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OBWALDEN: Mit den Fantasiekennzeichen wollte er Zeit gewinnen

Als Diplomat der Insel Peilz stellte sich der 34-jährige Waadtländer David L.* den Polizisten vor. Sein Weg nach Spanien endete vorerst abrupt in Kägiswil.
Christoph Riebli
Er ist am liebsten barfuss unterwegs: David L. in seiner fahrenden Wohn-Werkstatt. (Bild Christoph Riebli)

Er ist am liebsten barfuss unterwegs: David L. in seiner fahrenden Wohn-Werkstatt. (Bild Christoph Riebli)

«J’y vais» (ich gehe), steht auf dem Anhänger des im Kägiswiler Industriegebiet abgestellten Sattelschleppers. Aus dem Staub macht sich auch die grosse Comic-Figur neben dem Schriftzug – ein rennender Seekapitän. Besser auf den Punkt bringen kann man die momentanen Lebensumstände des Besitzers gar nicht: Überall, wo er auftaucht, ist er mit seinem Gefährt meist nur auf Zeit geduldet. So auch in Kägiswil. Bis am Sonntagabend musste er das Zivilschutzareal wieder verlassen – auf polizeiliche Anordnung hin.

In die Schlagzeilen geriet der junge Waadtländer kürzlich, als er seinen Fantasieführerausweis Obwaldner Polizisten bei einer Verkehrskontrolle vorwies (wir berichteten). Mit Diplomatenkennzeichen der unbewohnten Genfersee-Insel Peilz hatte er den Sattelschlepper versehen, sich zu deren Transportminister «Jesus Zen Droïd» ernannt mit der Erlaubnis, nebst U-Booten auch ein Ufo zu steuern. «So etwas haben wir hier auf dem Polizeiposten wohl noch nie erlebt», kommentierte Kripo-Leiter Christoph Fries den «kuriosen» Fall.

«Not macht erfinderisch»

Was und wer steckt dahinter? Ein Künstler, ein Provokateur? Eins ist klar: Was David L. aus Lausanne auf keinen Fall fehlt, sind Humor und Ideenreichtum. «Ich hatte schon immer Mühe, meine Kreativität zurückzuhalten», meint er lachend zum aufwendig gestalteten Fantasieausweis. Die Insel Peilz will er keineswegs annektieren. Sie ist eine Kindheitserinnerung. «Das Bundeshaus ist ja schliesslich auch unbewohnt», witzelt der 34-Jährige. Und: «Mit Kunst hat das Ganze nichts zu tun.» Vielmehr mit seiner aktuellen Lebenssituation: «Not macht halt erfinderisch.»

Seit rund fünf Jahren bewohnt David den LKW-Anhänger nun schon – dem Vorbesitzer diente er zur Überwinterung von Kartoffeln (aus dieser Zeit stammt auch das Comicmännchen). Seine bisherige Reiseroute: Renens–Morges–La Chaux-de-Fonds (mit einer 1?-jährigen Pause in einer Wohnung)–Biel–Zürich– Giswil–Kägiswil. Sehr weit ist er nicht gekommen. Und genau hier liegt die Krux. Rechtlich gesehen befindet er sich mit seinem Anhänger zwischen Stühlen und Bänken. Sein letzter Stopp ist denn auch ein gänzlich unfreiwilliger. Als er von der Obwaldner Polizei auf einem Parkplatz am Brünig kontrolliert wurde, befand er sich gerade auf dem Weg nach Spanien. «Dort wollte ich einen Freund besuchen.» Nun hat die Polizei dem Laster mit der Kapitänsfigur drauf die «Segel» gestrichen.

Anhänger muss umgebaut werden

Auf den Kopf gefallen ist David L. auf jeden Fall nicht. Seine Maturaarbeit machte er zum Thema Aerodynamik, sein Studium an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (analog ETH in Zürich) tauschte er wegen fehlendem Praxisbezug gegen eine Lehre als Elektroniker ein. Dann arbeitete er als Informatiker oder auch bei einem Radio in Lausanne. «Ohne Garagenschilder oder Zulassung darf ich mich nicht motorisiert fortbewegen», ist sich David voll und ganz bewusst. An Garagenschilder zu kommen, sei jedoch gar nicht so einfach. «Man kann sie nicht mieten.» Der Weg zur Zulassung wiederum sei für ihn noch viel schwieriger – bemüht hat er sich schon oft darum. Problem: Einerseits hat er den Anhänger selbst modifiziert, andererseits bereits mit gewissen Veränderungen übernommen (für alle Änderungen – beispielsweise wurde eine der beiden Achsen ausgebaut – führt er Papiere und Gutachten mit).

Der Tüftler bräuchte einen Standplatz, um sein Werk anpassen zu können. Doch ohne eigenen Grund und Boden sei das relativ schwierig in der Schweiz, betont er. «Um etwas mehr Zeit zu haben und damit die ‹Nachbarn› nicht misstrauisch werden, habe ich die Fantasieschilder gemacht.» Denn ein Sattelschlepper ohne Nummerschilder erregt schnell ungewollte Aufmerksamkeit. So liess auch die Polizei jeweils nicht lange auf sich warten. Es folgte Platzverweis auf Platzverweis.

Wenn nötig mit Muskelkraft weg

Um sein Gefährt in Schuss zu bringen, bräuchte er auch eine genaue Mängelliste vom Strassenverkehrsamt. «Wenn man sich für Details interessiert, erhält man nicht mal Auskunft, was genau nicht stimmt», beklagt er. Zudem werde von Kanton zu Kanton jeweils wieder anders befunden: In Bern und Zürich waren die Bremsen kein Problem. In Obwalden hingegen schon. Irrwitzig findet er, dass er sein provisorisches Lager in Kägiswil innert fünf Tagen zu räumen hatte. Bekannterweise geht das mit einem Ungetüm auf Rädern nur schlecht. «Die Frist, um einen Spezialtransport anzumelden, liegt jedoch bei 10 Tagen.» Man verlange von ihm somit praktisch Unmögliches. «Ich will keinen Ärger. Am liebsten hätte ich eine reguläre Lastwagennummer und wäre so auch gleich versichert», betont David.

Notfalls will er nun seinen Anhänger mit einem Seilzug selbst wegziehen. «Auch wenn ich dafür einen Monat brauche. Zeit habe ich genug.» Auf gar keinen Fall will er sein Projekt abbrechen: Rund 35 000 Franken und fast zehn Jahre Recherchearbeit hat der Tüftler inzwischen in sein Heim gesteckt (siehe Kasten). Und natürlich gibt es private und biografische Gründe für seine Reise – doch die gehören in keine Zeitung.

Christoph Riebli

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