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OBWALDEN: «Das ist ein klarer Versuch von Zensur»

Die Kulturkommission gerät ins Visier konservativer katholischer Aktivisten. Mit einer Petition wollen sie die Förderung eines Transgender-Films verhindern.
«Religiöse Dogmen sollten Entscheidungen über Filme nicht beeinflussen.» Florian Halbedl, Filmproduzent (Bild: PD)

«Religiöse Dogmen sollten Entscheidungen über Filme nicht beeinflussen.» Florian Halbedl, Filmproduzent (Bild: PD)

Philipp Unterschütz


Der von Engelberg nach Kanada ausgewanderte Filmemacher Florian Halbedl hat für seinen geplanten Kurzfilm «Limina» bei der Obwaldner Kulturkommission ein Gesuch um Fördergelder in der Höhe von 13 500 Franken gestellt. Doch noch vor dem Entscheid und bevor auch nur eine Sekunde des Films gedreht worden ist, hat das Projekt rechtsgerichtete, katholische Aktivisten auf den Plan gerufen. In «Limina» geht es in der Person eines achtjährigen Kindes um die Thematik «Transgender», also um Menschen, die sich mit ihrem körperlichen Geschlecht nicht identifizieren können. Die Botschaft von Halbedl: «Die Geschlechtergrenzen können bei Kindern noch fliessend sein, man soll sie selber entdecken lassen.» Die Dreharbeiten sollten ursprünglich im Oktober in der Schweiz laufen. Doch Mitte August hat Florian Halbedl seine Pläne geändert. «Leider ist es aus finanziellen und logistischen Gründen nicht möglich, in der Schweiz zu filmen. Es würde uns ungefähr 40 Prozent mehr kosten.» Es sei auch schwierig, weil man zudem mit einer Infrastruktur arbeiten müsse, die man nicht kenne. «Das ist ein Risiko, das für einen Film mit einem kleinen Budget von unter 100 000 Franken einfach zu gross ist», erklärt Halbedl.

Katholische Aktivisten laufen Sturm

Im Internet haben konservative katholische Kreise am 8. September auf der Plattform «Citizen Go» eine anonyme Petition an Regierungsrat Franz Enderli, Vorsteher des Bildungs- und Kulturdepartements Obwalden, lanciert. Die nicht überprüfbare Anzeige auf der Website zeigt einen Unterschriftenstand von bereits über 12 000. In der Petition werden Geschlechtsidentitätsstörungen jeglicher Art als Krankheit bezeichnet. Dieses Filmprojekt könne nur als perfide Propaganda der LGBT-Lobby (Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) bezeichnet werden. Die Petitionäre fordern, «dieses Projekt, das Kinder in ihrer Identität als Mädchen und Jungen zu destabilisieren versucht, auf keinen Fall zu unterstützen». Es gehe nicht an, dass Steuergelder für derart umstrittene und ideologisch befrachtete Filmprojekte zur Verfügung gestellt würden.
«Das ist ein klarer Versuch von Zensur», ärgert sich Florian Halbedl, der hofft, dass die Petition keinen Einfluss auf die siebenköpfige Obwaldner Kulturkommission haben werde: «Religiöse Dogmen sollten Entscheidungen über Kunst und Filme nicht beeinflussen.» Insbesondere stört er sich daran, dass die Petition «durch engstirnige religiöse und moralisierende Ideologien untermauert wird, die Gruppen ausschliessen und stigmatisieren, welche bereits weit verbreitete soziale Ausgrenzung aufgrund ihrer einzigartigen Identität erfahren.»

Petition spielt keine Rolle

Regierungsrat Franz Enderli, der in der Petition angesprochen wird, hat keinerlei Kenntnis von den Aktivitäten auf «Citizen Go». «Ich wurde von den Petitionären nicht kontaktiert und habe bis jetzt auch keine Reaktionen per Mail oder Telefon erhalten», sagt er auf Anfrage und meint, dass die Petition auf ein ordnungsgemässes Verfahren bezüglich des Gesuchs sowieso keinen Einfluss hätte. Kenntnis von der Petition hat hingegen Christian Sidler, Leiter des kantonalen Amtes für Kultur und Sport. Er habe deswegen auch schon vereinzelte Reaktionen per Mail und sogar einen Anruf erhalten. Auch er betont, dass die Aktivisten keine Rolle spielen werden, wenn Ende Oktober in der Kulturförderungskommission über das Gesuch von Florian Halbedl entschieden werde. Grundlage sei einzig das eingereichte Dossier. «Ausschlaggebend für die Förderung sind in erster Linie die filmische Qualität und der Bezug zu Obwalden. Dass der Film nun doch nicht in der Schweiz gedreht wird, hat deshalb grossen Einfluss auf den Entscheid», sagt Sidler und tönt damit an, dass sich die Chancen auf Fördergelder deshalb wohl verringert haben dürften. Christian Sidler stellt zudem klar, dass es sich bei der Filmförderung nicht um Steuergelder handle, sondern um Swisslos-Gelder.

Wer steckt hinter Zensurversuch?

Wer genau die Petition lanciert hat, ist unklar. Das Netzwerk Citizen Go hat unsere entsprechende Anfrage nicht beantwortet. In einem Beitrag des Fernsehsenders Arte im März 2015 wurde das Portal mit Sitz in Spanien, das laut eigenen Angaben über zwei Millionen Mitglieder in Europa und Amerika hat, als eine Art Speerspitze erzkonservativer Katholiken bezeichnet, das immer wieder Online-Angriffe gegen LGBT-Themen lanciert.

Öffentlich gegen den Film geäussert haben sich insbesondere zwei Personen, die sich immer wieder mit ihren Meinungen zu derartigen Themen exponieren. Zitiert wird in der Petition die «Corrispondenza Romana», ein italienischer Nachrichtendienst unter der Leitung des 67-jährigen Professors und Publizisten Roberto de Mattei, der beispielsweise schon öffentlich den Untergang des Römischen Reiches in Verbindung mit Homosexualität gebracht hat. «Corrispondenza Romana» wetterte denn auch, «Limina» sei ein «Attentat auf die Kindheit mit verheerenden psychologischen und sozialen Folgen». De Matteis Beiträge werden regelmässig von Giuseppe Nardi für sein Portal «Katholisches.info» ins Deutsche übersetzt. Der «Spiegel» brachte Nardi im Zusammenhang mit der Abschaltung eines Hetzportals (kreuz.net) 2012 mit einer «aggressiven, homophoben und antisemitischen Szene am rechten Rand der katholischen Kirche» in Verbindung. Nardi unterstellte im Juni auf seinem Portal den Filmemachern, dass «Limina» das «Problem» Heterosexualität bereits an der Wurzel bekämpfen wolle und damit die Natur des Menschen vergewaltigt werde.

Hinweis
Infos zum Film: www.turbidlakepictures.com/limina.html

«Ausschlaggebend sind die filmische Qualität und der Bezug zu Obwalden.» Christian Sidler, Amt für Kultur und Sport (Bild: PD)

«Ausschlaggebend sind die filmische Qualität und der Bezug zu Obwalden.» Christian Sidler, Amt für Kultur und Sport (Bild: PD)

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