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OBWALDEN: Familie prägt acht Schülergenerationen

Die Lütholds haben das Lehren in den Genen: Seit dem 17. Jahrhundert haben sie in Alpnach Schüler unterrichtet. Mit der Pensionierung von Erich Lüthold geht die lange Ära zu Ende.
Romano Cuonz
Erich Lüthold war 34 Jahre lang Lehrer in Alpnach. (Bild: Romano Cuonz (Neue NZ))

Erich Lüthold war 34 Jahre lang Lehrer in Alpnach. (Bild: Romano Cuonz (Neue NZ))

Romano Cuonz

Als ein gewisser Schul- und Ratsherr Johann Niklaus Lüthold – er lebte von 1671 bis 1753 – in einem Privathaus der nördlichsten Obwaldner Gemeinde Kinder unterrichtete, hätte er sich eines ganz bestimmt niemals träumen lassen: Dass er damit eine Ära einläutete, die 300 Jahre lang über acht Generationen nie mehr abbrechen würde. Doch so ist es. Was man kürzlich bei der Pensionierung des 65-jährigen Primarlehrers Erich Lüthold feierte, dürfte ein landesweites Unikum sein. Während sage und schreibe acht Generationen in direkter Linie waren die Lütholds Schulherren und Lehrer in Alpnach. Nun geht die Ära zu Ende. Zwar ist Erich Lütholds Tochter Alexandra Kindergärtnerin, doch arbeitet sie heute in der Kinderbetreuung ausserhalb von Obwalden. Sohn Michael ist Elektroingenieur und die zweite Tochter, Martina, Bäckerin.

Über seine Urahnen von der ersten bis zur fünften Generation mit Namen wie Johann Niklaus, Franz Joseph, Joseph Ludwig und Johann Joseph Lüthold weiss Erich Lüthold nicht allzu viel. Höchstens, dass sie allesamt Schulherren genannt wurden, daneben aber auch noch Aufgaben als Ratsherr, Teilervogt, Organist oder Posthalter innehatten. «Mein Urgrossvater hat im Schlosshof, wie Bilder dokumentieren, zu Beginn noch bis zu 90 Kinder in einem Raum unterrichtet», erzählt der frischgebackene Pensionär. Und eigentlich ist er froh, dass so etwas heute nicht mehr denkbar ist. Spätere Generationen unterrichteten dann im Schulhaus 1916, das dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiern durfte. «Ich liebe unsere Dorfschule und habe ihr deshalb zum Geburtstag einen Film unter dem Titel ‹Weisch no?› mit Erinnerungen von neun alten Alpnachern gewidmet», erzählt er stolz.

Vater wies Blumenfrevler zurecht

Dankbar erinnert sich Erich Lüthold an seinen Vater Ernst Lüthold (1917–1982). «Er war für mich stets ein Vorbild.» Und er bekräftigt: «Ich selber wurde nicht meiner Vorfahren wegen Lehrer, sondern weil mein Vater ein sehr menschlicher Lehrer war.» In einigen Belangen allerdings hat Erich Lüthold seinem Vater nicht nachgeeifert. «Im Gegensatz zu mir, der ich ganz unpolitisch bin, war er noch Bürgerrat, Armenverwalter, Organist und gar Kantonsratspräsident.»

Wenn man damals mit ihm im Dorf flaniert habe, hätten die Leute vor dem «Herr Lehrer» gar noch Knickse gemacht. Sein Vater sei zwar nicht ein überaus moderner Lehrer gewesen, doch gegen neue Strömungen oder Weiterbildungen habe er sich nie gesträubt. Wenn Erich Lü­thold an damalige Gespräche am Familientisch denkt, beginnt er zu schmunzeln. In einem Pflanzenschutzgebiet sei der Vater, samt seiner Schulklasse, Blumenfrevlern begegnet. Da habe er kurzerhand das Kollektivbillett gezückt, sich damit als Pflanzenschutzbehörde ausgewiesen und den reumütigen Sündern die Blumen entrissen.

Klavier verholzt

Der «Letzte Lü­thold» war während all der Jahre Lehrer mit Herz und Seele. Genau wie seine Vorfahren. Zuerst unterrichtete er noch eine Grossklasse mit 20 Buben und 20 Mädchen. Später, als er in Sarnen und zuletzt 34 Jahre in Alpnach vorerst Fünft- und Sechstklässler und am Schluss Dritt- und Viertklässler lehrte und betreute, nahmen die Schülerzahlen ständig ab. Erich Lüthold besass im Schulzimmer bis zum letzten Tag noch ein uraltes Klavier, das schon seine Vorfahren in der alten Post bespielt hatten. «Zwar brach ich schlechten Gewissens mit der Organisten-Tradition meiner Vorfahren, doch begleitete ich die Schüler gerne auf dem Klavier. Es war aber so alt, dass wir es gleich nach meinem letzten Schultag verholzen mussten», lacht Lüthold.

Kinesiologie gegen Zappelphilippe

Weil er zuletzt mehr und mehr Zappelphilippe im Schulzimmer hatte, begann er mit den Kindern während der kurzen Pausen kinesiologische Konzentrationsübungen zu machen. «Die Schüler fuhren darauf ab, und anschliessend machten die meisten wieder toll mit», freut er sich noch heute. Nie vergessen wird Lüthold, wie er in einer der letzten Schulwochen mit seiner Klasse noch im Biotop quakende Frösche beobachtet und gezeichnet hatte. «Weil ich den Schülern einflösste, dass sie die Schallblasen der Frösche nur sehen würden, wenn sie mäuschenstill seien, war von ihnen kaum mehr ein Ton zu hören.» Umso mehr hätten dafür die Frösche gequakt. Und über solch eher stille Erlebnisse freut sich der Lehrer, der das Unterrichten wie kein anderer in den Genen hatte, wohl noch weit über seine Pensionierung hinaus.

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