OBWALDEN: Pater Beda: «Etwas schade ist es schon»

Mit Beda Szukics verlässt der letzte Pater die Kantonsschule Obwalden. Haben die Benediktiner in Sarnen noch eine Zukunft?

Interview Adrian Venetz
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Pater Beda Szukics war 27 Jahre lang Religionslehrer an der Kantonsschule Obwalden. (Bilder Corinne Glanzmann)

Pater Beda Szukics war 27 Jahre lang Religionslehrer an der Kantonsschule Obwalden. (Bilder Corinne Glanzmann)

Als letzter Pater verlassen Sie die Kantonsschule Sarnen. Damit geht definitiv eine Ära zu Ende.

Pater Beda: Es war mir nicht so richtig bewusst, dass damit nun ein Schlusspunkt gesetzt wird. Aber tatsächlich: Jetzt ist die Zeit gekommen, dieses Band zwischen dem Kloster und der Schule aufzulösen.

Macht Sie das traurig?

Pater Beda: Nein, das würde ich so nicht sagen. Zwischen Schule und Kloster besteht ja – was den Umfang unseres Engagements betrifft – schon seit längerer Zeit keine so enge Verbindung mehr. Was mich immer wieder freut: Das Bewusstsein, dass das Kollegium benediktinisch geprägt ist, ist bis heute nicht verschwunden. Ich hoffe, dass sich die eine oder andere Zusammenarbeit zwischen Schule und Kloster weiterhin ergeben wird.

Warum hören Sie bereits auf? 54 ist doch noch kein Alter ...

Pater Beda: Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass ich zu viele Tätigkeiten nebeneinander betreibe. Im Kloster ist dabei einiges liegen geblieben. Ich möchte mich deshalb vermehrt auf meine Aufgaben im Konvent konzentrieren.

27 Jahre lang waren Sie als Religionslehrer am Gymnasium tätig. Wie hat sich das Verhältnis der Schüler zur Religion verändert?

Pater Beda: Früher haben die Schüler definitiv mehr gewusst über die Religion. Und das Thema Religion war oft auch im Spiel, wenn sich Kinder und Jugendliche abgrenzen wollten – eine pubertäre Auflehnung gegen die Glaubenswelt der Erwachsenen. Das ist heute fast nicht mehr der Fall.

Kommt sich ein Religionslehrer manchmal vor wie ein Marktfahrer, der Waren anbietet, die niemand kaufen will?

Pater Beda: Nein, so direkt habe ich das nie empfunden. Es ist nicht so, dass niemand mehr etwas über Religion erfahren will. Aber Tatsache ist: Das Thema ist heute weiter weg von den Jugendlichen. Anderseits entsteht gerade dadurch auch wieder Neugier und Interesse. Anders ausgedrückt: Indem das Thema Religion den Schülern fremder geworden ist, wurde es im Unterricht auch wieder interessanter. Aber ab und zu bin ich immer noch baff, was Gymnasiasten heutzutage nicht mehr wissen.

Zum Beispiel?

Pater Beda: Dass die Bibel ein Altes und ein Neues Testament hat – absolutes Basiswissen. Auch als ich Lateinklassen nach Rom begleitet habe, ist mir das aufgefallen: Die Schüler erkennen praktisch keine biblischen Szenen auf den alten Gemälden, etwa die «Berufung des Heiligen Mätthaus» von Caravaggio.

Aber es gibt auch heute noch inte­ressierte Schüler?

Pater Beda: Ja. Ich war immer froh, wenn jemand in der Prüfung eine Sechs geschrieben hat. Da wusste ich: Es ist noch nicht alles verloren (lacht).

Wie hat sich der Religionsunterricht in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt?

Pater Beda: Früher gabs einfach vom 1. bis zum 5. Gymi katholischen Religionsunterricht – und für Protestanten den evangelischen Religionsunterricht. Heute heisst es Religionskunde. Da ist nicht nur das Christentum ein Thema, sondern auch das Judentum, der Islam, der Hinduismus und der Buddhismus.

War diese Umstellung für Sie ein Müssen? Ist ein Unterricht über den Islam oder den Buddhismus für einen katholischen Pater nicht so etwas wie ein Verrat am Mutterhaus?

Pater Beda: Nein, keineswegs. Ich habe das gern gemacht. Ohnehin aber habe ich meistens die Erstgymnasiasten unterrichtet, wo vor allem das Christentum und das Judentum behandelt werden.

Wenn ich mich an meine Schulzeit zurückerinnere: Es war immer der Religionsunterricht, wo es mit der Disziplin der Schüler nicht zum Besten stand. Woran liegt das?

Pater Beda: Schüler fühlen sich im Religionsunterricht – vielleicht ähnlich wie im Deutschunterricht – ein Stück weit schon kompetent genug. Vielleicht denken sie auch: «Mein Glaube ist meine persönliche Sache – weshalb sollte ich darauf eingehen, was jemand anderes dazu sagt.» Abgesehen davon: Es gibt immer wieder Lektionen, in denen es disziplinarisch nicht gut läuft. In den letzten Jahren aber hatte ich diesbezüglich weniger Schwierigkeiten als früher.

Ich war alles andere als ein Musterschüler und habe Ihre Gutmütigkeit oft genug bis an die Grenzen ausgereizt ... Sind Sie strenger als früher?

Pater Beda: (lacht) Ja, ich erinnere mich. Vermutlich bin ich schon etwas strenger geworden. Aber ich bin auch jetzt noch nicht ein Mensch, der heftig «ausruft» und laut wird. Disziplin war mir nie enorm wichtig. Klar habe ich auch mal auf den Tisch geklopft, wenn es sein musste. Aber meistens habe ich das Strengsein nicht sehr lange durchgehalten.

Andere Benediktinerpater waren berühmt für ihre Härte. Als mein Sitznachbar mal im Geschichtsunterricht eingeschlafen ist, packte Pater Leo ihn mit voller Kraft am Haar und schüttelte ihn wach. So etwas wäre heute kaum mehr denkbar, oder?

Pater Beda: Eher nicht ...

Heute muss jeder Lehrer eine lupenreine pädagogische und fachspezi­fische Ausbildung vorweisen. Das war früher anders?

Pater Beda: Ja. Diese Selbstverständlichkeit, mit der man früher einen Pater in die Schule gesteckt hat, gibts heute natürlich nicht mehr. Auch mir fehlte ja ein Stück weit diese pädagogische Ausbildung. In meinem Pastoraljahr in Luzern wurden mir zwar kurz einige pädago­gische Grundkenntnisse vermittelt – aber das war dann schon alles.

Finden Sie es schade, dass nun kein Pater mehr an der Kanti Sarnen unterrichtet?

Pater Beda: Naja, es geht schon ein Farbtupfer verloren.

Einen Benediktinerpater als Farbtupfer zu bezeichnen, ist aus rein optischer Sicht etwas vermessen ...

Pater Beda: (lacht) Das stimmt. Ich meine: Etwas schade ist es schon, dass nun keine Patres mehr unterrichten. Ich glaube aber nicht, dass dadurch die Unterrichtsvielfalt verloren geht.

Welche schönen Erinnerungen werden Ihnen von der Kanti bleiben?

Pater Beda: Besonders gerne erinnere ich mich an meine Mitarbeit beim Kollegi-Theater. Da half ich verschiedentlich beim Bau des Bühnenbilds und habe einige Male das Licht-Design gestaltet. Diese Arbeit gemeinsam mit dem Regisseur Adrian Hossli war zwar manchmal etwas chaotisch, aber immer interessant.

Eine Zusammenarbeit mit Adrian Hossli ist per definitionem chaotisch ...

Pater Beda: (lacht) Aber nie langweilig! Bei den Vorbereitungen zum Stück «Turandot» wollte er unbedingt Wasser auf der Bühne haben. Dafür legten wir eine riesige Folie über die Bühne und füllten sie mit Wasser. Leider gabs immer irgendwo ein kleines Loch in der Folie – mehr als einmal mussten wir auf der Bühne das ganze Wasser vom Boden absaugen ...

Selber auf der Bühne zu stehen, kam für Sie nicht in Frage?

Pater Beda: Weniger. Mit hat vor allem das technische Drumherum interessiert.

Sie galten immer als ein Pater, der Ahnung von Computern und Technik hat ...

Pater Beda: Ja, das ist ein Hobby von mir. Schon 1985 hatte ich einen Commodore 64, diesen «Brotkasten». Auch beim Aufbau der Netzwerkinfrastruktur an der Kanti habe ich mitgeholfen. Bereits als Jugendlicher interessierte ich mich für Mathe, Physik und Chemie.

Ist vielleicht etwas klischeehaft gefragt – aber dient das Technische als Ausgleich zur geistlichen Welt?

Pater Beda: Das Interessante ist die Verbindung zwischen diesen «Welten», zwischen dem Spirituellen und der Naturwissenschaft. Wenn ich mich mit naturwissenschaftlichen Themen beschäftige, hilft das meinem Glauben fast mehr, als wenn ich mich mit theologischen Fragen auseinandersetze.

Wie meinen Sie das?

Pater Beda: Die Naturwissenschaft ist für mich ein Stück weit ein Gottesbeweis. Diese Exaktheit, diese Ordnung, die man darin findet ... Und wenn man eine Antwort hat, taucht eine neue interessante Frage auf. Die Welt zu erklären, bedeutet keinen Angriff auf meinen Glauben. Es gibt mir eher die Gewissheit, dass da etwas ist, das alles trägt und zusammenhält. Die Naturwissenschaft kann vieles erklären, aber sie kann keinen letzten Sinn vermitteln. Den finde ich im Glauben. Ich sehe Gott nicht als Lückenbüsser für etwas, das wir nicht erklären können.

Sondern?

Pater Beda: Gott ist für mich «jemand anderes» – oder ganz einfach: das «Andere».

Das rosarote Professorenheim der Benediktiner ist ein markantes Gebäude in Sarnen. Wie viele Patres leben dort noch?

Pater Beda: Wir sind noch zu sechst.

Sechs Personen in diesem riesigen Gebäude und kein «Nachwuchs» in Sicht – haben die Benediktiner in Sarnen überhaupt noch eine Zukunft?

Pater Beda: Längerfristig werden wir den Standort Sarnen als Teil des Klosters Muri-Gries aufgeben. Daran führt wohl kein Weg vorbei.

Was heisst längerfristig?

Bade Beda: Das hängt davon ab, wie sich unsere Gemeinschaft entwickelt.

Konkret: wie lange die verbleibenden Patres noch leben ...

Pater Beda: Ja.

Was passiert dann mit dem Professorenheim?

Pater Beda: Das sind natürlich Fragen, die wir uns langsam stellen müssen. Derzeit haben wir aber noch keine konkreten Pläne.

Stehen all diese Zimmer einfach leer?

Pater Beda: Ganz so gross, wie das Gebäude von aussen vielleicht aussieht, ist es dann doch wieder nicht. Aber es ist leider schon so: Ein grosser Teil des Gebäudes wird heute wenig bis gar nicht genutzt. Deshalb müssen wir uns schon auch die Frage stellen, ob wir beispielsweise eine Hälfte des Gebäudes anderweitig nutzen. Wir haben diese Problematik im Hinterkopf, aber wie gesagt: Ein konkretes Projekt gibt es noch nicht. Es ist rein architektonisch nicht ganz einfach, das Gebäude zu «halbieren».

Sechs Patres – Sie sind mit Abstand der Jüngste – allein in diesem Professorenheim. Ist das nicht etwas trostlos und deprimierend?

Pater Beda: (überlegt) Ja ... Es ist nicht immer ganz einfach. Anderseits gewöhnt man sich dran und schätzt die Ruhe.

Wird Ihnen der Kontakt zu den Jugendlichen künftig fehlen?

Pater Beda: Klar werde ich das vermissen. Aber ich hoffe, dass ich auch weiterhin die Möglichkeit habe, ab und zu mit Jugendlichen zu arbeiten.

Welchen Aufgaben werden Sie sich künftig vermehrt widmen – abgesehen von den administrativen Tätigkeiten fürs Kloster?

Pater Beda: Ich habe angefangen, in unserer Bibliothek die ganz alten Bücher aus dem 16. bis 17. Jahrhundert genauer unter die Lupe zu nehmen und elektronisch zu dokumentieren. Und ein Hobby, das ich wieder intensiver betreiben möchte, ist die Imkerei.

Dann schlüpfen Sie aus der Kutte in diese Imker-Kleider, die aussehen wie Astronautenanzüge?

Pater Beda: (lacht) Genau. Ich werde aber trotzdem oft gestochen. Meine Bienen können sehr unfreundlich sein.