OBWALDEN: Als Obwaldner ihre Heimat verliessen

Flüchtlinge sind kein neues Phänomen. Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten etliche Obwaldner nach Brasilien aus – wegen Armut.

Matthias Piazza
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Traditionell: Nachfahren ausgewanderter Obwaldner feiern am 1. August 2013 in Brasilien 125 Jahre Colonia Helvetia. (Bild Alexandra Frei)

Traditionell: Nachfahren ausgewanderter Obwaldner feiern am 1. August 2013 in Brasilien 125 Jahre Colonia Helvetia. (Bild Alexandra Frei)

Matthias Piazza

Menschen, die ihr Heimatland verlassen, weil sie dort keine Perspektive mehr sehen und ihre Glück in Europa suchen – mit der Hoffnung nach einer besseren Zukunft. Zurzeit sehen wir täglich solche Bilder. Vor nicht einmal 200 Jahren waren auch Obwaldner in einer ähnlichen Situation wie heutige Wirtschaftsflüchtlinge. Sie zogen fort.

«Mitte des 19. Jahrhunderts, zu Beginn der Industrialisierung, gerieten viele Obwaldner in bittere Armut», erzählt Franz Sigrist, der sich als langjähriger Präsident der Korporation Schwendi und als Nachkomme von Obwaldner Auswanderer mit deren Schicksal beschäftigte. «Die oft sehr kinderreichen Familien fanden zu wenig Einkommen, da sich hier kaum Industrie ansiedelte und der Boden zu wenig hergab, um die vielen hungrigen Mäuler zu stopfen», erzählt er. Die Korporation Schwendi verkaufte den Bauern Kartoffeln, Mais und Reis auf Kredit, welchen die Leute aber nicht abbezahlen konnten.

Brasilien suchte Arbeitskräfte

Zur selben Zeit tauchten in verschiedenen Gebieten Deutschlands und der Schweiz, so auch in Obwalden, Agenten von brasilianischen Grossgrundbesitzern auf. Diese suchten Arbeitskräfte für ihre Kaffeeplantagen. «Kanton, Gemeinden und Korporationen empfingen den Besuch mit offenen Armen. Denn sie wollten ihre verarmten Bürger loswerden.» Diese erhielten sogar einen Kredit von den Behörden, um sich ihre Ausreise finanzieren zu können. Und so nahmen 1854, in einer ersten grossen Auswanderungswelle, rund 150 Obwaldner, hauptsächlich aus Giswil und der Schwendi, die gefährliche und beschwerliche Reise mit dem Schiff von Europa nach Brasilien in Angriff.

Nicht alle überlebten die 62-tägige Überfahrt von Hamburg nach Santos. «Die Leute waren ganz schlecht für die Reise ausgerüstet, es fehlte an Lebensmitteln und insbesondere an Vitamin C», weiss Franz Sigrist. «Von den 150 Menschen starben 34, vor allem Kinder und Jugendliche.» Doch mit der Einfahrt in den Hafen von Santos waren die Strapazen noch nicht überstanden. Auf dem beschwerlichen, rund 100 Kilometer langen Fussmarsch vom Hafen hinauf ins Landesinnere, starben weitere 25 Obwaldner Auswanderer.

Es folgten noch weitere Auswanderungswellen 1881, 1884 und 1887. Total übersiedelten etwa rund 500 Obwaldner in ein Gebiet rund 100 Kilometer ausserhalb von São Paulo.

Arbeiten, um Schulden zu tilgen

Der Start ins neue Leben war hart. Die brasilianischen Grossgrundbesitzer vereinbarten mit den Neuankömmlingen sogenannte «Halbe-Halbe-Verträge». Das heisst, die Hälfte des Ernteertrags mussten sie dem Grossgrundbesitzer abliefern, die andere Hälfte durften sie behalten. Erschwerend kam dazu, dass die Neuankömmlinge schuften mussten, um das Darlehen abzustottern, mit dem sie sich die Überfahrt finanziert hatten. «Die Familie von Zuben aus Alpnach brauchte 14 Jahre für die Tilgung der Schulden.»

Doch viele Obwaldner fanden in Brasilien ihr Glück. So gründeten die vier Familien Wolf, Ambiel, Bannwart und Amstalden 1888 die Colônia Helvetia. Eine Kirche und eine Schule entstanden. Sie brachten es mit dem Anbau von Kaffee, Zuckerrohr und Bohnen zu einem gewissen Reichtum. Mit der Zeit seien vermögende Ausgewanderte nach Obwalden zurückgekehrt, um weitere Landsleute nach Brasilien zu holen.

Als gegen 1900 sich die Lebensbedingungen in der Schweiz verbesserten und die Familien kleiner wurden, versiegte auch der Auswanderungsstrom.

Es gibt durchaus Parallelen zu heute

Die Kolonie besteht noch heute. Franz Sigrist ist ein regelmässiger Gast. «Wir pflegen noch immer einen sehr engen Kontakt mit den Nachkommen der Ausgewanderten», erzählt der Schwander. Im Gegensatz zu früher arbeiten viele nicht mehr in der Landwirtschaft. Viele wohnen auch nicht mehr auf dem Gebiet der Kolonie selber, sondern in den Städten Indaiatuba und Campinas 100 Kilometer nordwestlich von São Paulo.

Franz Sigrist sieht durchaus Parallelen zwischen den Auswanderungswellen von damals und heute. «Menschen wandern aus, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektive mehr sehen.» Allerdings wünschte er sich, dass Europa aus der Geschichte lerne. Und den Menschen vor Ort helfe, um solche Flüchtlingsströme zu verhindern. Auch Urs Wallimann beschäftigte sich mit dem Thema Auswanderung. Der ehemalige Obwaldner Landschreiber verfasste dazu ein Kapitel in einem Buch der Alpnacher Korporation und stöberte dafür in den Quellen. «Am 7. März 1852 fasste die Korporation Alpnach an ihrer Versammlung einen schicksalhaften Beschluss – wohl als erste Gemeinde Obwaldens», weiss er. «Es hat sich eine Korporationsgemeinde wegen Auswanderern versammelt, um zu beraten, ob und in welcher Art und Weise denjenigen, die auszuwandern gedenken, geholfen werden könne», zitiert er aus dem Protokolleintrag. Die Versammlung beschloss, «dass je nach Umständen und Gutfinden des Korporationsrates den Reiselustigen geholfen werden soll» – allerdings mit der Auflage, dass sie das Geld spätestens in vier Jahren der Korporation zurückbezahlen müssen.

Auch Nidwaldner wanderten aus

Auch zahlreiche Nidwaldner wanderten in die USA oder eben nach Brasilien aus. «In einem landwirtschaftlich geprägten Kanton wie Nidwalden, waren die Möglichkeiten begrenzt. Der älteste Sohn übernahm den Hof, die Töchter versuchte man zu verheiraten, zwei Söhne wurden vielleicht Pfarrer oder gingen ins Kloster, die übrigen mussten sich als Knecht verdingen», erklärt der Nidwaldner Staatsarchivar Emil Weber.

Das Söldnerwesen, eine ebenfalls stark verbreitete Einnahmequelle, wurde 1848 verboten. «Genau ab diesem Zeitpunkt kamen erste Auswanderungswellen nach Amerika auf. Diese ebbten erst wieder ab, als es mit dem Aufkommen von Tourismus und Industrie im Kanton wirtschaftlich bergauf ging.»

Andererseits haben beispielsweise auch die USA mit der Weltwirtschaftskrise in den 1920er-Jahren an Attraktivität für Auswanderer eingebüsst.