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OBWALDEN: Beim Tanzen versteht man sich

25 Trachtenleute aus der Schweiz feierten mit Auswanderern in Brasilien und deren Nachkommen den 1. August. Das Interesse an der alten Heimat ist eher wieder gestiegen.
Hans Kaufmann
Jugendliche führen in Brasilien Tänze nach Schweizer Art auf. (Bild: Hans Kaufmann)

Jugendliche führen in Brasilien Tänze nach Schweizer Art auf. (Bild: Hans Kaufmann)

Hans Kaufmann

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

Die Kolonie Helvetia liegt just auf der Grenze von Campinas und Indaiatuba im südbrasilianischen Staat São Paulo. Laute Ländlermusik ertönt auf dem Festgelände, Trachtenleute jeden Alters in auffällig bunten Gewändern bewegen sich zwischen Marktständen. Wären da nicht zwischen Schweizer- und Kantonsfahnen Palmen, man wähnte sich in der Schweiz. Jedes Jahr am Wochenende, das am nächsten zum 1. August liegt, ist das in der fast 10000 Kilometer von der Schweiz entfernten Obwaldner Côlonia Helvetia so.

25 Schweizer Trachtenleute sind auf eigene Kosten dorthin gereist, rund die Hälfte aus Obwalden. Feste feiern können die Nachfahren der 5. und 6. Generation. Schützenverein, Jassklub, Jodelklub, alle mit Namen Helvetia, Schulverein und Kirchgemeinde «São Nicolau de Flue», all das gibt es. Die Tanzgruppe Enzian mit fünf nach Alter abgestuften Tanzgruppen feierte das 40-Jahr-Jubiläum. Angereist aus der Schweiz sind mehrere In­struktoren, die für alle Gruppen einen zweitägigen Workshop anbieten. Die Jugend kam in Scharen und wollte mit Tanzen nicht aufhören. «Mais uma vez! Nochmals!» riefen die Mädchen und Knaben. Jugendliche machten auch erste ansprechende Erfahrungen im Alphornblasen und Fahnenschwingen.

Nicht immer war die Volkskultur hier auf so hohem Stand. Sie erlebte in den letzten beiden Generationen eine wahre Renaissance. Die ersten Siedler hatten 1854 als unerwünschte, arme Leute enttäuscht der Schweiz den Rücken gekehrt. Deshalb wurde oft auch bewusst unterlassen, im Konsulat für in Brasilien gebo­rene Kinder den Schweizer Pass zu beantragen. Bis Ende 2017 gibt es für einige Personen mit Schweizer Abstammung eine letzte Nachholmöglichkeit.

«Red wiä diär dr Schnabel gwachsen isch»

Die Obwaldner Mundart hat hier eine besondere Geschichte und wird nur noch von wenigen Personen, auch von der über 80 Jahre alten Maria Ming, einer Nachfahrin der 3. Generation, gesprochen. Sie erzählt: «Sprachen wir Kinder mal portugiesisch, dann herrschten uns die Eltern an: Red wiä diär dr Schnabel gwachsen isch!». So hielt sich das Schweizerdeutsch auf den abgelegenen Fazendas recht gut. Auch der Unterricht an der Schule war auf Deutsch. Doch im Zweiten Weltkrieg stellte Brasilien Soldaten für die Alliierten, um Schuldenerlass von den USA zu erhalten, und da wurde alles Deutsche verboten. Die 4. und 5. Generation hat die Schweizer Kultur neu belebt, versucht, die Sprache wieder zu erlernen, natürlich Hochdeutsch mit Brocken Schweizerdeutsch.

Was die Trachten anbelangt, waren in den vergangenen Jahren einige Korrekturen anzubringen. Dass Lederhosen, Tirolerhut und Gamsbart mit Schweizer Volkskultur nichts am Hute haben, wurde anfangs nicht verstanden. Dennoch haben die Helvetier ihre eigenen Trachten kreiert, was angesichts der weiten Entfernung eine gewisse brasilianische Abweichung erlaubt. Auffallend farbenfroh, aus glänzenden Stoffen, mit vielen Ornamenten sind die Trachten für die Frauen ausgestattet. Die Männer wählten natürlich die farbenfrohe Appenzeller Tracht mit rotem Kittel und Kuhreigen auf der Brust als die Ihrige. Die gelben Hosen konnten zu Gunsten einer schwarzen gerade noch verhindert werden.

Auch was die Volksmusik und den Trachtentanz betrifft, ist eine Vermischung mit der südame­rikanischen Kultur gewollt. Die fünfköpfige Schnapsmuisig spielt nach einem lüpfigen Schottisch auch gern mal einen schwermütigen Tango, die Paare in geschlossener Haltung tanzen im Reigen den Ausfallschritt dazu.

Dann trat die Gruppe aus der Schweiz mit neusten Tänzen auf, choreografiert von Bärti und Marianne von Ah-Kneubühler aus Flüeli. Gastgeber und Gäste haben ihre Tänze via Internet getrennt geübt. Es klappte alles bestens. Dann rief der Ansager alle «zum Seppel» auf und, oh Wunder, Schweizer, Helvetier, Brasilianer aller Hautfarben, Jung und Alt können sich sprachlich zwar nicht verstehen, aber im Tanz finden sie sich alle, ein Vergnügen mit Gänsehaut.

Auch Bruder Klaus ist präsent

Nicht zu vergessen die besinnliche Feier zum 600-Jahr-Jubiläum von Bruder Klaus, dem örtlichen Kirchenpatron. Seine aus Holz geschnitzte Statue wurde in einer Prozession feierlich über die 70 Meter lange Promenade zur Kirche getragen und ihm zu Ehren eine feierliche Messe gehalten.

An den Marktständen wurde alles verkauft, was einigermassen schweizerisch schien: T-Shirts, Mützen, Foulards, Messer, Fahnen, ja selbst Familienwappen aller ansässigen Obwaldner Familien. Und was nicht verkauft wurde, taucht bestimmt am nächsten Fest auf. Zu trinken gibt es Mineralwasser Marke Helvetia, zu essen viel Fleisch der Marke Berna, und als typische Schweizer Spezialitäten wurden «Eisbein, Kassler und Schüblig» angeboten, will heissen «Gnagi, Schweineschinken und geräucherte Wurst».

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