OBWALDEN: Er sieht bloss «weissen Nebel», ins Tal findet er trotzdem

Um keinen Preis würde er seinen Berg verlassen. Ins Dorf geht der fast blinde Sepp von Ah aber täglich – zwei Stunden hin und zwei Stunden zurück.

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Er würde seinen Container auf dem Schalenberg niemals gegen einen Platz im Altersheim eintauschen: Sepp von Ah. (Bild: Josef Reinhard / Neue OZ)

Er würde seinen Container auf dem Schalenberg niemals gegen einen Platz im Altersheim eintauschen: Sepp von Ah. (Bild: Josef Reinhard / Neue OZ)

Den «Schalenberger» nennen sie ihn im Dorf unten. Denn vom Sachsler Schalenberg auf 667 Metern über Meer läuft Sepp von Ah täglich «nidsi». Nicht ganz zwei Stunden benötigt er für die 200 Höhenmeter und fast drei Kilometer. Nochmals so lange zurück. Für manchen Pendler wäre diese «Reisezeit» auch in einem beheizten Eisenbahnwaggon zu viel des Guten. Sepp von Ah macht dies hingegen nichts aus: Der 66-Jährige ist allein unterwegs, auch bei Regen, Schnee oder Hagel. Und das praktisch blind. Sepp von Ah verfügt noch über ein Sehvermögen von 5 Prozent: «Es ist, als ob es Nebel hat, alles ist weiss. Wenn die Sonne scheint, ist es etwas heller. Sonst etwas grauer», erzählt der Senior im urchigsten Obwaldner Dialekt.

Schlager, Kegeln, Containerleben

Mit einem Stock und kleinen vorsichtigen Schritten schreitet er voran. Früher sei er «flinker» gewesen, meint er zu seinen teils schmerzenden Füssen. Doch beschweren will er sich nicht. Denn für ihn ist klar: Ins Dorf runterziehen will Sepp von Ah nicht. Ins Alters- oder Pflegeheim schon gar nicht. «Nei!» Viel zu sehr liebt er seine Unabhängigkeit auf dem Berg. Seit sein Vater vor rund 30 Jahren verstarb, lebt er hier allein, kann tun und lassen, was er will. Etwa bis spät in die Nacht seine geliebten Schlager am Radio hören oder nach dem Kegeln mit Freunden in Kriens oder im Sachsler «Bahnhof» mal später nach Hause kommen. Denn ob es stockfinstere Nacht oder taghell ist, seinen Weg findet er so oder so.

Den Schalenberg verlassen wollte er auch nicht, als in den frühen Neunzigerjahren sein Elternhaus abbrannte. Ein Super-Puma habe kurzerhand einen ausgedienten Bürocontainer zu ihm raufgeflogen: Seine Behausung neben dem Stall ist eine Ein-Zimmer-Wohnung mit «Doppelglas»-Fenstern und allem, was er zum Leben braucht. Die Initiative dazu kam von privater Seite, ebenso die Putzhilfe, die regelmässig vorbeischaut.

Operation mit Folgen

Sepp von Ah leidet seit Geburt an der sogenannten Nachtschattenkrankheit (Retinitis pigmentosa), die eine fortschreitende Zerstörung der Netzhaut auslöst. «Von der Tafel konnte ich mal lesen», erinnert er sich an seine Schulzeit zurück, «ich hatte einfach lange.» Auch sei er in jungen Jahren noch mit einem «Schilter» herumgefahren oder habe ganze Wiesen selbst gemäht. Trotz seiner IV-Rente hat er bis vor zwei Jahren noch fünf Kühe und ebenso viele Rinder und Kälber betreut. Als einziger Sohn blieb der väterliche Bauernbetrieb an ihm hängen.

£Dann unterzog er sich einer Augenoperation, was er heute bereut: «Das würde ich nie mehr machen.» Er werde «klarer, aber nicht besser» sehen, hätten ihm die Ärzte versprochen. Doch obwohl er auch zuvor nicht viel gesehen habe, sei es durch den Eingriff nur schlimmer geworden.

Schulfreunde als soziales Netz

Inzwischen sitzt Sepp von Ah zu Tisch bei Evi Morger im Dorf, so wie jeden Montag kurz vor Mittag. Wie auch einige weitere Schulfreunde kocht sie regelmässig für ihn: «Ich staune, wie er immer gut drauf ist. Wegen seiner Art, seinestrockenen Humors, lachen wir viel am Mittagstisch», sagt Evi Morger. Seit 1997 existiert dieses Zmittag-Ritual. Der Dorfbach richtete damals in Sachseln riesige Schäden an. Kein Stein lag mehr auf dem anderen. Besonders schlimm ist das für jemanden wie Sepp von Ah, der sich seinen Weg anhand von Fixpunkten in der Landschaft merkt – er brauchte Unterstützung. Bis heute holt er sich immer wieder Schrammen beim «Übertrolä», wie er sagt: etwa wegen Autos oder Blumenkübeln auf dem Trottoir oder temporären Baustellen.

Dass das soziale Netz des «Dorforiginals» hauptsächlich aus Schulkameraden besteht, erklärt sich Evi Morger damit, dass Sepp von Ah keine einfache Jugend gehabt hat und nebst dem Bauernbetrieb nicht viel Zeit für das Dorfleben blieb. Umso mehr geniesst er es heute: «Bei mir gibts eine Konserve, etwas Wurst und Käse, sonst gehe ich ins Dorf», sagt er. Und nach beendigtem Rundgang bei sich auf dem Berg meint er ganz wach: «Ich gehe nachher wohl nochmals runter!»

Christoph Riebli

Sepp von Ah, der trotz seiner Sehbehinderung und fortgeschrittenem Alter auch lange Strecken allein meistert. (Bild: Josef Reinhard / Neue OZ)

Sepp von Ah, der trotz seiner Sehbehinderung und fortgeschrittenem Alter auch lange Strecken allein meistert. (Bild: Josef Reinhard / Neue OZ)

Er würde seinen Container auf dem Schalenberg niemals gegen einen Platz im Altersheim eintauschen: Sepp von Ah. (Bild: Josef Reinhard / Neue OZ)

Er würde seinen Container auf dem Schalenberg niemals gegen einen Platz im Altersheim eintauschen: Sepp von Ah. (Bild: Josef Reinhard / Neue OZ)