OBWALDEN: Es braucht noch viel bis zur Seegfrörni

Der Januar hat gute Chancen, zum kältesten Januar seit 30 Jahren zu werden. Mit Schlittschuhlaufen auf dem Sarnersee wird es diesen Winter wohl trotzdem nichts mehr.

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Grössere Seen wie der Wichelsee werden dieses Jahr kaum zufrieren können. (Bild: Bild Corinne Glanzmann (Alpnach, 25. Januar 2017))

Grössere Seen wie der Wichelsee werden dieses Jahr kaum zufrieren können. (Bild: Bild Corinne Glanzmann (Alpnach, 25. Januar 2017))

Kalt, sehr kalt, ist das Jahr gestartet. Auf der Alpennordseite war der Januar bisher 3 bis 4 Grad unter dem Normalwert. Seit Tagen klettert das Thermometer kaum über 0 Grad. Mit durchschnittlich minus 5,8 Grad könnte der Januar damit in die Geschichte eingehen – als kältester Januar seit 30 Jahren. Ähnlich frostig war der Januar nämlich letztmals 1987 mit minus 6 Grad.

Doch all jene, die sich auf Schlittschuhlaufen auf dem Sarnersee freuen, werden vermutlich enttäuscht. «Die Chancen einer Seegfrörni diesen Winter auf den grossen Flachlandseen sind sehr gering», sagt Stephan Bader, Klimatologe von Meteo Schweiz. Das Problem: Es ist zwar kalt, aber noch viel zu wenig lange. «Die arktischen Verhältnisse haben wir erst seit etwa zwei Wochen. Das ist viel zu kurz für eine Seegfrörni der grossen Seen.» Selbst der Pfäffikersee im Kanton Zürich, der als einer der ersten Seen gefriere, habe erst eine dünne, noch nicht tragfähige Eisschicht.

Schnee ist hinderlich für eine Seegfrörni

«Der Winter hätte bereits mit einem kalten November und einem Dezember mit Temperaturen massiv unter dem langjährigen Durchschnitt starten müssen, mit Fortsetzung im Januar, damit grosse Seen zufrieren würden», gibt Stephan Bader zu ­bedenken. Eine Seegfrörni der grossen Flachlandseen wäre nur möglich, wenn die aktuelle Kälteperiode sich bis Ende Februar hinziehen würde. «Mit der Klimaveränderung der vergangenen Jahre gehe ich aber nicht von einem solchen Szenario aus.»

Die Seetiefe spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. Wenn sich nach der Sommererwärmung an der Seeoberfläche Wasser abkühlt, beginnt es zu sinken. Das darunterliegende, vom Sommer her noch wärmere Wasser steigt zur Oberfläche. An der kalten Luft wird das aufgestiegene Wasser abgekühlt und sinkt ebenfalls, solange darunter noch wärmeres Wasser vorhanden ist. Sobald Wasser mit 4 Grad absinkt, steigt es nicht wieder hoch. Wasser ist bei 4 Grad am dichtesten, das heisst am schwersten. Es bleibt unten liegen. Bei weiterer Abkühlung an der Oberfläche wächst nun von unten her die Wassersäule von viergrädigem Wasser. Erst wenn die ganze Wassersäule eine Temperatur von 4 Grad zeigt, kann das Wasser an der Oberfläche unter 4 Grad abkühlen. Je tiefer der See ist, desto länger dauert der Umwälzungsprozess und damit die Abkühlung.

Im Moment der Eisbildung spielen noch viele weitere Faktoren eine Rolle. Windstilles Wetter über Wochen begünstigt das Gefrieren, ebenso klare Nächte mit guter Wärmeabstrahlung. Nebel hingegen ist ein Wärmefänger und eher hinderlich. Wenn bereits eine Eisdecke vorhanden ist und Schnee darauf fällt, wirkt dieser isolierend und behindert die weitere Eisbildung. Um die Eisdecke tatsächlich betreten zu können, muss sie je nach Grösse des Sees zwischen 12 und 15 Zentimeter dick sein.

Der Seefeldsee war gefroren

Tatsächlich waren die Seegfrörni-Winter aussergewöhnlich streng. So war es im Januar 1914 in Luzern minus 3,8 Grad kalt. Und im Winter 1962/63 mit gefrorenem Zürich-, Boden- und Sarnersee wurde in Luzern ein Dezember-Durchschnitt von 2,4 Grad unter dem Gefrierpunkt gemessen, und der Januar-Durchschnitt lag bei massiven minus 6 Grad, weiss Stephan Bader. So bleibt eine Seegfrörni ein seltenes Ereignis. Der Sarnersee beispielsweise war im Winter 1962/63 das letzte Mal so gefroren, dass er betreten werden konnte – im Gegensatz zur Seegfrörni 1981.

Ein bisschen Schlittschuhvergnügen gabs trotzdem in diesem Winter in Obwalden. Bis 30 Zentimeter dick war die Eisdecke auf dem gefrorenen Seefeldsee oberhalb der Älggialp – ideale Verhältnisse fürs Schlittschuhlaufen. Obwalden Tourismus pries dies als Geheimtipp an. Mit Erfolg: «Das Interesse war sehr gross. In Scharen flüchteten die Leute aus dem Nebel an die Sonne, um sich auf dem komplett zugefrorenen Seefeldsee – insbesondere aber auch auf dem offiziell freigegebenen Melchsee – zu vergnügen – als Alternative zum Skifahren, das wegen Schneemangels nicht möglich war», zieht Florian Spichtig, Präsident und interimistischer Geschäftsführer von Obwalden Tourismus Bilanz. Das ist bereits wieder Vergangenheit. Mit dem Schneefall Anfang Januar konnten Melch- und Seefeldsee nicht mehr betreten werden, hingegen sei nun endlich Schneesport angesagt.

 

Matthias Piazza

matthias.piazza@obwaldnerzeitung.ch