OBWALDEN: Mit Parzival in eine neue Dimension

Nicht enden wollender Applaus im Stehen, fliegende Rosen und bunte Bänder: Das Team des Kollegitheaters feierte am Samstag eine rauschende Premiere.

Marion Wannemacher
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Szene im Kollegitheater Sarnen mit Parzival (Lorenzo Nanculaf, links), Orilus (Alex Tschopp) und Jeschute, seiner Frau (Alina De Col). (Bild Natalie Boo)

Szene im Kollegitheater Sarnen mit Parzival (Lorenzo Nanculaf, links), Orilus (Alex Tschopp) und Jeschute, seiner Frau (Alina De Col). (Bild Natalie Boo)

Marion Wannemacher

Parzival berührt. Wie ein «Forrest Gump» geht er mit unverdorbener Naivität durch die Welt. Keiner kann sich diesem Antihelden im Narrenkostüm entziehen. Das ist auch im Stück des mehrfachen Literaturpreisträgers Lukas Bärfuss so, der sich eng an die Vorlage von Wolfram von Eschenbach (um 1200) hält. Die Dialoge bei Bärfuss kommen unprätentiös, vielfach witzig und klar daher, Parzival nimmt den Zuschauer auf dem Weg seiner Ich-Findung mit.

Ritter im Narrenkostüm

Was dem Menschen vorenthalten ist, wird zum Ziel seiner Begierde. So auch bei Parzival (in unglaublichen schauspielerischen Leistungen Laura Spichtig und Lorenzo Nanculaf). Dessen Mutter Herzeloyde (Noemi Wallimann) versucht ihn zu isolieren, damit er nicht wie sein Vater als Ritter stirbt.

Doch die zufällige Begegnung mit den zwei Rittern Carnac (Crispin Windlin) und Segramors (Hannes Krummen­acher) erweckt in Parzival den Wunsch, Ritter zu werden. Die Mutter gibt ihm ein Narrenkostüm und befremdliche Ratschläge in der Hoffnung, ihn damit vom Rittertum abzuhalten: Er soll sich an den Rat alter, grauer Herren halten und einer schönen Frau den Ring nehmen.

Schon bald muss der einfältige Parzival feststellen, dass die Welt der Ritter einem komplizierten Regelwerk folgt. Doch beim Versuch, diese einzuhalten, stürzt er sich und seine Umgebung ins Unglück. Denn es sind äusserliche Konventionen, die nur vermeintlich die verderbte Gesellschaft zusammenhalten. Viele versuchen Parzival zu manipulieren und zu missbrauchen. Nachdem er Jeschute (Alina de Col) den Ring nimmt, muss diese entehrt weiterleben. Ohne nachzudenken, lässt er sich von seinem Lehrmeister Gurnemanz (Nico Fankhauser in einer Doppelrolle) mit dessen Tochter Liase (Melanie Jellard) verloben. Am Ende verweigert Parzival gar dem Gralskönig Anfortas (Nico Fankhauser) die erlösende Mitleidsfrage nach dessen Befinden, nur weil ihm Gurnemanz eingebläut hat, aus Höflichkeit keine Fragen zu stellen.

Nur eine liebt Parzival

Einzig Conduireamour (Rebecca Büchi) liebt Parzival wirklich und gibt ihm den Rat: «Geh deinen Weg.» Trevrizent (Melissa von Wyl) trifft die Kernaussage nach Bärfuss: Es geht nicht um Regeln und Gesetze. «Nur was du fühlst, ist recht und wird von Gott anerkannt.»

Es ist das überaus geglückte Zusammenspiel von Regie, musikalischer Leitung (Daniel Mattmann), Produktionsleitung (Lisbeth Schmid) und der Umsetzung durch Spieler und Musiker der Kantonsschule sowie das Bühnenbild (Markus Bürgi), die das Kollegitheater Sarnen zu einem Juwel in der regionalen Theaterszene machen.

Schauspielerische Höchstleistungen

Der diesjährige Regisseur Geri Dillier treibt die jungen Schauspieler zu Höchstleistungen an. Genial der Einfall, die ohnehin sehr grosse Rolle des Parzival zu unterteilen und durch die zwei Schauspieler die Möglichkeit zu schaffen, den inneren Monolog darzustellen.

Die Inszenierung des erfahrenen Hörspielregisseurs gehorcht einem Rhythmus. In einem ununterbrochenen Fluss folgen die Stationen Parzivals aufeinander. Dafür verwendet Markus Bürgi eine mit Leinwänden unterteilte Drehbühne. Das bedeutet: Szene auf Szene. Glücklicherweise bringt die Gralsburg eine örtliche Abwechslung. Der bespielte Raum erhält eine weitere Dimension. Hoch über Parzival erscheint hinter einem Nesselschleier das Innere der Gralsburg. Dies wirkt wie eine entrückte Projektion, die sich scheinbar in Parzivals Kopf abspielt.

Grosses Lob für den gekonnten Einsatz der von Daniel Mattmann komponierten Musik. Sie untermalt, verdichtet die Handlung leitmotivisch, treibt sie voran, berührt.

Am Ende ist Parzival neuer Gralskönig und mit Conduiramour vereint. Sie stehen auf der Drehbühne, diese wird zum Karussell mit Drehorgelmusik. Es ist der junge Parzival, der sie anschiebt. Das Schlussbild bleibt in den Köpfen der Zuschauer. Das Leben dreht sich, alles geht weiter.

Hinweis

Weitere Aufführungen: Freitag, 11., Samstag, 12., Mittwoch, 16., Freitag, 18., und Samstag, 19. März, jeweils 19.30 Uhr, Altes Gymnasium Sarnen. Telefonische Reservation: Mo–Fr 10.30–11.30/16–17 Uhr unter Telefon 077 416 44 33; www.kollegitheatersarnen.ch