OBWALDEN: Gar die Bundespräsidentin besuchte die Geier

Die drei Bartgeier auf Melchsee-Frutt sind flügge und dehnen ihre Streifzüge aus. Darum brechen ihre Betreuer die Zelte ab.

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Ewolina ist einer von drei auf der Melchsee-Frutt ausgewilderten Bartgeiern. (Bild: PD/Hansruedi Weyrich)

Ewolina ist einer von drei auf der Melchsee-Frutt ausgewilderten Bartgeiern. (Bild: PD/Hansruedi Weyrich)

Christoph Riebli

Ewolina, Sempach II und Trudi: Die drei im Mai auf Melchsee-Frutt ausgewilderten Bartgeier haben es zu Berühmtheit gebracht. Über 1500 Leute haben den Infostand der Stiftung Pro Bartgeier beim Hengliboden seither besucht. Darunter auch Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga, die spontan mit ihrem Bruder vorbeiwanderte. «Sie haben einige Zeit am Infostand verbracht und sich sehr für die Vögel und das Auswilderungsprojekt interessiert», erzählt Projektmitarbeiterin Christine Jutz. Im aufliegenden Gästebuch verewigte sich die Magistratin mit einem «Danke, dass Sie für die Bartgeier sorgen».

Fütterung wird nun eingestellt

Für die Mitarbeiter der Stiftung gilt es nun Abschied zu nehmen von Trudi & Co. Ihre Arbeit ist vorläufig getan. Von heute bis am Montag ist der Infostand ein letztes Mal besetzt und wird dann abgebaut. Denn die Abstecher der Bartgeier werden immer weiter – aktuell 20 Kilometer und mehr. Vor Ort lassen sie sich immer seltener blicken. «In den nächsten Wochen werden die Vögel noch unabhängiger. Die Fütterungen werden deshalb endgültig ausgesetzt», erklärt Projektleiter Daniel Hegglin. Und: «Es ist eindrücklich zu sehen, wie sich die Jungvögel entwickelt haben.» Aus biologischer Sicht zieht er denn auch ein positives Fazit zur ersten Auswilderung in der Zentralschweiz.

«Es braucht schon eine rechte Portion Glück, die drei Bartgeier künftig in der Region zu sichten», sagt Biologin Franziska Lörcher. «Doch dank den Auswilderungen sind die Chancen bei einer Bergtour durchaus vorhanden.» Beeindruckt hat Lörcher in den rund drei Monaten auf Melchsee-Frutt, «wie viele Leute aus der Region zwei, drei oder sogar vier Mal» den Infostand besucht hätten. «Sie waren immer wieder hell begeistert, das war einfach unglaublich schön.»

Auch 2016 Auswilderung geplant

Jedes Mal, wenn ein Tier von Besuchern gesichtet werde, «wird gestaunt, wie gross die Tiere sind». Mit einer Flügelspannweite von fast 3 Metern ist deren Anblick auch für die erfahrene Biologin immer wieder «beeindruckend». Für Staunen am Infostand sorgte etwa auch ein rund 20 Zentimeter langer Knochen, mit dem die Projektmitarbeiter aufzeigen, was für «Brocken» ein Bartgeier zu schlucken vermag. Auch dass man mit dem Kot der Tiere – aufgrund des hohen Kalkgehalts – auf eine Wandtafel schreiben kann, habe stets für erstaunte Gesichter gesorgt, so Lörcher weiter.

Bereits im nächsten Jahr möchten sie wieder zurück auf der Frutt sein. Weitere Bartgeier sollen zwischen Mai und Juni 2016 in Obwalden ausgewildert werden. Für den Projekterfolg sei ein grosser Rückhalt in der Bevölkerung notwendig, sagt Daniel Hegglin. «Ich kann ein grosses Kompliment an den Kanton Obwalden machen, wir haben grosse Unterstützung genossen, um die Rückkehr der Bartgeier in der Zentralschweiz zu ermöglichen.» Dies sowohl von Behördenseite wie auch von weiteren Partnern im Patronatskomitee wie Jägern, Grundbesitzern oder auch Touristikern.

Fürs Brüten zurück auf die Frutt?

Lange war es ruhig um die Bartgeier im Alpenraum. Der letzte überlieferte Abschuss datiert von 1913 und fand in den italienischen Alpen statt, in der Nachzeit galten sie praktisch als ausgestorben. 1991 wurden dann die ersten Bartgeier in der Schweiz ausgewildert, zwischen 2010 und 2014 waren es insgesamt zwölf Vögel im sanktgallischen Calfeisental. Im Alpenraum sollen aktuell rund 250 Exemplare leben, schätzt Daniel Hegglin. Besonderen Schutz brauche der Bartgeier aufgrund seiner langsamen Fortpflanzung.

Und weshalb sind die Vögel in Obwalden ausgesetzt worden? «Das Hauptproblem ist, dass die bereits ausgewilderten Tiere genetisch relativ eng miteinander verwandt sind», erklärt Hegglin. Die drei in Obwalden freigelassenen Exemplare seien deshalb speziell ausgewählt worden, um den Genpool aufzufrischen, einer möglichen Inzucht entgegenzuwirken. «Sie besitzen alle genetische Linien, die in der Wildpopulation gar nicht oder nur selten vorkommen.» Die Erwartung sei nun, dass die Tiere in fünf bis zehn Jahren im Raum Zentralschweiz zu brüten beginnen. Denn Greifvögel kehrten oft in die Region zurück, wo sie das Fliegen erlernt hätten – trotz ihrer oft weiten Flugdistanzen bis an die Nordsee.

HINWEIS
Die Streifzüge der Jungtiere können auf dem Internet unter www.bartgeier.ch/streifzuege nachverfolgt werden.