Landwirtschaft

Obwalden erhält neue Hochstammbäume

Um den Bestand an Obwaldner Hochstammbäumen zu erhalten, pflanzten Bäuerinnen und Bauern im November insgesamt 232 neue Hochstammobstbäume.

Christoph Hirtler
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Gärtner Werni Kaiser zeigt Biobäuerinnen und -bauern, wie ein Hochstammbaum fachgerecht ins Wiesland eingepflanzt wird.

Gärtner Werni Kaiser zeigt Biobäuerinnen und -bauern, wie ein Hochstammbaum fachgerecht ins Wiesland eingepflanzt wird.

Bild: PD

Seit Jahrhunderten gehören Hochstammobstbäume zur Schweizer Kulturlandschaft. Hochstammobstgärten bieten einer vielfältigen Tierwelt Lebensraum: Vögeln, Fledermäusen, Siebenschläfern, Bienen und zahlreichen Insektenarten. Die jahrhundertealte Nutzung widerspiegelt sich auch in der Sortenvielfalt: Heute kennt man in der Schweiz über 2500 Obstsorten. Die Zahl der Obstbäume in der Schweiz ist von 15 Millionen auf 2,3 Millionen Bäume geschrumpft. Heute stehen viele Obstgärten in Bauzonen und gehen deshalb in nächster Zeit verloren. Weitere Gründe für den Rückgang der Hochstammbäume sind die immer grösser werdenden Landwirtschaftsbetriebe, der steigende Rationalisierungsdruck und die wegfallenden Arbeitskräfte. Alte Bäume werden nicht mehr ersetzt. Der Rückgang von Hochstammbäumen in der Schweiz führt zu eintönigen Landschaften, einem Verlust an Biodiversität respektive zum Aussterben von Tieren und Pflanzen. Zudem geht wichtiges Kulturgut verloren, wenn auch die wertvollen Früchte dieser Bäume verschwinden.

Obwaldner Hochstammbäume erhalten

Im Kanton Obwalden zählte das Amt für Landwirtschaft heuer 18'000 Hochstammobstbäume, 820 Nuss- und 140 Kastanienbäume. Um diesen Baumbestand zu erhalten, müssen Bäume fortlaufend ersetzt werden. Das Obwaldner Vernetzungsprojekt (2015–2022), das mit gezielten Massnahmen (Pflege von Hecken, Bewirtschaftung von Trockenwiesen, Anlegen von Biotopen) die einheimische Pflanzen- und Tiervielfalt fördert, setzte nun auch bei den Hochstammbäumen ein Zeichen. 28 Bewirtschafter pflanzten im November 232 Hochstammbäume. Kirsch-, Birn-, Pflaumen-, Zwetschgen-, Apfel-, Linden-, Nuss- und Kastanienbäume bringen in einigen Jahren nicht nur Früchte, sie sind auch ein Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt. Ziel ist, den Bestand an Hochstammbäumen in Obwalden im Minimum zu erhalten oder gar zu steigern. Hochstammbäume zu pflanzen, ist ein Generationenwerk: Ein Apfelbaum trägt nach drei bis fünf Jahren das erste Mal Früchte, im Alter von 10 bis 30 Jahren sind hohe Erträge zu erwarten. Gesunde Hochstammbäume können 100 Jahre und älter werden.

50 Pro-Specie-Rara-Hochstammobstbäume pflanzte die Giswiler Landwirtin und Helikopterpilotin Katja Stucki. In den nächsten zwei Jahren will sie weitere 100 Hochstammobstbäume setzen mit dem Ziel, in ein paar Jahren von jedem Baum sortenreinen Most zu pressen und selber zu vermarkten. Sie ist nicht die Einzige. Damit sich die aufwendige Handarbeit des Äpfelauflesens auch lohnt, verkaufen viele Bauern den Most in ihren Hofläden. 1,3 Kilogramm Äpfel braucht es für einen Liter Most. 5 Liter pasteurisierten Süssmost verkaufen die Direktvermarkter gemäss der Preisempfehlung des Schweizerischen Bauernverbands für 11 bis 14 Franken. Zum Vergleich: Für 100 Kilo Mostäpfel zahlen die gewerblichen Mostereien dieses Jahr 21 Franken für Suisse-Garantie-Mostobst, 33 Franken für Biomostobst.

Ein Blick zurück

Auf Fotografien von Dörfern im Kanton Obwalden aus den 1950er- und 1960er-Jahren wird eines augenfällig: die hohe Anzahl an Obstbäumen. Diese Obstgärten dienten der Selbstversorgung der Bauernfamilien mit Äpfeln, Birnen und Nüssen. Der Boden unterhalb der Bäume wurde extensiv genutzt als Weide oder Mähwiese, sodass ein Obstgarten dem Bauern einen doppelten Ertrag einbrachte: das Obst und das Gras.

1929 betrug die Zahl der Obstbäume in der Schweiz 15 Millionen, bis 1950 stieg diese Zahl auf über 20 Millionen an. Weit verbreitet war der Alkoholismus, der Konsum von Obstbrand und saurem Most. Auf Basis des Alkoholgesetzes von 1932 erliess die Eidgenössische Alkoholverwaltung drastische Massnahmen: Millionen von Obstbäumen wurden im Zug der «Ausmerzaktionen» gefällt. In den 1950er- und auch noch 1960er-Jahren waren beispielsweise in der Ostschweiz Fällequipen unterwegs, ausgestattet mit Motorsägen, Traktoren und Seilwinden. Bauern, deren Bäume gefällt wurden, erhielten zwischen 20 und 40 Franken pro Baum.