Obwalden
Neue Publikation ist Bruder Klaus' Frau gewidmet: Dorothee Wyss war weitherum bekannt

Bisher war ihr Leben wenig erforscht: Bruder-Klaus-Biograf Roland Gröbli widmet der Frau Niklaus von Flües nun sein neuestes Werk.

Romano Cuonz
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Der gebürtige Ennetmooser Historiker Roland Gröbli ist ein fundierter Kenner des Eremiten Bruder Klaus. Seit 1987 – als man das 500. Todesjahr des Schweizer Schutzpatrons feierte – eröffnete er mit seinen Publikationen und Vorträgen immer wieder neue Sichten auf ihn. Doch heute erinnert Gröbli sich mit Bedauern: «Wenn ich damals auf Bruder Klaus' Ehefrau Dorothee Wyss angesprochen wurde, antwortete ich stets, dass es über sie als individuelle Person so gut wie keine Quellen gebe.» Inzwischen aber weiss er: Diese Aussage sei schlicht falsch gewesen. Damals habe er die Quellen immer mit Blick auf den Mystiker und Visionär gelesen. «Mir wurde bewusst, dass ich noch nie Quellen zur Frau an der Seite des Eremiten im Ranft erforscht hatte», so Gröbli. Und: Dies habe er nun nachgeholt.

Historiker Roland Gröbli im Wohnhaus von Bruder Klaus.

Historiker Roland Gröbli im Wohnhaus von Bruder Klaus.

Bild: Romano Cuonz (Flüeli-Ranft, 21. März 2021)

In der Tat: Der Historiker hat alle gedruckten Quellentexte über Niklaus von Flüe neu gelesen. Diesmal mit Blick auf Dorothee Wyss. Entstanden ist eine 100-seitige Studie, die dieser Tage erscheint. Ihr Titel lautet «Leben und Bedeutung einer aussergewöhnlichen Frau – Dorothee Wyss von Flüe». Gröbli sagt:

«Mit Überzeugung sage ich nun, Dorothee Wyss ist eine historisch fassbare Persönlichkeit. Dies gilt vor allem für die Jahre ab 1465.»

In der Eidgenossenschaft hoch geachtete Frau

Die von Flües waren eine innovative und progressive Bauernfamilie. Diese hatte im 15. Jahrhundert, wie viele andere, einen grossen Wandel mitgemacht: Man wechselte damals vom Ackerbau zur Viehwirtschaft und zur Käseproduktion, verkaufte den Käse als haltbares Produkt bis nach Italien. Für einen prosperierenden Bauernbetrieb brauchte es aber stets zwei: Mann und Frau. Namentlich, wenn zehn Kinder da waren und der Mann in öffentlichen Ämtern oft abwesend war.

Doch noch unterschied sich Dorothee Wyss kaum von andern Bauersfrauen ihrer Zeit. «Die individuelle Bedeutung von Dorothee wird erst ab der Zeit sichtbar, als Niklaus von Flüe von einer inneren Welt getrieben einen andern Weg suchte, sich zurückziehen wollte aus dieser Welt und allen Ämtern.» Ab diesem Zeitpunkt – von 1467 bis 1487 – untersucht Gröbli in seiner aktuellen Publikation 20 Quellen neu.

Interessant sind etwa Aussagen von Peter Numagen, dem späteren Chorherrn im Zürcher Grossmünster. Im Zentrum steht bei ihm eine Frage, die Dorothee direkt betrifft: Durfte Niklaus von Flüe Frau und Kinder verlassen? «Auch die Biografie von Heinrich Wölfli – aus Sicht von Dorothee betrachtet – enthält eine Fülle von Informationen, die so bisher nicht ausgewertet worden sind», so Gröbli. Und als Historiker bilanziert er, dass die neue Betrachtungsweise der Quellen mehrere interessante Entdeckungen geliefert habe: Dorothee Wyss war zu ihrer Zeit eine öffentliche, weitherum bekannte Person, vielleicht gar die meistgeachtete Frau der Eidgenossenschaft. Betrachtet man die Geschichte Niklaus von Flües aus ihrer Sicht, wird deutlich, wie verletzlich, wie quälend und wie langsam der Prozess der Loslösung war.

Frau hätte Mann zurückverlangen können, selbst als Papst

Heinrich Wölfli beschönigt nichts, wenn er schreibt: «Als Niklaus von Flüe Dorothee immer wieder drängte, gab sie schliesslich, widerstrebend und unter vergeblichem Flehen, ihre Zustimmung.» Ohne ihre Zustimmung wäre aber ein Leben als Klausner nicht denkbar gewesen. Peter Numagen formuliert es im Quellentext drastisch:

«Wenn aber die Frau nicht eingewilligt hätte, so könnte sie den Mann zurückverlangen, selbst wenn er Papst geworden wäre.»

Doch Dorothee beschützte ihren Mann in sakraler, gesellschaftlicher und materieller Hinsicht. Als Klaus sich zurückzog, führte sie den Betrieb weiter, war Mittelpunkt der Familie. In der Gesellschaft aber wurde sie hoch geachtet. Roland Gröbli sagt: «Dorothee Wyss war eine gewöhnliche, aber auch aussergewöhnliche Frau. Sie hat getan, was in dieser Situation von ihr gefordert war.» Und genau deshalb – davon ist Doris Hellmüller vom Förderverein Niklaus von Flüe und Dorothee Wyss überzeugt – haben viele Pilger das Bedürfnis, sich mit ihr auseinanderzusetzen.

Hinweis: Roland Gröbli, «Leben und Bedeutung einer aussergewöhnlichen Frau – Dorothee Wyss von Flüe». Erhältlich beim Förderverein Niklaus von Flüe und Dorothee Wyss in Sachseln unter www.bruderklaus.com. Das Museum Bruder Klaus in Sachseln widmet Dorothee Wyss ab dem kommenden Sonntag zudem eine Ausstellung.