OBWALDEN: «In mir schlägt Touristikerherz»

Welche Richtung schlägt die neue Organisation Obwalden Tourismus ein? Geschäftsführer Markus Bolliger (40) setzt auf die kleinen «Perlen» im Sarneraatal.

Interview Adrian Venetz
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Markus Bolliger ist seit etwas mehr als 100 Tagen das Gesicht von Obwalden Tourismus. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ)

Markus Bolliger ist seit etwas mehr als 100 Tagen das Gesicht von Obwalden Tourismus. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ)

Seit dem 1. Februar ist Markus Bolliger Geschäftsführer der Obwalden Tourismus (OT) AG. Diese war im September gegründet worden. Ihre Aufgabe ist es, die neu organisierte Tourismusförderung in Obwalden (ohne Engelberg) umzusetzen. Der 40-jährige Bolliger wohnt in Alpnach und ist Tourismus- und Marketingfachmann. Von 2001 bis 2008 arbeitete er als Geschäftsführer und Marketingleiter bei den Sportbahnen Melchsee-Frutt und beim Tourismusverein Kerns, Melchtal, Melchsee-Frutt. Danach war er Chef Marketing bei einer Ausbildungsplattform der Schweizer Luftwaffe.

Ganz einfach gefragt: Was hat das Sarneraatal aus touristischer Sicht zu bieten?

Markus Bolliger: Sehr viel. Es ist zwar nicht so, dass wir enorm viele USPs haben (Unique Selling Proposition, dt. Alleinstellungsmerkmale). Aber es gibt verschiedene kleine Perlen, die man durchaus gut vermarkten kann. Es ist die Aufgabe von Obwalden Tourismus, diese Perlen zu bündeln und den Leuten schmackhaft zu machen.

Welches sind diese Perlen?

Bolliger: Ich denke da zum Beispiel an den Bruder Klaus, die Hochmoorlandschaft im Langis, die verschiedenen Campingplätze, das grosse Velo- und Wanderwegnetz. Natürlich gehören auch die Wintersportgebiete Melchsee-Frutt und Giswil-Mörlialp oder auch das Ausflugsziel Pilatus dazu.

Also eigentlich das «Altbekannte» ...

Bolliger: Natürlich. Wir können und müssen den Kanton nicht neu erfinden. Es geht darum, den Gästen zu zeigen, wie viele Perlen diese relativ kleine, aber vielfältige Region Obwalden zu bieten hat.

Sie sind Geschäftsführer der noch jungen Obwalden Tourismus AG. Was hat Sie an dieser Aufgabe gereizt?

Bolliger: In mir schlägt ein «Touristikerherz». Bereits in meiner Zeit bei den Sportbahnen Melchsee-Frutt habe ich die touristische Vermarktung der Region mit Interesse verfolgt. Zudem reizt es mich sehr, etwas ganz Neues aufzubauen.

Wie viele Leute arbeiten bei OT?

Bolliger: Momentan teilen sich 5 Personen 380 Stellenprozente. Das ist gewiss noch ausbaubar, zumal wir ja nun, nachdem sich der Verein Sarnen Tourismus aufgelöst hat, im Auftrag der Gemeinde weitere Aufgaben übernommen haben.

Wie sieht derzeit Ihr Tagesablauf aus?

Bolliger: Einen «typischen» Tagesablauf gibt es für mich nicht – vor allem jetzt noch nicht in dieser Aufbauphase. Es gibt enorm viel zu tun: die neue Organisation aufbauen, die strategische Ausrichtung definieren, die Zusammenarbeit mit anderen Tourismusorganisationen und den örtlichen Tourismusvereinen festlegen. Zudem sind wir bereits an konkreten Projekten dran, wie etwa der Auftritt des Kantons Obwalden nächstes Jahr am Zürcher Sechseläuten.

Stichwort lokale Tourismusvereine: Haben die noch eine Zukunft?

Bolliger: Genau diese Frage haben uns die einzelnen Tourismusvereine in den Gemeinden auch gestellt: «Braucht es uns überhaupt noch?» Unsere Antwort lautet: Ja, selbstverständlich.

Weshalb? Übernimmt diese Aufgabe nun nicht die OT AG?

Bolliger: Unsere Aufgabe ist es, die verschiedenen Geheimtipps im Kanton zu bündeln und zu vermarkten. Dabei sind wir aber auf die Mithilfe der lokalen Tourismusvereine angewiesen. Sie sollen hauptsächlich direkt vor Ort wirken, Anlässe organisieren, sich direkt um die Gäste kümmern. Wir sind sehr auf das Know-how und die Netzwerke der lokalen Vereine angewiesen.

Ein paar Beispiele?

Bolliger: Etwa das Seenachtsfest Lungern: Das ist ein toller Anlass. Die Organisation und Durchführung soll aber weiterhin in den Händen des lokalen Organisationskomitees liegen. Die OT AG ist keine «Event-Organisation», sondern kümmert sich um die wirkungsvolle Vermarktung von Events. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass uns die lokalen Vereine mit Informationen beliefern. Ein weiteres Beispiel ist der Schacherseppli-Erlebnisweg in Giswil. Obwalden Tourismus kann diesen Weg nicht unterhalten und pflegen. Dies tut der lokale Tourismusverein. Und er liefert uns Informationen: Wie lange dauert der Spaziergang? Wo führt die Route durch? Unsere Aufgabe ist es dann, den Gästen und Touristen diesen Erlebnisweg schmackhaft zu machen.

Wie können sich die lokalen Tourismusvereine finanziell über Wasser halten?

Bolliger: Mindestens 20 Prozent der Tourismusabgaben fliessen zurück an die Gemeinden. Das ist im neuen Tourismusgesetz und in der entsprechenden Verordnung geregelt. Wir wollen aber kein Giesskannenprinzip. Eine Gemeinde, die besonders aktiv ist, soll auch mehr Geld erhalten. Hier ist Eigeninitiative gefragt. Es darf nicht sein, dass die OT AG nur dazu da ist, um die finanziellen Löcher der Tourismusvereine zu stopfen.

Funktioniert die Zusammenarbeit?

Bolliger: Wir sind noch nicht so weit, dass wir klar sagen können: «Das ist eure Aufgabe und dies ist unsere Aufgabe.» Diese Zusammenarbeit muss in den nächsten Wochen noch klarer ausgearbeitet werden. Deshalb beteiligt sich OT in diesem Jahr noch an den Defiziten der Tourismusvereine.

Heute läuft viel via Internet. Wer aber die Website von Obwalden Tourismus besucht, landet auf dem «veralteten», nur leicht angepassten Portal von Vierwaldstättersee Tourismus.

Bolliger: Diese Website haben wir von Vierwaldstättersee Tourismus übernommen. Wir arbeiten aber an einem komplett neuen Internetauftritt. Ziel ist es, diesen Ende Jahr präsentieren zu können. Die neue Website wird das Herzstück von OT sein.

Wird die Website auch ein eigenes Reservationssystem für Hotels und Ferienwohnungen haben?

Bolliger: Nein, ein «klassisches» Reservationssystem wird es nicht geben. Man kommt eher davon ab, dass jede einzelne Tourismusregion ein eigenes Reservationssystem hat. Wenn ein Gast aus Norddeutschland ein Hotel in Obwalden sucht, dann gibt er bei Google «Hotel» und «Obwalden» ein und stösst dann auf die grossen Online-Buchungsportale. Es wird unsere Aufgabe sein, dafür zu sorgen, dass Obwaldner Hotels und Ferienwohnungen auf diesen beliebten Online-Portalen zu finden sind. Dazu gibt es bereits konkrete Lösungsansätze.

Welche Meilensteine müssen noch gesetzt werden?

Bolliger: Ein wichtiges Datum ist der 6. Juli. Dann nämlich werden wir unsere neue Geschäftsstelle beim Bahnhof Sarnen beziehen. Zudem startet dann der Aktienverkauf.

Wer hält denn die Aktien seit der Gründung im September 2012?

Bolliger: Derzeit ist der Kanton Obwalden Alleinaktionär. Ab dem 6. Juli kann auch die Öffentlichkeit Aktien kaufen. Der Kanton soll aber Mehrheitsaktionär bleiben – zumindest vorläufig während der Aufbauphase.

Die Zielgruppe von OT ist enorm breit gefächert. Da hat man zum Beispiel auf der einen Seite eine 20-jährige Kanadierin, die auf Melchsee-Frutt Ski fahren will, und auf der anderen Seite einen 80-jährigen Basler, der im Flüeli-Ranft beten will. Wie kann eine Tourismusorganisation all diese Bedürfnisse abdecken und die Angebote «zielgruppengerecht» vermarkten?

Bolliger: Ich finde es enorm wichtig, dass man vermehrt die Zielgruppen direkt anspricht. Mit einer schönen Website allein ist es nicht getan. Bleiben wir beim Beispiel des 80-jährigen Pilgers aus Basel. Hier wäre es durchaus denkbar, dass man im Pfarrblatt einer Basler Gemeinde ein Inserat schaltet und Werbung macht für die Pilgerstätte in Flüeli-Ranft.