Landenbergforum
Nationalrätin Franziska Roth: «In Obwalden reichen die Betreuungsplätze zu 100 Prozent nicht»

Am Landenbergforum diskutierten fünf Fachleute über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Im Fokus dabei standen die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, die sich im Kanton Obwalden als mangelhaft und teuer herausstellten.

Manuel Kaufmann
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Bei prächtigem, sonnigem Herbstwetter konnte das diesjährige Landenbergforum in Sarnen – organisiert von der SP Obwalden – stattfinden. Vereinbarkeit von Familie und Beruf lautete das Thema, das unter der Leitung der Moderatorin und ehemaligen Präsidentin der SP Obwalden, Suzanne Kristiansen, fünf Fachleute miteinander diskutieren liess. Die hitzigen Diskussionen blieben jedoch aus – in vielerlei Hinsicht waren sich die Podiumsteilnehmer einig.

Die Teilnehmer des Landenbergforums, von links: Bildungsexpertin Vanessa Käser, Vater Izedin Arnautovic, Moderatorin Suzanne Kristiansen, Nationalrätin Franziska Roth, Kits-Mitgründerin Sabine Enderli und Regierungsrat Christian Schäli.

Die Teilnehmer des Landenbergforums, von links: Bildungsexpertin Vanessa Käser, Vater Izedin Arnautovic, Moderatorin Suzanne Kristiansen, Nationalrätin Franziska Roth, Kits-Mitgründerin Sabine Enderli und Regierungsrat Christian Schäli.

Bild: Manuel Kaufmann (Sarnen, 17.10.2021)

Vanessa Käser, Bildungsexpertin und Gründungsmitglied Eidgenössische Kommission dini Muetter (EKdM), und Franziska Roth, Nationalrätin SP Solothurn und Präsidentin des Verbandes Kinderbetreuung Schweiz, waren sich bei einem schon zu Beginn einig: Die von Kristiansen angesprochenen 100'000 Betreuungsplätze in Kindertagesstätten, die in der Schweiz zur Verfügung stehen, reichen nicht aus. «Nebst den Kitas gibt es auch noch Tagesfamilien und Tagesschulen, und trotzdem haben wir zu wenig Plätze», sagte Franziska Roth. Dabei stehe speziell der Kanton Obwalden sehr schlecht da. «In Obwalden reichen die Betreuungsplätze zu 100 Prozent nicht.»

Christian Schäli, Obwaldner Regierungsrat und Vorsteher des Bildungs- und Kulturdepartements, nahm daraufhin Bezug auf einen Analysebericht, der im Kanton Obwalden erstellt wurde. «Der Bericht zeigte, dass in unserem Kanton das Angebot an familienergänzenden Betreuungsmöglichkeiten ausreicht, um die Nachfrage zu stillen», sagte Schäli. Nur etwa 20 Prozent der Kinder im Vorschulalter würden demnach ein solches Angebot nutzen.

Regierung kann nur etwas machen, wenn das Volk mitspielt

Aus dem Publikum kam darauf hin der Einwand, dass Eltern sich zum Zeitpunkt einer Umfrage aufgrund des mangelhaften Angebots bereits anderweitig organisiert hätten. Dies sei der Grund, weshalb sie bei der Umfrage nicht angaben, ein solches Angebot zu nutzen. Sabine Enderli hat 2014 geholfen, die Kindertagesstätte Sarnen (Kits) zu gründen. Dabei sei man mit nur drei Kindern gestartet.

«Die Kits Sarnen hätte es wohl nicht gegeben, wenn wir uns nicht gesagt hätten: Doch, das wollen wir durchziehen.»

Mittlerweile sind es um die 30 Kinder, die das Angebot nutzen.

Christian Schäli stellte klar, dass die Obwaldner Regierung 2016 bereits die Volksschulen dazu verpflichten wollte, schulergänzende Tagesstrukturen anzubieten. Die SVP hatte damals das Referendum ergriffen und die Vorlage wurde abgelehnt. «Es ist manchmal schwierig, im Kanton Obwalden solche Abstimmungen zu gewinnen», meinte Schäli. Vanessa Käser hakte ein und sagte, deswegen bräuchte es eine EKdM Obwalden.

Vanessa Käser von der Eindgenössichen Kommission dini Muetter.

Vanessa Käser von der Eindgenössichen Kommission dini Muetter.

Bild: Manuel Kaufmann (Sarnen, 18.10.2021)

Kinderbetreuung kann schnell teuer werden

Suzanne Kristiansen sprach neben dem knappen Angebot noch ein weiteres Thema an: Sind die Betreuungsmöglichkeiten für Kinder zu teuer? Franziska Roth bezog sich auf eine Studie des Bundes, die zeigt, dass in Genf Ausgaben für Betreuung in einem Paarhaushalt mit zwei Vorschulkindern einen Anteil von drei Prozent der Jahreseinkommen ausmachen. In Sarnen seien es 14 Prozent. Enderli fügte an: «Für zwei Tage Betreuung für meine zwei Kinder habe ich 2200 Franken bezahlt, das hätte ich mir wohl bei einem Jahreseinkommen von 70'000 Franken zweimal überlegt.»

Izedin Arnautovic, selbstständiger Fotograf und Leistungsbezieher Chinderhuis Obwalden, sagte, die Kinderbetreuung sei zwar teuer, ihm aber auch etwas wert: «Für meine Frau und mich ist es wichtig, unserem Sohn ein soziales Umfeld mit anderen Kindern zu bieten und die Selbstständigkeit zu fördern.»

«Wir müssen zeigen, wie wichtig das Thema ist»

Für Vanessa Käser ist klar: Die schul- und familienergänzende Betreuung gehört in das öffentliche Bildungssystem. Bei den Kantonsvertretern müsse dabei mehr passieren. «Ich empfehle der SP Obwalden eine Solidarisierung über die Gemeindegrenzen hinaus, dabei braucht es ein feministisches Kollektiv.» Franziska Roth sagte zum Schluss, man dürfe nicht warten, bis die Nachfrage kommt, sondern man müsse die Nachfrage mit dem Angebot generieren. Und:

«Wir müssen zeigen, wie wichtig das Thema Kinderbetreuung ist, egal wie bergig und ländlich der Kanton sein mag.»

Christian Schäli sagte im Schlusswort, er nehme vieles aus dieser Diskussion mit. Aber vor allem, dass das Bildungssystem nicht erst mit dem Schuleintritt beginnt, sondern mit der Geburt.

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