OB-/NIDWALDEN: «Die Fälle werden komplexer»

Wenn Kinder Pflege brauchen, kommt die Kinderspitex zum Einsatz. In Obwalden sind die verrechneten Leistungen im vergangenen Jahr massiv gestiegen.

Marion Wannemacher
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Verena Mattmann (links) und Irène Klarer (rechts) von der Spitex kümmern sich mit der Mutter um das Baby und seine Hautkrankheit. (Bild: Marion Wannemacher)

Verena Mattmann (links) und Irène Klarer (rechts) von der Spitex kümmern sich mit der Mutter um das Baby und seine Hautkrankheit. (Bild: Marion Wannemacher)

Das 15 Monate alte Kleinkind liegt auf dem Wickeltisch im Kinderzimmer. Irène Klarer von der Kinderspitex Zentralschweiz holt die von ihr fertig vorbereiteten Kompressen, verbindet das kleine Füsschen. Die Mutter des Buben zieht einen Gazefüssling über den Verband. Verena Mattmann von der Spitex Obwalden lenkt das Baby mit einem Spielzeug ab. Die Wunden müssen jeden Morgen sorgsam verbunden und gepflegt werden. Die aufwendige und schmerzhafte Prozedur gehört seit mehr als einem Jahr zum Alltag der Familie.

«Das ist von Geburt an so», erzählt die Mutter des Kleinkindes. Ihr Kind hat eine genetisch bedingte Hautkrankheit, die den gesunden Aufbau der Haut stört und Wunden bildet. «Allein könnten wir es nicht schaffen», ist sich die junge Frau sicher. «Wir sind dankbar, dass es die Kinderspitex gibt.» Zur Alpnacher Familie gehören insgesamt drei Kinder. Ausser der täglichen Pflege hilft die Kinderspitex bei administrativen Angelegenheiten, ausserdem gibt es einen regelmässigen Austausch über die Entwicklung des Kleinen.

Tendenz der Zahlen: steigend

Insgesamt 100 Kinder hat die Kinderspitex Zentralschweiz in den ersten sechs Monaten dieses Jahres betreut – Tendenz steigend. Die Zahl der verrechneten Leistungen ist vor allem in Obwalden im vergangenen Jahr massiv angewachsen. Rund 2600 Stunden kamen 2012 zusammen. Noch im Vorjahr waren es nur rund 60 Stunden gewesen. In Nidwalden wurden im vergangenen Jahr 70 Stunden geleistet.

Brigitte Lustenberger-Furrer, Leiterin der Kinderspitex Zentralschweiz, sagt dazu: «Die Anzahl der Pflegestunden hängt von der Intensität der Krankheit des Kindes ab.» Möglicherweise bestehe aber auch ein Zusammenhang mit der Fallpauschale im Spital. Irène Klarer, Leiterin des Teams Süd, das den südlichen Teil von Luzern und die Kantone Ob- und Nidwalden abdeckt, geht von geografischer Zufälligkeit aus.

Fakt ist, dass es die Kinderspitex braucht. Denn, so Brigitte Lustenberger: «Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Sie brauchen andere Medikamente, eine andere Dosierung und haben andere Bedürfnisse. Sie benötigen eine spezielle Pflege von speziell ausgebildetem Personal.»

Vielfach sind es Wiedereinsteigerinnen, die in Teilzeit bei der Kinderspitex Zentralschweiz arbeiten und ansonsten als Familienfrau oder in Zweitanstellung tätig sind. «Sie müssen eine enorme Flexibilität mitbringen, weil viele Einsätze kurzfristig sind, ausserdem brauchen sie Freude am Pflegen und selbstständigen Arbeiten im häuslichen Umfeld», sagt Lustenberger.

Die Palette der Fälle reicht weit: Kinder mit Herz- oder Krebserkrankungen, Stoffwechsel- und Muskelerkrankte, Operierte. Viele der Patienten sind unter einem Jahr alt. Insgesamt betreut die Kinderspitex bis 16-jährige Patienten. In der Zentralschweiz gibt es sie seit 1995.

Höhere Anforderungen an Pflege

Seit 20 Jahren arbeitet Irène Klarer für die Pflegeorganisation. Die 49-Jährige ist ausgebildete Kinderkrankenschwester. Ihr Eindruck ist, dass in den vergangenen Jahrzehnten ein Wandel eingetreten ist: «Es gibt immer komplexere Fälle. Die Medizin macht möglich, dass heute Kinder überleben, die früher gestorben wären.» Ausserdem würden heute Kinder heimgeschickt, die vielleicht früher in einem Heim oder im Spital weiterbehandelt worden wären. Das wiederum stellt spezielle Anforderungen an die Pflegefachfrauen. Irène Klarer arbeitet gern: «Man gibt doch sehr stark sein Herz mit hinein.» Viel kommt zurück von den dankbaren Eltern und Patienten. «Es ist ein sehr faszinierender Beruf. Er ist vielseitig, herausfordernd und befriedigend.»