OBWALDEN: Grossvaters Sackmesser reist mit

Dieser Tage reisen 150 Soldaten und Kader der Schweizer Armee für sechs Monate zur Friedensförderung in den Kosovo. Mit dabei ist auch Yves Durrer aus Sarnen.

Primus Camenzind
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Yves Durrer vor seiner Abreise in den Kosovo mit seinem Gefährt bei der Swissint in Oberdorf. (Bild Corinne Glanzmann)

Yves Durrer vor seiner Abreise in den Kosovo mit seinem Gefährt bei der Swissint in Oberdorf. (Bild Corinne Glanzmann)

Nachdem die eine Hälfte des Kontingents 30 bereits am 1. April in den Kosovo abgereist ist, folgt der 25-jährige Oberwachtmeister aus Sarnen mit der zweiten Hälfte am 10. April nach. Das abtretende Kontingent 29 reist gleichentags zurück in die Heimat. Dem stellvertretenden Zugführer Yves Durrer und dem Gros seiner insgesamt 30-köpfigen Transportcoy (Motorfahrer) verbleiben einige Tage, um im Kompetenzzentrum Swissint in Stans-Oberdorf letzte Vorbereitungen zu treffen. Er spricht mit uns über die bevorstehende Mission.

Wie ist Ihr Befinden? Ist es Reisefieber, Spannung oder Vorfreude?

Yves Durrer: Ich habe gemischte Gefühle, vor allem Freude auf die Herausforderung und die Tatsache, dass es jetzt endlich losgeht.

Welcher Art sind Ihre Erwartungen? Wir wissen, dass Sie in militärischer Mission als LKW-Fahrer bereits einmal kurz im Kosovo waren.

Durrer: Dieser Fahrauftrag vor zwei Jahren war interessant, hat aber mit meinem Entscheid, jetzt mit der Swisscoy in den Kosovo zurückzukehren, wenig zu tun.

Wann kam dieser Wunsch auf?

Durrer: Ich bin Motorfahrer und absolvierte meine Dienstpflicht als Durchdiener. Ein Obwaldner Kollege, der ebenfalls bei der Swisscoy war, brachte mich auf die Idee. Nach zwei Jahren Zivilleben als Automechaniker freue ich mich nun, im Rahmen einer besonderen Herausforderung auch wieder hinter dem Steuerrad eines Lastwagens Platz zu nehmen. Es ist die friedensfördernde Mission und ihre Durchführung, die mich reizen.

Geht es auch um Abenteuerlust?

Durrer: Herausforderung ist das richtige Wort, denn es geht nicht um Helden wie «Rambo». Immerhin, wir sind weit weg von zu Hause und müssen fähig sein, eigenständig zu handeln. Ein Beispiel: Als Transportcoy können wir mit unseren Fahrzeugen nicht einfach in die nächste Reparaturwerkstätte fahren, wie wir das in der Schweiz gewohnt sind. Unser Zug besteht aus Chauffeuren und Mechanikern. Wenn es die Situation erfordert, werden wir unsere entsprechenden Kenntnisse einsetzen – auch bei einer Reparatur vor Ort oder im Freien.

Worin besteht in Ihrem Fall die «Friedenssicherung»?

Durrer: Die Swisscoy leistet einen namhaften Beitrag an die Gewährleistung der Sicherheit im Kosovo durch die KFOR (Kosovo Force unter der Leitung der Nato). Die Transportcoy sind ein kleines Rad im ganzen System. Wenn aber das gesamte Kontingent 30 durch unsere Arbeit den tadellos funktionierenden Fahrzeugpark nutzen kann, ist das eine entscheidende Voraussetzung für die erfolgreiche Ausführung der Mission. Verschiedene Nationen, welche das Transportwesen der KFOR betreiben, unterstützen die lokalen Behörden bei der Erstellung von Brücken oder der Räumung von Strassensperren – um nur zwei Beispiele zu nennen. Die Lage im Süden des Kosovo ist ruhig und stabil, im Norden gibt es nach wie vor Spannungen – dort sind Strassensperren Realität, auch 15 Jahre nach dem Krieg.

Wird Ihre Arbeit – je weiter der Krieg zurückliegt – mehr und mehr zur täglichen Routine?

Durrer: Das Wort Routine weckt falsche Vermutungen. Die Angehörigen der Swiss­coy dürfen keinen entscheidenden Moment verpassen. Das Kontingent muss 24 Stunden am Tag einsatzbereit sein. Etwas auf die leichte Schulter zu nehmen wäre gefährlich. Es ist allerdings Tatsache, dass mit den Jahren die Verantwortung mehr und mehr den staatlichen Organen des Kosovo übertragen wird.

Zurück zu Ihrer Befindlichkeit: Trennen Sie sich leicht von den Annehmlichkeiten der Schweiz? Was darf im Reisegepäck auf keinen Fall fehlen?

Durrer: Sicher das letzte Sackmesser meines Grossvaters, das hatte ich im Dienst schon immer als Glücksbringer dabei. Auf Zeit trenne ich mich problemlos von materiellen Dingen. Was meine Liebsten zu Hause, namentlich meine Freundin anbetrifft, tu ich mich nicht mehr so leicht.

Dafür gibt es ja die modernen Kommunikationsmittel!

Durrer: Meine private Kommunikation werde ich bestimmt eine Stufe zurückfahren. Am Abend kann ich ja über Skype (Videotelefonie) mit meinen Liebsten in Verbindung treten. Und tagsüber braucht nicht jeder zu wissen, was ich gerade mache. Diese Einschränkungen erachte ich eher als Vorteil. Es gibt ausserdem ganz klare Auflagen von der KFOR oder Swissint, was erlaubt ist und was nicht.

Wird es militärischen Drill geben in ihrer Einheit?

Durrer: Das wird nicht mehr so sein wie in der Rekrutenschule. Wer bei Swisscoy ist, leistet keine Dienstpflicht, die mit Zwang durchgesetzt werden muss. Wir gehen alle freiwillig und erledigen im Kosovo einen Echteinsatz. Es braucht Ordnung, aber unsere Motivation und der tägliche Bezug zur Wirklichkeit machen militärischen Drill überflüssig.

Was wissen Sie schon über Land und Leute im Kosovo?

Durrer: Über die Geschichte und die Kultur unseres Einsatzgebietes wurden wir in der zwei Monate dauernden Ausbildung bei Swissint gründlich informiert. Auch die Sprachbarrieren werden wir mit Hilfe der englischen Sprache oder mit Beizug von Dolmetschern überwinden. Falls sich ein Verkehrsunfall ereignet, wissen wir exakt, an wen wir uns per Funk zu wenden haben. Wir wären also nicht einer erschwerten Kommunikation mit der Bevölkerung ausgeliefert.

Und was werden Sie wohl mit in die Heimat zurücknehmen?

Durrer: Bestimmt ein Stück hilfreicher Lebens- und Führungserfahrung.