Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

OBWALDEN: «Ja, es gibt Armut in Obwalden»

Einst verkauften sie «Landsgemeinde-Blüemli», heute sind es Rosenstöckchen. Seit 40 Jahren sind die Frauen vom Obwaldner Sozialfonds aktiv. In dieser Zeit haben sie 720 Gesuche behandelt.
Die beiden Co-Präsidentinnen des Sozialfonds: Edith Stutz-Berchtold (links) und Brigitte Durrer-von Flüe. (Bild: Marion Wannemacher (OZ) (Obwaldner Zeitung))

Die beiden Co-Präsidentinnen des Sozialfonds: Edith Stutz-Berchtold (links) und Brigitte Durrer-von Flüe. (Bild: Marion Wannemacher (OZ) (Obwaldner Zeitung))

Marion Wannemacher

marion.wannemacher@obwaldnerzeitung.ch

Man sieht sie in der Öffentlichkeit selten, die Frauen vom Obwaldner Sozialfonds für Mütter und Familien in Not. Jeden Samstag vor Muttertag sind sie traditionsgemäss mit einem Stand am Sarner Wochenmarkt. Dort verkaufen sie Rosenstöckchen und Karten. Dieses Jahr gibt es dort noch einen Apéro: Der Obwaldner Sozialfonds wird 40 Jahre.

Schon 16 Jahre ist Co-Präsidentin Edith Stutz-Berchtold aus Giswil dabei, seit dreieinhalb Jahren auch Brigitte Durrer-von Flüe aus Wilen, seit einem Jahr als Co-Präsidentin. «Ja, es gibt Armut in Obwalden», sagt Edith Stutz. «Mir hat vor einiger Zeit eine junge Frau erzählt, sie kaufe gegen Ende des Monats weniger Essen, dass es noch reicht.» Fallbeispiele wollen die beiden Präsidentinnen nicht nennen, die Schweigepflicht ist ihnen alleroberstes Gebot. «Die Hemmschwelle, die man überwinden muss, ist hoch genug», erklärt Brigitte Durrer. Die Angst, dass die Nachbarn von der persönlichen Not erfahren könnten, sei in einem kleinen Kanton wie Obwalden gross.

Von Brille über Weiterbildung bis Lagerkosten

Mal sei es eine Brille, die jemand nicht zahlen könne, mal Zahnkorrekturen oder ein Zustupf an die Krankenkassenprämie oder die Lagerkosten für Schulkinder. Generell drehten sich Gesuche um Überbrückung finanzieller Engpässe, Haushaltshilfe, Aus- und Weiterbildung, Beratungs- und Therapiekosten. Für die Behandlung gibt es strenge Richtlinien: Keine Projekte, kein Bargeld, anonyme Gesuche werden nicht behandelt. Auch wird dort keine Unterstützung geleistet, wo es Staatsaufgabe ist.

«Die Bedürfnisse haben sich in den 40 Jahren grundlegend gewandelt», berichtet Edith Stutz. «Früher half der Sozialfonds häufig bei der Anschaffung von Wasch- oder Nähmaschinen», weiss die 56 Jahre alte Familienfrau. Brigitte Durrer schätzt es so ein: «Meiner Meinung nach brauchen zunehmend Alleinerziehende Unterstützung bei der Betreuung der schulpflichtigen Kinder durch familienergänzende Tagesstrukturen. Die Spitze ist da noch nicht erreicht.»

Für «Menschen auf der Schattenseite des Lebens»

Wer wendet sich an den Sozialfonds? «Menschen, die man so auf den ersten Blick nicht wahrnimmt», erklärt Brigitte Durrer. «Menschen, die auf der Schattenseite des Lebens sind», formuliert es Edith Stutz. Häufig werden sie durch Sozialdienste, Beratungsstellen, Ärzte oder Pfarrämter auf den Fonds aufmerksam gemacht oder wenden sich auch mal persönlich per Mail oder Telefon an die Ortsvertreterinnen. 720 Gesuche haben die Kommissionsmitglieder in den 40 Jahren bereits behandelt.

Ein anonymer Spender rief den Fonds 1978 mit seinem Beitrag ins Leben. Hintergrund war die Fristenregelung. Der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF) konnte sich mit dem Gesetz zur Abtreibung nicht einverstanden erklären, sah aber die Not vieler Frauen durch unerwünschte Schwangerschaft. Der Fonds sollte nach dem Spenderwillen allen Frauen gleich welcher Konfession zugutekommen. 1,3 Millionen Spendenfranken flossen bisher an Gesuchsteller. Der Fonds wird gespiesen durch Spenden und Legate von Privaten oder Firmen, Projekte und den Verkauf von Karten. 20 Jahre lang auch aus dem Erlös der «Landsgemeinde-Blüemli».

Die Fluktuation der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen ist gering. In 40 Jahren arbeiteten nur 26 Obwaldnerinnen mit. 20 Jahre prägte Vreny Zumstein Rohrer aus Alpnach die Arbeit mit. 2017 ist sie mit 61 Jahren gestorben. «Sie war sehr gut vernetzt und hatte eine herzensgute Art», erzählt Brigitte Durrer über die Kollegin. Sie sei immer mit Herzblut dabei gewesen. Wie offensichtlich auch die beiden aktuellen Co-Präsidentinnen.

Ihre Motivation verbindet sie: «Man kann Menschen helfen, ihnen einen Lichtblick schaffen», sagt Edith Stutz. «Ich fühle mich sehr privilegiert, die gesellschaftliche Schere klafft immer weiter auseinander. Durch meine Teilzeitarbeit habe ich Zeit, die ich einsetzen kann», erzählt Brigitte Durrer über sich. Für sie sei das eine Herzenssache. Nicht immer, aber manchmal komme ein Dankeschön zurück. Jemand ruft an oder schreibt einen Brief. «Das Gefühl, wir haben es richtig gemacht, ist eine schöne Bestätigung», sagt die 51-Jährige.

Diese Frauen helfen

Alpnach: Manuela Wallimann- Schilter, Tel. 041 670 33 10.
Giswil: Edith Stutz-Berchtold,
Tel. 041 675 24 38.
Kerns: Rita Rohrer-Michel,
Tel. 041 660 85 75.
Lungern: Maria Imfeld-Gasser,
Tel. 041 678 16 01.
Sachseln: Monika Kathriner-
Christen, Tel. 041 660 43 85.
Sarnen: Priska Fischbacher-Vogler, Tel. 041 670 01 05, und Brigitte Durrer-von Flüe Tel., 041 660 82 44.
In Engelberg läuft diese Arbeit über die Winterhilfe. (red)

Hinweis

Der Obwaldner Sozialfonds ist am Samstag, 12. Mai, am Sarner Markt. Apéro für alle, die sich dem Fonds verbunden fühlen.

Ein Kind beim Verkauf von Landsgemeinde-Blümchen. (Bild: Archiv OZ)

Ein Kind beim Verkauf von Landsgemeinde-Blümchen. (Bild: Archiv OZ)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.