Obwalden
Holzbauboom: «Als Vollblutverkäufer schläft man momentan nicht gut»

Holzhändler freuen sich zurzeit gar nicht über neue Aufträge, weil der Rohstoff fehlt. Der Obwaldner SVP-Kantonsrat Albert Sigrist erfährt es am eigenen Leib, wie angespannt die Situation auch hier ist, wo ein regelrechter Holzbauboom herrscht.

Philipp Unterschütz
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Holzverarbeitung bei der Schilliger Holz AG in Haltikon bei Küssnacht am Rigi.

Holzverarbeitung bei der Schilliger Holz AG in Haltikon bei Küssnacht am Rigi.

Bild: Dominik Wunderli (Küssnacht am Rigi, 21. April 2021)

Auf dem Holzmarkt ist der Teufel los. Innerhalb weniger Wochen ist der Preis massiv gestiegen (wir berichteten) und hat sich bei gewissen Produkten gar verdoppelt. Das hat Konsequenzen. «Vorher war Schweizer Holz teurer, seit kurzer Zeit sind gewisse Produkte 30 bis 40 Prozent billiger als im Ausland», weiss Ernest Schilliger (55), CEO der Schilliger Holz AG in Küssnacht am Rigi, die ausschliesslich mit Schweizer Holz arbeitet. Es sei regelrecht Panik ausgebrochen, jeder wolle sich genügend Material für seine Baustellen oder Projekte sichern. «An gewissen Tagen haben wir bis zehnmal so viel Bestellungen wie zuvor. Hatten wir früher Auftragsvolumen, die den Betrieb 5 bis 10 Tage auslasteten, sind es jetzt vier Monate», so Schilliger weiter.

Ernest Schilliger, CEO der Schilliger Holz AG, Küssnacht.

Ernest Schilliger, CEO der Schilliger Holz AG, Küssnacht.

Bild: Dominik Wunderli

Die Firma reagiert im Bereich des Möglichen. Weil sie sämtliche Schritte in der Holzverarbeitung von der Sägerei über Trocknen, Leimen und Zuschnitte bis zur Produktion von Bauteilen selber macht, ist man hier flexibel. Produziert werden nun eben die Produkte, die gerade am wichtigsten sind. «Ein Betrieb, der nur leimt, bekommt jetzt eventuell kein Rohmaterial und kann gar nichts mehr produzieren», erklärt Ernest Schilliger.

Preise verlangsamen den Holzbauboom

Trotzdem, auch bei der Schilliger Holz AG gibt es bei gewissen Produkten längere Wartezeiten. Im schlimmsten Fall können Aufträge gar nicht angenommen werden. «Das ist eine ekelhafte Situation, wenn man gewisse Kunden nicht berücksichtigen kann», redet Albert Sigrist Klartext. «Als Vollblutverkäufer schläft man momentan nicht mehr so gut. Ich weiss, wie schwierig es ist, wenn man als Kunde das benötigte Material nicht bekommt.» Der 63-jährige Giswiler Betriebsökonom, der seit 15 Jahren für die SVP im Obwaldner Kantonsrat sitzt, ist neben dem Exportgeschäft bei Schilliger für das Gebiet Ob- und Nidwalden zuständig. Seit 1977 ist er mit kurzen Unterbrüchen dabei und kennt das Holzgeschäft in- und auswendig.

Albert Sigrist ist neben dem Exportgeschäft für das Gebiet Ob- und Nidwalden zuständig.

Albert Sigrist ist neben dem Exportgeschäft für das Gebiet Ob- und Nidwalden zuständig.

Bild: Dominik Wunderli (Küssnacht am Rigi, 21. April 2021)

Obwalden ist denn auch ein wichtiges Geschäftsfeld für die Schilliger Holz AG. In ihrem Bereich ist die Firma einer der wichtigsten Player in Obwalden und der wohl grösste Holzabnehmer. «Wir führen jährlich bis 12'000 Kubikmeter Rundholz aus Obwalden aus, das sind rund 400 Lastwagen. Davon geht die Hälfte wieder als Leim- oder Bauholz zurück», erklärt Albert Sigrist. Überspitzt gesagt, würde der Holzhandel jetzt vom eigenen Erfolg eingeholt. In Obwalden – wie auch im Rest der Schweiz – wurden vor etwa 15 Jahren zwischen 15 und 18 Prozent Holzbauten errichtet. Heute seien es über 30 Prozent, sagt Albert Sigrist. «Durch neue Produkte wie Grossformat-Platten kam das Bauen mit Holz günstiger als mit Beton, was zum Boom beigetragen hat. Wegen der Preissteigerung kehrt es nun aber wieder. Und das könnte uns trotz all der zusätzlichen Umwelt- und Nachhaltigkeitsvorteile, die einheimisches Holz bietet, Marktanteile kosten.» Das Material in Holzbauten könnte wohl 10 bis 15 Prozent teurer werden, schätzt Albert Sigrist. Dafür werden aber auch die Waldbesitzer höhere Preise in dieser Grössenordnung erzielen können.

Weitere Projekte mit Holz geplant

In Obwalden gibt es mittlerweile viele Prunkstücke von neuen Gebäuden aus Holz. Eines der Markantesten ist der Neubau der Obwaldner Kantonalbank in Sarnen, der bald bezogen wird (siehe Box) und glücklicherweise noch vor der jetzigen heiklen Situation erstellt wurde. Gebaut ist er ausschliesslich aus Holz aus Obwaldner Wäldern, geliefert von den Korporationen, verarbeitet auch von der Schilliger Holz AG. Weitere Holzbauprojekte im Kanton stehen in den Startlöchern wie der Kindergarten in Alpnach oder eine Gewerbehalle in Kägiswil. Und auch der Gemeinderat Kerns schreibt im Wettbewerbsprogramm für die kommende Schulerweiterung, dass er grosse Vorteile und Chancen für eine Realisierung als Holzbau oder Hybridbau sehe.

Eingangsbereich des neuen OKB-Hauptsitzes in Sarnen Nord, gebaut aus Obwaldner Holz.

Eingangsbereich des neuen OKB-Hauptsitzes in Sarnen Nord, gebaut aus Obwaldner Holz.

Bild: PD

Noch sind in Obwalden die befürchteten Baustopps wegen Lieferverzögerungen ausgeblieben. Verzögerungen dürfte es aber da und dort geben, eine solche von etwa zwei Monaten drohe beispielsweise der Halle in Kägiswil, meint Albert Sigrist. Für ihn war der Holzhandel vor 20 Jahren ein wichtiger Grund, in die Politik einzusteigen – und die Situation nun doppelt ärgerlich. «Ich habe lange gekämpft, dass die öffentliche Hand wo möglich einheimisches Holz verwendet.» So setzte er sich 2011 dafür ein, dass der Neubau des Bettentrakts des Kantonsspitals Obwalden aus Holz gebaut würde, was unter anderem wegen der damaligen Brandschutzvorschriften nicht geschah. Jetzt wird er noch eine Weile mit schlaflosen Nächten leben müssen. «Die Situation wird sicher noch bis Ende Jahr andauern», prophezeit Albert Sigrist.

Kantonalbank zieht nächstens in den Holzbau ein

In diesen Tagen besichtigten die Mitarbeitenden der Obwaldner Kantonalbank (OKB) ihre neuen Arbeitsplätze. CEO Bruno Thürig führte sie persönlich in kleinen Gruppen durch den neuen Hauptsitz in Sarnen Nord. Ende August wird eingezogen. Im Provisorium an der Rütistrasse laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren. Seit 90 Wochen wird am neuen Hauptsitz namens Quadrum gebaut. Das Gebäude besteht hauptsächlich aus Obwaldner Holz, das unter anderen auch von der Schilliger Holz AG, Küssnacht, bearbeitet und geliefert wurde. Laut Roland Christen, Leiter des Amts für Wald und Landschaft, haben die Obwaldner Forstbetriebe rund 1200 Baumstämme für den Neubau beigesteuert: Fichten-, Tannen- und Eschenholz. Letzteres eignet sich aufgrund seiner Eigenschaften ausgezeichnet für die tragende Konstruktion. Fichten und Tannen wurden für den Innenausbau und die Fassade genutzt. «Für den neuen Hauptsitz der OKB wurden somit knapp 2800 Kubikmeter Holz verwendet. Dies sind rund drei Prozent des jährlichen nutzbaren Zuwachses», rechnet der Kantonsoberförster vor. Allein im Kanton Obwalden wächst pro Jahr rund 100'000 Kubikmeter nachhaltig nutzbares Holz nach. Doch nicht nur das Holz stammt aus Obwalden, auch das handwerkliche Know-how. Rund 70 Prozent der Aufträge konnten an Obwaldner Unternehmen vergeben werden.