verschiebung eines Teils des Jagdbanngebietes eine Lösung für die Einsprache herbeiführen?

Schnidrig: Ja, das ist möglich.

Wird das Gondelbahnprojekt somit keine Bewilligung aus Bern erhalten, falls das Teilgebiet nicht verschoben werden kann?

Schnidrig: Ich will einer sachlichen Beurteilung des Projekts durch die Bundesbehörden nicht vorgreifen. Der Entscheid des Bundesgerichts betreffend Sulzlipiste (siehe Kasten) hat den Vorrang des Gebietes für den Wildtierschutz aber klar benannt.

Die Titlis-Bahnen sind touristisch sehr bedeutsam. Ist eine solche Verschiebung eher möglich, weil das Unternehmen über viel Einfluss verfügt?

Schnidrig: Auf den Bund haben die Titlis-Bahnen bislang keinen Einfluss oder Druck auszuüben versucht. Im Gegenteil, wir haben bei der Besucherlenkung im Schutzgebiet eine sehr gute Zusammenarbeit mit der Bahnunternehmung.

Wer hat das Anliegen einer Verschiebung des Jagdbanngebietes an den Bund herangetragen?

Schnidrig: Die kantonalen Behörden, die einen Auftrag von den beiden Regierungen erhalten haben, zukunftsfähige Lösungen für die touristische Nutzung im Gebiet Trübsee zu suchen.

Wird hier nicht einfach versucht, das heutige Problem der Titlis-Bahnen auf die weniger bedeutsame Region Bann­alp, die geringeren Einfluss hat, zu verschieben?

Schnidrig: Ich sehe die Sache anders. Aus meiner Sicht würde die Bannalp durch die Wahrnehmung als Gebiet von nationaler Bedeutung gewinnen. Einer sanften touristischen Sommer- und Winternutzung steht ja auf der Bannalp nichts im Wege. Probleme für die Bannalp und deren Bahnen gäbe es nur, wenn sie auch grosse Ausbaupläne hätte. Aber davon wurde bislang nie gesprochen.

Ist bei der Verschiebung für den Bund das einzige Kriterium, einen mindestens gleichwertigen Ersatz zu finden?

Schnidrig: Ein in der Fläche und in der Qualität mindestens gleichwertiger Ersatz ist klar das wichtigste Kriterium, aber nicht das einzige. Von Bedeutung ist auch die Vernetzung der Schutzgebiete, was mit dem Gebiet Bannalp–Walenstöcke, welches an das Jagdbanngebiet Hahnen angrenzen würde, hervorragend gelingt.

Welche Gründe sprechen für die jetzt vorgeschlagene Verschiebung?

Schnidrig: Das Gebiet westlich der Bann­alp ist relativ ungestört. An diesen wilden Bergstöcken leben gute Bestände von Gämsen und Steinböcken. Die Lebensraumqualität für die Wildtiere übertrifft jene auf der Titlis-Seite. Und das neue Schutzgebiet umfasst eine reichhaltige und typische alpine Biodiversität als Ganzes, welche es zu schützen gilt.

Welche Gründe könnten gegen die Verschiebung sprechen?

Schnidrig: Eigentlich keine, ausser vielleicht die Tatsache, dass die Verschiebung auf die andere Talseite nicht denselben Wildtierbeständen einen direkten Ersatz bietet. Hierfür wäre eine Ausweitung des Schutzgebietes Huetstock Richtung Engstlenalp oder talauswärts die bessere Wahl.

Hätte es noch andere mögliche Ersatzgebiete gegeben?

Schnidrig: Aus rein wildbiologischer Sicht bestimmt. Was als Ersatz vorgeschlagen wird, ist aber Sache der Kantone. Sie wollen ja auch die Auszonung am Titlis. Der Bund prüft dann die vorgeschlagenen Varianten auf Qualität und Tauglichkeit.

Bis wann ist der Entscheid des Bundesrates dazu zu erwarten?

Schnidrig: Sobald der Antrag der beiden Regierungen beim zuständigen Departement eingetroffen ist, brauchen wir rund vier bis sechs Monate, um das Bundesratsgeschäft abzuschliessen. Liegt das Gesuch im Sommer in Bern, könnte das Geschäft Ende Jahr über die Bühne sein.