OBWALDEN: «Kleine Skigebiete sind unter Druck»

Ein Verbund mehrerer Skigebiete wie ein «Schneeparadies» macht Sinn aber nur unter bestimmten Voraussetzungen, meint der Tourismuswissenschaftler.

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Kleine Skigebiete hätten es nicht einfach, so der Tourismuswissenschaftler. (Symbolbild Neue NZ)

Kleine Skigebiete hätten es nicht einfach, so der Tourismuswissenschaftler. (Symbolbild Neue NZ)

Interview Matthias Piazza

Die ersten Pläne über einen Zusammenschluss der Skigebiete Engelberg-Titlis, Melchsee-Frutt und Meiringen-Hasliberg stammen aus dem Jahr 2003. Und noch immer ist das «Schneeparadies» erst eine Vision. Es ging in der Zwischenzeit so gut wie nichts. Ist da wirklich ein Bedürfnis vorhanden?

Urs Wagenseil: Ein Projekt dieser Grössenordnung und Komplexität braucht Zeit und den richtigen Zeitpunkt. Es scheint, dass es dafür bis dato zu früh war.

Jetzt erklärt die Obwaldner Regierung das Projekt zur Staatsaufgabe. Finden Sie es richtig, wenn der Kanton Obwalden nun die Federführung übernimmt?

Wagenseil: Ich weiss natürlich nicht, wie weit diese «Staatsaufgabe» gehen soll. Klar ist: Die Politik muss die Rahmenbedingungen für ein solch komplexes Projekt schaffen. Die grosse wirtschaftliche Bedeutung rechtfertigt aber ein Engagement des Kantons.

Sollen die Kantone öffentliche Gelder reinstecken bei solch wirtschaftlich wichtigen Playern oder soll sich der Staat raushalten?

Wagenseil: Das kommt darauf an. Wenn die Öffentlichkeit zahlen muss und später Private und Aktionäre den Gewinn abschöpfen, ist dies sicher nicht fair. Anderseits lässt sich der Gegenwert öffentlicher finanzieller Beteiligungen nicht immer in Franken errechnen. Ein neues Angebot schafft Arbeitsplätze, Steuereinnahmen generiert also Wertschöpfung im Kanton und erhöht die Wohnortsattraktivität. Es gilt, einen fairen Deal zu finden.

Wir haben es mit drei Bergbahnen mit sehr unterschiedlicher Finanzkraft zu tun: Während die Titlis-Bahnen gut dastehen, waren die Bergbahnen Meiringen-Hasliberg zwischenzeitlich dem Konkurs nahe. Sind das gute Voraussetzungen für einen Zusammenschluss?

Wagenseil: Ideal ist sicher, wenn alle beteiligten Unternehmungen eine gesunde Existenzgrundlage aufweisen, sowohl was die Finanzen als auch das Management betrifft. Es gibt aber auch Beispiele von Zusammenschlüssen zwischen grossen und kleinen Bergbahnen.

Die Titlis-Bahnen würden wohl am meisten profitieren, da sie ihren Gästen massiv mehr anbieten könnten. Kann der Vorteil auch bei den anderen zwei Bergbahnen spielen? Oder ist der Nutzen einseitig?

Wagenseil: Vom Verbund würden Skifahrer aller beteiligten Skigebiete profitieren. Alle Gebiete würden eine Aufwertung erfahren.

Macht es Sinn, neue Erschliessungsbahnen zwischen den Skigebieten zu bauen?

Wagenseil: Die geografische Erreichbarkeit muss gewährleistet sein, sonst ist es kein Zusammenschluss. Dafür braucht es zusätzliche Verbindungen. Diese müssen aber sowohl finanzierbar wie auch landschafts- und umweltverträglich sein.

Die Kernser befürchten, im Mehr­verkehr zu ersticken, wenn viele Gäste über Stöckalp/Melchsee-Frutt ins «Schneeparadies» gelangen und nicht mehr wie früher über den Brünig nach Meiringen-Hasliberg fahren.

Wagenseil: Das kommt darauf an, wie sich das ganze Skigebiet entwickelt. Ich rechne aber nicht mit einer explosiven Zunahme des Verkehrs. Denn bei zu viel Verkehr werden die Leute automatisch ausweichen. Zudem boomt ja der Wintersport in einer Langzeitbetrachtung nicht. Es fahren schweizweit betrachtet heute weniger Leute Ski als noch vor 20 bis 30 Jahren. Deren Bedürfnisse und Angebotserwartungen aber haben sich deutlich verändert.

Zusammenschlüsse gibts ja schon. Mit der Skiarena Samnaun/Ischgl mit rund 240 Pistenkilometern und 45 Bahn- und Liftanlagen existiert gar ein länderübergreifendes Skigebiet. Wie sind die Erfahrungen solcher Verbünde?

Wagenseil: Positiv. Das kennt man schon lange in der ganzen Welt von Kanada bis Japan. Für viele Skigebiete sind Zusammenschlüsse der Schlüssel zum Erfolg. Viele Konsumenten orientieren sich heutzutage am Gesamtangebot, das gilt auch beim Skifahren. Wer nur schon national mithalten will, muss über entsprechende Leistungen verfügen, die solchen Vergleichen und Ansprüchen standhalten. Es sei denn, das Skigebiet definiert sich bewusst als Nischenangebot, zu welchem dann aber auch klare Leistungsdifferenzierungen gehören müssen. Transportanlagen allein genügen nicht mehr.

Wäre der ägyptische Investor Samih Sawiris, der in Andermatt ein Tourismusprojekt realisiert, ein Garant für den Erfolg eines Zusammenschlusses a la «Schneeparadies»?

Wagenseil: Es spielt keine Rolle, ob eine Einzelperson als Geldgeber dahintersteht, eine Unternehmung oder eine spezifische Gruppierung. Entscheidend für den Erfolg sind die Seriosität, ein gutes politisches Umfeld sowie langfristig ausgelegte Betreiberkonzepte.

Würden Sie einem «Schneeparadies» eine Chance geben?

Wagenseil: In Anlehnung an andere Entwicklungen ja. Isolierte kleine Skigebiete stehen unter grossem Druck. Zukünftige Existenz hängt auch von der Fähigkeit ab, sich stetig weiterzuentwickeln.

Glauben Sie an die Verwirklichung dieses «Schneeparadieses»?

Wagenseil: Für eine Antwort hierzu sind noch zu viele Fragen ungeklärt.

Meiringen-Hasliberg, Melchsee-Frutt und Engelberg-Titlis: So sieht ein mögliches Fusionsprojekt aus. (Bild: Grafik: Janina Noser)

Meiringen-Hasliberg, Melchsee-Frutt und Engelberg-Titlis: So sieht ein mögliches Fusionsprojekt aus. (Bild: Grafik: Janina Noser)