OBWALDEN: «Da muss man radikaler dahinter»

Auch Obwaldner Bauern klagen über die Schwäne. Beim Wichelsee schlagen Massnahmen an. Doch hat sich das Problem damit nur verschoben?

Christoph Riebli
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Am Wichelsee hat es sehr viele Schwäne. (Bild: Markus von Rotz / Neue NZ)

Am Wichelsee hat es sehr viele Schwäne. (Bild: Markus von Rotz / Neue NZ)

«Ich winde Frau Kayser ein Kränzchen», sagt der Alpnacher Landwirt Gerhard Flüeler. «In Nidwalden wird etwas gegen die Schwanenplage unternommen.» Er reagiert damit auf die jüngsten Vergrämabschüsse von Höckerschwänen auf der Allmend in Buochs/Ennetbürgen, welche die Nidwaldner Justiz- und Sicherheitsdirektorin Karin Kayser angeordnet hatte. Zu gross wurden die von den geschützten Tieren verursachten Schäden an Kulturland durch Frass und Verkotung.

Flüeler sympathisiert auch mit den betroffenen Landwirten im Nachbarkanton. Im letzten Frühling hatte er den Betrieb seinem Sohn übergeben, darunter vier Hektaren Land im Städerried, in der Nähe des Militärflugplatzes und des Alpnachersees. «15 bis 20 Schwäne hat es dort immer. Am schlimmsten ist es von Herbst bis Frühling. Ich fahre ihnen jeweils mit dem Velo hinterher, doch verscheuchen lassen sie sich nicht», erzählt er vom jahrelangen Kampf. Heu oder Siloballen zu machen, mit den Schwänen im Land, das könne man schlichtweg vergessen. «Das verschissene Gras kann man nicht mehr brauchen.» Auch das Einzäunen des Landes bringe nichts: «Die kommen und gehen fliegend.» Besonders weil das Gelände weit und offen sei. «Da muss man radikaler dahinter, wie in Nidwalden», lautet seine Forderung. Und: «Wir wollen kein Geld für die Schäden, wir wollen Ordnung.»

Von 90 auf 20 Schwäne reduziert

Bis vor zwei Jahren zeigte sich ein ähnliches Bild auch am Wichelsee zwischen Sarnen und Alpnach: «Hier hatten die Schwäne ein Paradies für sich», erzählt Toni Frunz. Das Naturschutzgebiet grenzt direkt an 1,5 Hektaren Kulturland des Kägiswiler Landwirts. Vor zwei Jahren habe er noch 90 Stück Höckerschwäne gezählt. «Deswegen ging mir im Herbst vor drei Jahren der gesamte letzte Grasschnitt flöten.» Dann hat der Kanton eingegriffen: An den Seeufern wurden natürliche Barrieren mit Hölzern geschaffen, mit Hinweistafeln wird die Bevölkerung sensibilisiert, die Wildtiere nicht mehr zu füttern.

«Ich bin mir zu 99 Prozent sicher, dass die Schwäne deshalb Richtung Nidwalden zogen», macht Frunz auf die mögliche Schattenseite des Obwaldner Erfolges aufmerksam. Im letzten Jahr habe Ruhe geherrscht, mit aktuell rund 20 Schwänen nehme die Population aber bereits wieder zu. «Jetzt haben sie sich bis an die Brünigstrasse in Kägiswil ausgebreitet.» Dort hat Frunz drei weitere Hektaren Land und darauf Bänder als Hindernisse gespannt. «Damit ist das Problem nicht gelöst, sondern wurde einzig auf die benachbarte Parzelle verschoben.»

Schwanenschutz hinterfragt

Wie nachhaltig der Erfolg beim Wichelsee ist, beurteilt der Leiter des Amts für Wald und Landschaft, Peter Lienert, vorsichtig: Es gelte, erst den Winter abzuwarten, zu dieser Zeit würden die Schwäne normalerweise wieder an den Wichelsee zurückkehren. Die Gründe für den bisherigen Erfolg seien schwer auszumachen. «Auch wohin die Schwäne weitergezogen sind, ist unklar.»

Lienert vertritt klar die Meinung, dass man bei den Höckerschwänen allgemein regulativ tätig werden müsse. «Es gilt gar zu hinterfragen, dass sie unter Schutz gestellt sind», sagt er weiter. Einzelabschüsse sind jedoch kein Thema: «In Obwalden hat man bisher einzig verletzte Tiere geschossen.» Diese hätten sich etwa bei Kollisionen mit dem A-8-Strassenverkehr nahe des Wichelsees oder an den Stromleitungen der Zentralbahn verletzt.

Interkantonale Lösung sinnvoll

Ob ein Tier geschützt oder jagdbar ist – es gibt nur diese beiden Status –, ist von der Bestandesgrösse und von den Nutzungsbegehren der Kantone abhängig, erklärt Reinhard Schnidrig, Leiter Sektion Wildtiere und Waldbiodiversität im Bundesamt für Umwelt. «Beim Höckerschwan ist das Bedürfnis für eine Nutzung sicher nicht vorhanden.» Doch ungeachtet vom Status gebe das eidgenössische Jagdgesetz den Kantonen die Möglichkeit, steuernd auf den Bestand des Höckerschwans einzuwirken – in Koordination mit dem Bund.In der Innerschweiz sei eine Verbundslösung des Schwanenproblems durchaus denkbar. «Wenn es Hinweise gibt, dass die Population sich mit den Jahreszeiten über die Kantonsgrenzen bewegt, würde das sehr Sinn machen.» Sinnlos hingegen wäre, das Problem dem Nachbar zuzuschieben, oder gar kontraproduktiv, wenn an einem Ort ein Fütterungsverbot herrsche, anderswo aber nicht. «Die Raumsysteme der Schwäne kennen zu lernen, ist ein guter erster Schritt», ermuntert Schnidrig zu diesbezüglichen Abklärungen.