OBWALDEN: «Man muss sich in den Täter versetzen»

Als Kriminal­techniker trug Hans von Rotz zur Aufklärung vieler Fälle bei. Mit seinem Hobby Buchbinden sorgt er weitherum für Freude.

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Hans von Rotz gibt der Bibliotheksmitarbeiterin Pia Ryser einen Kurs im Buchbinden. (Bild Romano Cuonz)

Hans von Rotz gibt der Bibliotheksmitarbeiterin Pia Ryser einen Kurs im Buchbinden. (Bild Romano Cuonz)

Romano Cuonz

In den letzten Jahren erhielt jeder Obwaldner Polizist, wenn er pensioniert wurde, als Abschiedsgeschenk ein schön gebundenes Buch mit Fotos, Zeitungsartikeln und Dokumenten, die seine Tätigkeit beim Korps dokumentierten. Der Erste seit langem, der bei seiner Pensionierung im April wohl kein solches Buch erhalten wird, ist der aus Kerns stammende Kriminaltechniker Hans von Rotz (62). Ganz einfach, weil er selber es war, der die Bücher jeweils gestaltete und – kleinen Kunstwerken gleich – zu einzigartigen Büchern band. «Das Buchbinden ist seit Jahren eines meiner liebsten Hobbys», sagt von Rotz.

Vom Schriftsetzer zum Kripo-Mann

Hans von Rotz hat in jungen Jahren in der Sarner Druckerei Louis Ehrli eine Lehre als Schriftsetzer gemacht und an «Amtsblatt» und «Volksfreund» mitgearbeitet. «Eigentlich war es aber schon mein Bubentraum, Polizist zu werden», verrät der beinahe jugendlich wirkende Pensionär. Nach dem Vortrag eines Polizeiwachtmeisters hatte er in einem Sekundarschul-Reinheft Zeitungsartikel über Unglücksfälle und Verbrechen eingeklebt und bereits damals Fingerabdrücke und Fasern gesammelt. Als später eine Stelle für Polizeianwärter ausgeschrieben war, zögerte der Schriftsetzer nicht lange, sich zu bewerben. «Im Frühjahr 1976 bestand ich die Aufnahmeprüfung, und bald darauf wurde ich beim Obwaldner Polizeikorps eingestellt», erinnert sich von Rotz. Vorerst betätigte er sich noch als uniformierter Verkehrspolizist in Sarnen und Engelberg. «Auf die massgeschneiderte Uniform war ich damals schon sehr stolz», lächelt er. Sobald sich die Gelegenheit bot, bewarb sich von Rotz um eine Stelle im noch jungen Kriminaltechnischen Dienst.

Spannend wie in einem TV-Krimi

Als «Spurensicherer» hat Hans von Rotz bei der Aufklärung manches, auch spektakulären, Falles mitgewirkt. «Da war beispielsweise die Überfallserie auf die Raiffeisenbank Alpnach», erinnert er sich. «Da konnten wir einen Wiederholungstäter ausfindig machen, weil er auf einem Formular einen Fingerabdruck hinterlassen hatte.» Schon bald darauf wurde der Ausländer festgenommen. Nie vergessen wird von Rotz das Tötungsdelikt an einer älteren Frau in einem Engelberger Hotelzimmer. «Da stellten wir DNA-Spuren fest, und als wir sie dann mit dem gesamten Hotelpersonal abglichen, hatten wir den Täter. Es war ein Angestellter! In den Arbeitsbereich eines Fahnders fällt auch die Sicherstellung von Reifen- oder Werkzeugspuren. «Wenn man erfolgreich sein will, muss man sich in den Täter hineinversetzen und so erraten, wie er vorgegangen ist, was er berührt haben könnte», verrät Fahnder von Rotz.

Hobby wuchs aus Beruf heraus

Im kriminaltechnischen Dienst gilt es, auch ein Archiv und eine Chronik mit Quellenmaterial und Dokumenten zu führen. «Eine spannende, auf mich zugeschnittene Aufgabe!», findet Hans von Rotz. Und weil der Polizist es ganz sorgfältig und gut machen wollte, begann er damit, in der Freizeit Kurse im Buchbinden zu besuchen. Ausgeklügelte Techniken wie etwa den in früheren Kontobüchern angewandten Sprungrücken erlernte er. Bald entwickelte er eine wahre Meisterschaft. 2003 gewann er mit einem Buch über den Sonnengesang von Franziskus gar den Innovationspreis Bel Libero in Ascona. «Mein Name stand auf einem Plakat, das hätte ich nie erwartet», erzählt von Rotz. Aber nicht nur die Polizei profitiert von der besonderen Fähigkeit ihres Mitarbeiters. Pia Ryser (56), Mitarbeiterin in der Bibliothek Obwalden, möchte nicht mehr auf die Hilfe und Mitarbeit des Polizisten verzichten.

«Hans von Rotz bot bei uns interessierten Leuten schon viermal Kurse an, wie man ohne Leim selber Bücher zusammenstellen und binden kann», sagt Pia Ryser. Dann zeigt sie uns eine wunderschön gebundene, alte Broschüre mit dem Titel «Über die Hochwasser in der Schweiz von 1868». «Dieses wichtige Dokument war völlig zerfledert, es wäre wohl verloren gewesen, hätte Hans von Rotz es nicht gerettet!» Heute könne man ein von ihm erstelltes Doppel sogar wieder ausleihen. Und das sei nur eines von vielen Beispielen!

Gebirgstouren und weitere Bücher

Wenn Hans von Rotz nun vorzeitig in Pension geht, wird ihm ganz bestimmt nie langweilig. «Ich bin ein passionierter Bergwanderer, auf den noch viele grössere und kleinere Touren warten», lacht er.

Und selbstverständlich werde er in der Gemeinschaftswerkstatt in Stansstad auch weiterhin interessierte Leute in die faszinierende Kunst des Buchbindens einführen. Auch selber arbeite er weiter: zurzeit an den Pfarrchroniken von Sarnen, Sachseln, Lungern und Kerns.