OBWALDEN: «Mueti»: Geprägt von Erinnerungen

«Die Lebensgeschichte meiner Grossmutter Emma Küchler-Jakober verdient es, festgehalten zu werden.» Mit dieser Überzeugung ging Deborah Jakober an ihre Maturaarbeit heran.

Romano Cuonz
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Deborah Jakober mit ihrer Grossmutter und «Studienobjekt» Emma Küchler-Jakober (rechts). (Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 14. Dezember 2017))

Deborah Jakober mit ihrer Grossmutter und «Studienobjekt» Emma Küchler-Jakober (rechts). (Bild: Romano Cuonz (Sarnen, 14. Dezember 2017))

Romano Cuonz

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«Mit ihrem stolzen Alter von 86 Jahren hat unser ‹Mueti› – wie wir Grosskinder es liebevoll nennen – schon viel erlebt», schreibt die Maturandin Deborah Jakober aus Alpnach im Vorwort eines Foto-buches, das sie bei der Präsen­tation ihrer Maturaarbeit als ­Produkt vorstellt. Im bis auf den letzten Platz besetzten Raum sitzt auch die mit «Mueti» gemeinte 86-jährige Emma Küchler-­Jakober: «eine liebenswerte kleinere Frau mit weissem Haar, Brille auf der Nase, geröteten Wangen und spitzbübischem Lächeln.»

Wie hatte die Maturandin das doch sehr persönlich motivierte Projekt einer Biografie ihrer Grossmutter begründet? Als Erstes fragt sie sich: «Welche Informationen benötige ich, damit eine Biografie aufschlussreich und spannend über das frühere und heutige Leben einer Frau mit starker Sehbehinderung berichtet? Weiter: «Wie begleite ich mein ‹Mueti› auf der biografischen ­Spurensuche?» Und schliesslich: «Wie fasse ich alle Informationen zu einer spannenden, aussagekräftigen und nachhaltigen Biografie zusammen?» Und sie weiss auch genau, was es werden soll: «Eine kreative Produktion, ergänzt mit vielen authentischen Zitaten der alten Frau, Fotografien, ja gar Rezepten für Speisen, die sie oft gekocht hat.»

Unerwartet neue Entdeckungen

«Während all der Interviews nach der Methode des sogenannten ‹Münchner Erzählcafés› mit ‹Mueti› wurde mir bewusst, dass mir über ihr Leben zuvor so vieles gar nicht bekannt gewesen ist», hält Deborah Jakober fest. Ja, wer ist denn die porträtierte Frau? Emma Küchler-Jakober wurde am 6. Februar 1930 geboren und wuchs auf einem Bauernhof im Sarner Bezirk Bitzighofen auf. Bereits in der ersten Klasse wurde ihr starke Kurzsichtigkeit diagnostiziert. Diese verstärkte sich fortwährend und begleitete die Frau ein Leben lang. Mit 18 Jahren arbeitete sie als Dienstmädchen beim ehemaligen Direktor der ­Firma Weleda in Arlesheim. Auch verdiente sie Geld mit Winterarbeit in der Sarner «Hüetli­fabrik». 1953 heiratete sie den Bauernsohn Albert Küchler und gründete mit ihm eine Grossfamilie. Auf ihrem Bauernhof Breit­acher wuchsen zwei Knaben und sechs Mädchen auf. Die Kurzsichtigkeit der Bauernfrau verstärkte sich indessen stetig.

Wie sie damit umzugehen wusste, wie sie von ihrem Ehemann, ihren Kindern und vor ­allem auch von der modernen Medizin Hilfe bekam, ist eines der zentralen Themen in der Maturaarbeit von Deborah Jakober. Im Gespräch mit der Augenärztin und Chirurgin Viviane Weber- Várszegi erforscht die Gymnasiastin Hintergründe dazu. Sie vergleicht etwa die recht einfachen Möglichkeiten zur Korrektur, die es zur Kinderzeit der Grossmutter gab, und die chirurgischen Eingriffe und Seehilfen, die ihr erst im Alter zuteilwurden. Auch die genetisch bedingte Kurzsichtigkeit in der Familie wird thematisiert – eine Sehschwäche, unter der ­heute auch einige der 29 Grosskinder leiden.

Viele Kompetenzen erworben

In der persönlichen Reflexion zu ihrer Maturaarbeit stellt Deborah Jakober fest: «Diese Tätigkeit brachte mir in vielerlei Hinsichten Bereicherungen.» Neue Kompetenzen habe sie etwa bei der Durchführung der Feldarbeit – bei den vielen «Erzählcafés» mit «Mueti» eben – erworben. Aber auch in ganz praktischen Bereichen habe sie profitiert: Beim Arbeiten mit der Software eines Photo Service zur Herstellung des 74-seitigen Buches.

Es ist zu einem ebenso inte­r­essanten wie gefälligen Produkt geworden. Wörtlich bilanziert Deborah Jakober: «Die Arbeit beinhaltet einen sehr persönlichen Prozess, den ich zu durchlaufen hatte. Aber vor allem war es auch ein rührender Prozess für ­‹Mueti› selber.» Allein schon der Gedanke, dass nun das Leben der Grossmutter und Urgrossmutter Emma Küchler-Jakober für alle Nachkommen facettenreich und jederzeit greifbar in einem Buch aufbewahrt bleibe, sei einfach wundervoll, freut sich die Maturandin.