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OBWALDEN: Mundartforscher Christian Schmid : «Das ist eine Stadt-Land-Geschichte»

Warum macht man sich über andere Dialekte lustig? Mundartforscher Christian Schmid beleuchtet im Gespräch auch noch andere Aspekte des Dialekts.
Martin Uebelhart
Mundartforscher Christian Schmid. (Bild: Peter Leutert/PD)

Mundartforscher Christian Schmid. (Bild: Peter Leutert/PD)

Interview: Martin Uebelhart

martin.uebelhart@obwaldnerzeitung.ch

«Ds Rächt uf diä äiget Sprach!» lautete der Titel von Romano Cuonz’ Kolumne «ich meinti» vor zwei Wochen in unserer Zeitung. Er kritisierte darin SRF-Moderatorin Susanne Kunz, die in ihrer Sendung «1 gegen 100» einen Kandidaten aus dem Kanton Obwalden zu Gast hatte und dessen Dialekt nachäffte. Was danach kam, überraschte Romano Cuonz. Rund 50 mündliche und schriftliche Reaktionen erreichten ihn. «So etwas habe ich noch gar nie erlebt, obwohl es auf Kolumnen sehr häufig Reaktionen gibt», sagte er gegenüber unserer Zeitung. Für ihn sei das persönlicher Rekord, wenn man so wolle. «Ich hätte damit nie gerechnet. Alles kam ja aus einem rein persönlichen Ärger.» Ein nachvollziehbarer Ärger? Wir wollten mehr wissen über die Befindlichkeit der Dialekte und unterhielten uns mit dem Mundartforscher Christian Schmid.

Christian Schmid, überrascht es Sie, dass es so viele Reaktionen auf die Kolumne gab?

Nein, eigentlich nicht. Wenn es um Sachen geht, die die Mundart betreffen, vor allem unsere eigene, reagieren wir relativ emotional. Wen jemand den Dialekt, den wir sprechen, rühmt und ihn schön findet, dann freut uns das. Wenn jemand ihn kritisiert oder sich darüber lustig macht, haben wir das in der Regel weniger gern. Zum Fall in der Quizsendung im Fernsehen möchte ich festhalten, dass Moderatorin Susanne Kunz das sicher nicht böse gemeint hat. Solange das Nachäffen im privaten Rahmen geschieht, gehört das zum Spiel. Doch in Medien, seien das Printmedien oder elektronische, ist so etwas ein «No Go». Es hat leider in der letzen Zeit zugenommen, dass man jemandem seinen Dialekt vorhält.

Was bringt Leute dazu, einen anderen Dialekt nachzuäffen?

Das ist nicht mal so einfach zu sagen. Grundsätzlich haben wir zu allen Sprachen und Sprachformen eine Einstellung, die uns nicht immer so bewusst ist. Und diese hat meistens einen komplexen Hintergrund, in den eigene Erfahrungen hineinspielen. Im Fall von der Nid- oder Obwaldnermundart ist das eine typische Stadt-Land-Geschichte. Die urbanen Städter mokieren sich über deutlich ländliche Mundarten. Und die Leute, die sie sprechen, werden sofort als «Landeier» wahrgenommen. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass sich die Städte sprachlich schneller modernisiert haben. Anders sieht es bei den Ostschweizer Dialekten aus. Die Vorurteile gegen sie stammen noch aus der Zeit der alten Eidgenossenschaft, weil die Dialekte in den damaligen Untertanengebieten im Osten des Landes gesprochen wurden.

Gibt es Dialekte, die als sympathischer wahrgenommen werden?

Das ist natürlich immer etwas heikel, aber es gibt Beliebtheitsskalas der Dialekte. Das Berndeutsch, das auch ich spreche, schliesst da in der Regel nicht so schlecht ab. Auch das Bündnerdeutsch hört man gern. Auf der anderen Seite ist die viel gehörte Zürcher Mundart in der übrigen Schweiz nicht besonders beliebt.

Wie wichtig sind Dialekte heute als Ausdruck der Identität?

Für die Identität sind sie fast am wichtigsten. Denn als Sprachform, um im Alltagsleben bestehen zu können, bräuchte man sie eigentlich gar nicht mehr. Da käme man heute auch mit Schriftdeutsch, Englisch oder Französisch durch. Ich kenne heute niemanden mehr, der sich nicht auf Schriftdeutsch verständigen kann. Als ich ein Kind war, war das noch ganz anders. Mein Götti war Bauer und verstand Schriftdeutsch nicht. Wichtig sind die Mundarten genau für die Identität. Wir sprechen die sprachliche Heimattracht. Das klingt vielleicht etwas altmodisch, aber es ist so.

Man gewinnt den Eindruck, dass einige Dialekte mehr und mehr abgeschliffen werden oder mindestens die Vielfalt abnimmt. Täuscht das?

Man kann das Abschleifen nennen. Als Sprachwissenschaftler muss ich da etwas ausholen. Im Alltag ist der Dialekt die Sprache, in der wir mit allen über alles reden. Wir leben im 21. Jahrhundert, also müssen wir auch über Dinge sprechen können wie Hybridmotoren, Handy, Laptops, Knopflochoperationen, Patchworkfamilie und vieles mehr. Der Dialekt muss das alles zur Verfügung stellen. Wir können aber nicht einfach immer mehr «draufbeigen». Viel geht auch verloren. Ein grosser Teil des Wortschatzes des handwerklichen Bauerntums, des alten Handwerks oder der alten Verwaltung geht verloren. Und es gehen auch Wörter verloren, um die es schade ist. Wenn wir den Dialekt weiter verwenden wollen, ist dieser Wandel unbedingt nötig. Sonst könnten wir salopp gesagt nur um den Misthaufen herum plaudern. In Deutschland sind viele Dialekte in der bäuerlichen Welt geblieben. Die Leute sind vermehrt dazu übergegangen, Schriftdeutsch zu sprechen. Viele Dialekte blieben auf der Strecke, sie werden nicht mehr gebraucht.

Kann ein Dialekt dazu führen, dass man beispielsweise bei einem Bewerbungsgespräch schlechtere Karten hat?

Das ist für mich eine ganz wichtige Frage. Ich würde mal grundsätzlich behaupten: ja. Wobei man da schon auch etwas differenzieren muss. Wenn sich jemand aus Ob- oder Nidwalden, um bei Ihren Kantonen zu bleiben, bei einem ebenfalls in der Wolle gefärbten Firmenchef bewirbt und seinen Dialekt pflegt, hat er gute Karten. Für grosse, urbane Firmen gilt das weniger. Wer dort mit einem ausgeprägt ländlichen Dialekt auftritt, hat wohl schlechterer Chancen. Leider ist es heute schon so, dass man mit der Mundart gegenüber Schriftdeutsch sprechenden Leuten benachteiligt sein kann. In Schriftdeutsch ist die Ausdrucksweise zackiger, der Diskurs ist schneller auf die Sache zugehend.

Hinweis

Christian Schmid (70) ist Sprachwissenschaftler und hat während vieler Jahre beim Schweizer Radio gearbeitet. Unter anderem war er Mitbegründer der Sendung «Schnabelweid».

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