OBWALDEN: Mit Jägergeschichten gegen Vorurteile

Gina Imfeld hat im Rahmen ihrer Maturaarbeit ein Buch herausgegeben. «Hiäsigi Jeger» erzählt eindrückliche Geschichten über das Jägerdasein in Lungern.

Lukas Tschopp
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Gina Imfeld aus Lungern hat die Jagd seit jungen Jahren im Blut. (Bild: PD)

Gina Imfeld aus Lungern hat die Jagd seit jungen Jahren im Blut. (Bild: PD)

Ausgerüstet mit Steigeisen, Militärblache, Jagdgewehr und ausreichend Proviant begab sich Ginas Vater Hansruedi Imfeld an einem Herbstabend 2010 auf einen schmalen Grad ob Lungern. Sein Ziel: der Abschuss seines ersten Hirschstiers. Über 30 Stunden lauerte er auf seinem Posten – das Wasser ging ihm allmählich aus –, als er frühmorgens, von der Berner Grenze her, Schüsse hörte. Auf offenem Feld entdeckte er «seinen» Hirschstier, der in rasantem Tempo, verfolgt von einer Hirschkuh, Richtung Gestrüpp rannte. Binnen Sekunden war der Jäger aus seinem Halbschlaf erwacht und richtete sodann sein Gewehr auf den Hirsch.

Aufgeregt und unsicher

Zwei Schüsse gab er ab, dann verschwand der Hirsch in den Büschen. «Ich war aufgeregt, da ich über eine sehr weite Distanz geschossen hatte und nicht genau wusste, ob ich wirklich getroffen hatte», schildert Hansruedi Imfeld rund drei Jahre später sein bisher prägendstes Jagderlebnis. Er stieg von seinem Versteck herab, benachrichtigte die Kollegen seiner Jagdgruppe und berichtete ihnen von seinen Schüssen. Angeführt von einem Schweisshund, kam die Gruppe ihrem Kameraden entgegen. Zur grossen Erleichterung Imfelds fanden sie den geschossenen Stier ziemlich rasch.

«Der erste Schuss hatte perfekt gesessen, das bereitete mir eine Riesen freude. Dass mir so ein guter Abschuss gelungen war und ich schon nach zwei bis drei Jahren Jagderfahrung in Lungern einen Hirschstier erlegen konnte, realisierte ich erst richtig, als ich neben ihm stand», so seine Ausführungen. Dem erlegten Hirsch wurde die letzte Ehre erwiesen, Fotos wurden geschossen, und Freudentränen flossen. Zurück im Dorf, wurde Imfelds gelungener Abschuss bei einem Mittagessen und mit ein, zwei Gläsern Schnaps gebührend gefeiert.

Jäger sind keine Waffennarren

Diese Geschichte ist nur eine von insgesamt über zwanzig Jagdepisoden, die Gina Imfeld, Maturandin an der Kantonsschule Obwalden, im Verlauf des letzten Jahres gesammelt hat. Veröffentlicht hat sie die Jägergeschichten in einem Buch mit dem Titel «Hiäsigi Jeger», dem Produkt ihrer Maturaarbeit. «Als ich etwa zehn Jahre alt war, durfte ich das erste Mal mit meinem Vater auf die Jagd mitgehen. Die Jagd ist ein Hobby, das mich sofort gepackt hat und mit dem ich mich auch heute noch sehr gerne auseinandersetze», sagt die 18-jährige Lungererin.

Oft würden Jäger nur als Waffennarren abgestempelt, die gerne auf Tiere schiessen. Um mit diesen Vorurteilen aufzuräumen, entschloss sich Gina Imfeld, den Leuten das Jagdabenteuer mit Jägergeschichten aus der Region näherzubringen. «Wenn mein Vater mit seinen Freunden zusammensitzt und sich die Runde gegenseitig von ihren Jagderlebnissen erzählt, höre ich immer voller Faszination zu.» Hinter jedem Abschuss und jeder Jagdtrophäe, die an der Wand prangt, stecke eben eine Geschichte, die beim Umhängen des Gewehres und mit dem Aufstieg zur Jagd beginnt. Und genau solche Geschichten erzählt Gina Imfeld in ihrem Buch.

21 Jägergeschichten auf Tonband

Über ihren Vater gelangte sie an 21 Jäger aus Lungern, mit denen sie je rund ein bis zwei Stunden zusammensass, um deren eindrücklichste Erlebnisse festzuhalten. Sie nahm die Gespräche auf Tonband auf und übersetzte die Dialektfassungen ins Hochdeutsche. «An der Kantonsschule mag ich den Deutschunterricht besonders gerne, gerade das Aufsatzschreiben liegt mir. So dachte ich, dass es für meine Maturaarbeit wohl gut sein wird, ein wenig Schreibarbeit zu leisten», schmunzelt sie.

Mit Unterstützung von Thomas Ulrich, einem bekannten Bergsteiger, Outdoor-Fotografen und Autor aus Interlaken, machte sie sich dann an die Buchbearbeitung: Die Textfassungen mussten mit einem Computerprogramm buchkompatibel zusammengefügt werden. Text-, Bild- und Hintergrundgestaltung liessen sich mit diesem Programm in Eigenregie bearbeiten.

Entsprechend gross war die Freude, als sie nach langer Arbeit das erste Exemplar ihres vollumfänglich eigenen Buches in den Händen hielt. «Es war schön, nach langer Arbeit endlich das Buch vor sich zu haben. Noch grösser war die Genugtuung, als ich das Buch zuvor in Dateiform an den Verlag abschickte. Da wusste ich, dass meine Arbeit nun vollbracht war», so Gina Imfeld. Sie bestellte 25 Exemplare, die sie inzwischen an Familie, Freunde und die Lungerer Jäger verteilt hat.

Autorin will Jägerin werden

Nach Abschluss der Maturaarbeit ist bei Gina Imfeld mit dem Jagen noch lange nicht Schluss: Sie plant, ab Frühjahr 2015 die einjährige Jagdausbildung zu absolvieren, um bald selber mit Gewehr und Proviant in die Lungerer Wildnis losziehen zu können. Und wer weiss, vielleicht hebt Gina Imfeld dereinst ebenfalls ihr Glas, um gemeinsam mit ihren Jägerfreunden auf den ersten geschossenen Hirschstier anzustossen.