OBWALDEN: Krisenübung stellt 200 Retter vor heikle Aufgaben

Ein Waldbrand legt die Frutt-Gondelbahn lahm und bedroht die Retter aus der Luft. Ein Szenario, das gestern im grossen Stil geübt wurde.

Oliver Mattmann
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Bergretter seilen die Bahngäste zum Boden ab. (Bild: Roger Grütter / Neue OZ)

Bergretter seilen die Bahngäste zum Boden ab. (Bild: Roger Grütter / Neue OZ)

Das Szenario: Zuhinderst im obwaldnerischen Melchtal bricht gerade das Chaos aus. Auf der Bergstrasse zur Melchsee-Frutt hat ein Auto Feuer gefangen und einen Waldbrand entfacht. Bäume stürzen auf die Fahrleitung der Gondelbahn und bringen sie zum Stillstand. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
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Retter werden im Super-Puma der Schweizer Luftwaffe zum Einsatzort gebracht. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Die aufgebotenen Einsatzkräfte von Bergrettern und Bahnpersonal über Feuerwehrleute bis hin zu Ambulanzen und einem Care-Team – finden weitgehend reale Bedingungen vor. In mehreren Trupps machen sich die Mitglieder der Rettungsstation Sarneraatal zu den Bahnmasten auf, um von dort mittels Klettergurt und Seilen in Schwindel erregender Höhe zu den eingeschlossenen Figuranten vorzudringen. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Noch vor Ort werden die Verletzten erstbetreut. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Die grösste Herausforderung der Feuerwehr vor Ort war die Beschaffung des Wassers. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Ein Feuerwehrmann bekämpft den fiktiven Waldbrand... (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
... und wird dabei aus der Luft unterstützt. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Wasser marsch: Der fiktive Waldbrand wird gelöscht. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Die Feuerwehr Kerns rettet eine Person aus einem Gebäude. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Während sich Retter zu den Gondeln abseilen, löscht die Feuerwehr den fiktiven Waldbrand. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Immer wieder fliegt ein Helikopter Wasser zum Unglücksort. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Besprechung der Einsatzkräfte nach der Übung. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Rettungschef Martin Küchler: «Bis auf wenige Details hat alles funktioniert.» (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)
Die Retter sind für den Ernstfall gewappnet, hoffen aber gleichzeitig, dass dieser nie eintrifft. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Das Szenario: Zuhinderst im obwaldnerischen Melchtal bricht gerade das Chaos aus. Auf der Bergstrasse zur Melchsee-Frutt hat ein Auto Feuer gefangen und einen Waldbrand entfacht. Bäume stürzen auf die Fahrleitung der Gondelbahn und bringen sie zum Stillstand. (Bild: Roger Grütter / Neue LZ)

Der Tag ist am Erwachen. Schnee überzuckert die Landschaft. Idylle pur. Doch nicht für lange. Denn zuhinterst im obwaldnerischen Melchtal bricht gerade das Chaos aus. Auf der Bergstrasse zur Melchsee-Frutt hat ein Auto Feuer gefangen und einen Waldbrand entfacht. Bäume stürzen auf die Fahrleitung der Gondelbahn und bringen sie zum Stillstand. Die Vorfreude der Bahngäste auf einen sonnigen Ausflug ist gewichen. Sie sind gefangen in einer kleinen Kabine, teils bis zu 100 Metern über dem Boden. Doch alles halb so wild, denn beim geschilderten Szenario handelt es sich um eine Grossübung mehrerer Alarmorganisationen, die gestern rund 200 Beteiligte vier Stunden lang in eine Krisensituation versetzte.

Bergretter greifen via Masten zu

Die aufgebotenen Einsatzkräfte – von Bergrettern und Bahnpersonal über Feuerwehrleute bis hin zu Ambulanzen und einem Care-Team – finden weitgehend reale Bedingungen vor. In mehreren Trupps machen sich die Mitglieder der Rettungsstation Sarneraatal zu den Bahnmasten auf, um von dort mittels Klettergurt und Seilen in Schwindel erregender Höhe zu den eingeschlossenen Figuranten vorzudringen. Die einen nehmen den Weg mitsamt Ausrüstung zu Fuss in Angriff. «Bei diesen Bedingungen ist Vorsicht geboten», spricht Rettungschef Martin Küchler vor dem Abmarsch die Kälte und den Schnee an. «Die eigene Sicherheit hat Priorität», mahnt er seine Leute.

Derweil werden einige Retter im Super-Puma der Luftwaffe auf den Berg geflogen. Sie warten teils eine gefühlte Ewigkeit, bis sie den Helikopter besteigen. Das riecht nach Leerlauf. Küchler verneint: «Geräte und Hilfsmittel stehen nicht einfach so bereit. Diese müssen zuerst vor Ort gebracht werden. Hektik ist bei Rettungsaktionen ein schlechter Ratgeber.»

Löschwasser ist nicht um die Ecke

«Für die Evakuierung der Gondeln bleiben drei Stunden Zeit», weiss Christian Dachs, Geschäftsführer der Sportbahnen Melchsee-Frutt. So stehe es im Seilbahngesetz. Er lobt die Zusammenarbeit mit den Rettungsdiensten und ergänzt: «Wir verfügen selber über ausgebildetes Personal, das kleinere Ereignisse alleine bewältigen kann.» Die Übungsanlage aber simuliert ein Grossereignis, das auch die Feuerwehr stark fordert. Während die Bergretter die Bahngäste spektakulär abseilen, versuchen die Löschkräfte den nebenan wütenden Waldbrand einzudämmen. «Unsere grosse Herausforderung vor Ort ist die Beschaffung des Wassers», erklärt Paul Röthlin, Kommandant der Feuerwehr Kerns. Dieses muss unter anderem von einem Hydranten für die Pistenbeschneiungsanlage und einem nahen Wasserkraftwerk gespeist und zu den Einsatzkräften an der Front gepumpt werden. Unterstützung erfolgt durch Helikopter aus der Luft. Alle wissen aber: Hätte es Nebel, könnten diese nicht fliegen, und es müsste mit den vorhandenen Mitteln am Boden Schadensbegrenzung betrieben werden.

Schaden ist gestern aber keiner entstanden. Im Gegenteil: «Solche Tests helfen uns, auf einem hohen Ausbildungsniveau zu bleiben», so Übungsteilnehmer Bruno Ettlin von der Rettungsstation. Sein Chef Martin Küchler resümiert: «Bis auf wenige Details hat alles funktioniert.» Kurz: Die Retter sind für den Ernstfall gewappnet, hoffen aber gleichzeitig, dass dieser nie eintrifft.

Wie verhalte ich mich im Ernstfall?

Martin Küchler, Rettungschef der Rettungsstation Sarneraatal, hat das Geschehen als Übungsleiter aus nächster Nähe verfolgt. Im Gespräch mit unserer Zeitung sagt er, wie realitätsgetreu solche Übungen sind und worauf es bei der Zusammenarbeit mehrerer Rettungsorganisationen ankommt.

Allen Inszenierungen zum Trotz – kann eine Übung einen Ernstfall eins zu eins simulieren?
Martin Küchler:
Natürlich versuchen wir solche Übungen immer möglichst realitätsbezogen zu gestalten. Aber im Hinterkopf wissen die Beteiligten: Es ist nur gespielt. Im Ernstfall ist der Adrenalinspiegel doppelt so hoch. Dann treffen die Retter zum Beispiel auf Opfer im Schockzustand oder mit Verletzungen. Von den Abläufen her aber kommen diese Übungen der Realität sehr nahe.

Welche Herausforderungen bestehen, wenn bei einem Grossereignis mehrere Rettungsdienste involviert sind?
Küchler:
Jede Organisation für sich beherrscht ihr Handwerk. Anspruchsvoller wirds, wenn es um die Zusammenarbeit vor Ort geht. Ein koordiniertes Vorgehen ist unumgänglich, nicht dass zum Beispiel der Heli sein Löschwasser auf die Köpfe der Retter herunterprasseln lässt. Aufeinander Rücksicht zu nehmen und doch effizient zu arbeiten, ist eine der grossen Herausforderungen in solchen Fällen. Hier besteht in der Regel auch noch Entwicklungspotenzial, wenn wir nach den Übungen Bilanz ziehen.
Das Bundesamt für Verkehr verlangt für Gondelbahnen wie jene auf die Frutt pro Jahr eine Übung.

Wären Ihrer Meinung nach mehr angezeigt?
Küchler
: In leitender Funktion wünscht man sich immer mehr solcher Testläufe. Aber wir müssen auch auf dem Boden der Realität bleiben, solche Grossübungen sind mit einem hohen Aufwand und viel Vorbereitungszeit verbunden.

Wenn ich als Gast in die Situation gerate, dass die Gondelbahn plötzlich stoppt. Wie verhalte ich mich?
Küchler:
Das Wichtigste ist, Ruhe und Geduld zu bewahren und die Anweisungen des Bahnpersonals und der Rettungskräfte zu befolgen. Wir haben noch jede Person heil heruntergebracht.

Interview Oliver Mattmann