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OBWALDEN: Die Landsgemeinde war auch Bühne für abstruse Ideen

Noch heute ziert ein berühmtes Landsgemeinde-Fresko den Ständeratssaal in Bern. Dieses hält jene einzigartige Aussicht fest, die sich Betrachtern vom alten Landsgemeindeplatz auf dem Landenberg ob Sarnen auch auf unserem alten Bild bietet.
Romano Cuonz
Die Landsgemeinde auf dem Landenberg in den 1940er-Jahren. (Bild: Reproduktion Romano Cuonz)

Die Landsgemeinde auf dem Landenberg in den 1940er-Jahren. (Bild: Reproduktion Romano Cuonz)

Romano Cuonz

redaktion@obwaldnerzeitung.ch

Das historische Bild wurde von der Obwaldner Fotografen-Dynastie Reinhard an einer Landsgemeinde in den 1940er-Jahren aufgenommen. Damals stand die Tribüne mit Sitzplätzen für Behörden und Ehrengäste noch zwischen zwei grossen Linden vor dem Holzkreuz. Das Landvolk, das im berühmten Ring oft stundenlang ausharren musste, genoss, wenn es die Blicke über die Behörden hinwegschweifen liess, eine prächtige Aussicht auf die Obwaldner Bergwelt. Ihm bot sich genau das Bild, welches Albert Welti und Wilhelm Balmer 1914 im berühmten fünfteiligen Fresko für den Ständeratssaal festhielten: Das Stanserhorn, der Ächerlipass, das Nünalphorn und der Huetstock. Auch die Sarneraa und der Sarnersee sind zu sehen.

Noch heute können Besucher und Touristen diese einzigartige Landschaftskulisse bewundern, wenn es ihnen nicht zu mühsam ist, den steilen Weg auf den Landenberg unter die Füsse zu nehmen. Als Landsgemeindeplatz allerdings hat der Aussichtspunkt ausgedient. Heute finden im alten Schützenhaus mit den Zwiebeltürmen Hochzeiten und Anlässe aller Art statt, derweil im alten Zeughaus – und oft auch auf dem pikfeinen Rasen – moderne Kunst Einzug gehalten hat. So berühmte Künstler wie ein HR Giger oder die Luginbühls liessen sich nicht zweimal bitten, an diesem historischen Ort ihre teils monumentalen, teils schon fast abstrusen Kunstwerke auszustellen.

Mannen mit Hüten und «Stumpen»

Zurück zum Bild im Bundeshaus: Eigentlich diente dem Maler Albert Welti dafür ja das «Herdplättli» samt Landvolk in Nidwaldens Oberdorf als Vorbild. Weil jedoch dem Maler der landschaftliche Rahmen im Kanton Nidwalden gar nicht zusagte, wählte er für die Umgebung die Aussicht vom Obwaldner Landenberg aus. Auch auf der hier gezeigten historischen Schwarz-Weiss-Fotografie aus den 1940er-Jahren entdeckt man bei genauerem Hinschauen viele interessante Details. So tragen noch gut die Hälfte aller Bürger klassische Hüte auf dem Kopf. Die «Herren» auf der Tribüne aber haben die Zylinder abgelegt. Fast jeder zweite Mann hat irgendein Rauchzeug im Mund: einen «Stumpä» oder «Chrummä» (Brissago), ein Pfeifchen oder eine Zigarette. Schulter an Schulter stehen sie da und paffen einander Rauch ins Gesicht. Natürlich entdeckt man auf dem Bild weit und breit keine Frau! Die gehörten damals an den Herd! Albert Welti hatte mit seinem Gemälde gegen dieses eiserne Gesetz zu protestieren versucht: Jedenfalls reichen sich bei ihm Frauen ausserhalb des Rings zur Begrüssung die Hand, ja eine stillt gar ihr Kind und ein Mädchen pflückt Blumen.

Buben waren immer schon dabei

Auch Knaben, die sich wild balgen, malte einst Welti. Und da lag er richtig: Obwaldner Buben liessen sich zu keiner Zeit davon abhalten, irgendwie an der Landsgemeinde teilzuhaben. Auf unserem historischen Bild sitzen gleich vier Knaben direkt vor den Weibeln auf dem Tribünenrand. Einer steht sogar neben seinem Vater mitten unter den Stimmbürgern. Schliesslich recken gleich mehrere ihre Hälse bei den alten Bäumen. Oder sie hocken auf der Mauer. Volkskundler und Pfarrer Karl Imfeld hält in seinem Buch «Volksbräuche und Volkskultur in Obwalden» dazu fest: «Als um 1930 der Muttertag in Obwalden allmählich Fuss fasste, nannten die Männer den Landsgemeindesonntag Vatertag.» Nach Karl Imfeld war der Landsgemeindetag aber immer auch «Bubentag». In der Pfarrkirche und Dorfkapelle durften Buben mit allen Glocken läuten. «Uifälyytä» und «Appälyytä» nannte man dies. Andere Buben hatten – lange bevor der Zug auf dem Landenberg ankam – wie Spatzen auf den alten Linden die besten Plätze besetzt. Der erste Bub, welcher der Frau des neuen Landammanns – sie musste ja zu Hause warten – die Wahl ihres Mannes meldete, hatte von ihr einen Fünfliber Meldelohn zugut. Als dann das Frauenstimmrecht mehr und mehr «in der Luft» lag, begannen auch erste mutige und kämpferische Frauen und Mädchen dem Zug zu folgen. Sie liessen nicht locker, bis ihnen die Männer 1972 – schon fast gnädig – das Frauenstimmrecht zugestanden.

Genau festgelegtes Zeremoniell

Seit Menschengedenken fand die Landsgemeinde immer am letzten Sonntag im April statt. Erst in ihren letzten Jahren verlegte man sie, wann immer brisante Geschäfte für grossen Aufmarsch sorgten, in die Ey oder auf den Platz vor dem Verwaltungsgebäude. Alles lief nach einem strengen, von der Regierung festgelegten Zeremoniell ab. Die Harmoniemusik spielte den alten Landsgemeindemarsch, während die Behörden und das Stimmvolk, angeführt von Weibeln im Ornat und Helmibläsern in rotweisser Landsknechtstracht, auf den Hügel zogen. Zu Beginn der oft hitzigen Verhandlungen stimmte die Geistlichkeit das «Veni creator spiritus» (Komm Heiliger Geist) an.

Dann war es an den oft urchigen Landsgemeinderednern, den Herren «deutsch und deutlich den Tisch zu putzen». Einige waren so bekannt, dass man ihre markigen Worte oder abstrusen Ideen geradezu erwartete. Wie ein fester Programmpunkt! Vor allem, wenn die Landsgemeinde im Radio übertragen wurde, wuchsen Redner oft über sich hinaus. Dann und wann gelang es ihnen gar, fast sichere Vorlagen zu kippen oder einer Wahl eine völlig unerwartete Wende zu geben. Nach der Landsgemeinde zogen die neu bestellten Behörden zur Vesper in die Dorfkapelle. Anschliessend wurde ihnen und den Ehrengästen – es waren fast immer ein Bundesrat und die Regierung eines andern Kantons eingeladen – im Rathaus ein festliches Mahl serviert. Das Landvolk aber traf sich in den Wirtschaften, wo ausgiebig diskutiert wurde. Am Landsgemeindeabend gab es nämlich in den Wirtschaften keine Polizeistunde! 1998 wurde die urdemokratische Landsgemeinde – der Vatertag eben – zum Leidwesen vieler mit knappen 5697 Ja- zu 5054 Neinstimmen – abgeschafft.

Hinweis

Mit diesem Beitrag schliessen wir unsere Sommerserie «Das alte Bild» ab. Alle bisherigen Beiträge finden Sie unter

www.obwaldnerzeitung.ch/serien

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