OBWALDEN: Per «Eilzug» streift sie durchs Gastland

Aus dem nordwestlichsten Zipfel Amerikas hat es Ava Kelley für ein Jahr in die Schweiz verschlagen. Davon hat sie nach wenigen Tagen schon einiges gesehen.

Merken
Drucken
Teilen
Ava Kelley vor der Kantonsschule in Sarnen. (Bild Corinne Glanzmann)

Ava Kelley vor der Kantonsschule in Sarnen. (Bild Corinne Glanzmann)

Sie heisst Ava Kelley, ist 16 Jahre alt und stammt aus Alaska. Seit Mitte August lebt die amerikanische Austauschschülerin in Obwalden. Und das für ein ganzes Jahr. Also genug Zeit, um ihre neue Umgebung zu erkunden. Doch: «Ich war schon in Genf, Bern, Zürich, Luzern, Chur und Basel», zählt Ava Kelley auf. Auch auf dem Pilatus, dem Stanserhorn und auf Melchsee-Frutt. Und nebenbei hat sie von der Schweiz aus bereits deutschen und französischen Boden betreten. «Das ist cool, in Amerika kann man nicht so schnell Grenzen wechseln. Auch das gute Zugsystem ist ziemlich eindrücklich, das bin ich mich gar nicht gewohnt», gerät sie ins Schwärmen.

Jetzt mal langsam. Das ist ja schon viel Programm für die ersten sechs Wochen in der Schweiz? «Es waren viele Orte für einen Monat», gibt sie zu, «doch deshalb bin ich doch hier»! Einer ihrer Gründe, um für ein Jahr nach Europa zu kommen, sei die eigene «Komfortzone» zu verlassen. Denn sie sei eigentlich eher scheu und «ich möchte in diesem Jahr etwas unabhängiger werden», erklärt sie. Für Ava Kelley bedeutet das auch «nach draussen zu gehen und neue Sachen zu entdecken». Übrigens: Die Schweiz war ihre erste Wahl, um das zu tun, noch vor Norwegen und Schweden.

Fehlstart mit erster Familie

Glimpflich verlief ihr Start in der Schweiz jedoch nicht. Zurzeit wohnt Ava Kelley bei einer Mitarbeiterin des Austauschprogramms in Alpnach. Mit ihrer Gastfamilie in Sachseln hat es nicht harmoniert: «Die Chemie hat einfach nicht gestimmt.» Zwar werde man vor der Abreise von der Organisation auch auf diese Eventualität vorbereitet, «ich hätte jedoch nie gedacht, dass es mich treffen würde». Als «Troublemaker» sieht sie sich nämlich überhaupt nicht. Dennoch sei ein Familienwechsel unabdingbar gewesen.

Vor einigen Tagen hat sie nun ihre neue Gastfamilie kennen gelernt. Ein junges Paar mit zwei jüngeren Kindern, die ebenfalls in Alpnach wohnen. Nach den Herbstferien zieht Ava Kelley bei ihnen ein.

Auf einem «Berg» aufgewachsen

Heimweh? «Ja, schon, besonders meine Mutter vermisse ich», gesteht sie. Doch sie wolle nicht zu oft mit ihrer Familie telefonieren, das mache alles nur noch schlimmer. «Einmal pro Woche, das muss reichen», ist sie streng mit sich selbst.

Ava Kelley lebt mit ihren Eltern und zwei Schwestern in Eagle River. «Das ist ein Dorf, das etwas kleiner als Sarnen ist.» Und dort lebt sie etwas abgelegen auf einem «Berg». Anchorage, die Hauptstadt von Alaska, sei etwa 30 Autominuten entfernt. Ihr Papa ist Frachtflugzeugpilot, ihre Mutter Kunstdruckerin.

Etwas freier als zu Hause

«Als ich ankam, hatte ich schon ein wenig einen Kulturschock», sagt sie lachend. Ihr sei sofort aufgefallen, dass die Leute in der Schweiz sehr einladend und offen seien. Das seien sie zwar auch in Amerika, doch jemanden bei der ersten Begegnung gleich zu umarmen und zu küssen, dafür müsse man sich zu Hause besser kennen. Hierzulande fühlt sie sich generell etwas freier. «Gewisse Sachen, die in Amerika wichtig sind, sind es hier nicht und umgekehrt.» Auf die Frage nach Beispielen meint sie: «Ganz allgemein.»

Landschaftlich sieht Ava Kelley keine grossen Unterschiede zwischen Obwalden und ihrer Heimat, dem grössten US-Bundesstaat am nordwestlichen Zipfel des Kontinents. Die Berge, die Natur, das seien die wichtigsten Gründe gewesen, in die Schweiz zu kommen. «Ich mag alles, was in der freien Natur ist. Ich gehe viel Rennen und Wandern, querfeldein, fahre Ski und Snowboard und klettere.» Auch Reisen gehöre zu ihren grössten Hobbys. In Amerika habe sie schon fast alle Staaten gesehen. Auch in Kanada sei sie schon gewesen, nur eben in Europa noch nie.

Kanti als Herausforderung

Und die Kantonsschule in Sarnen? «Die Schule wird das Schwerste», sagt sie, «aber das kommt schon gut. Der erste Tag war komisch, ich war verängstigt. Ich wusste nicht, was mich erwartet. Doch die Leute waren nett.» Dann seien sie bereits für eine Woche nach Zürich ins Klassenlager gefahren – eine gute Gelegenheit, um sich besser kennen zu lernen.

Nachdem sie schon so viel gesehen hat, was steht noch auf ihrer Wunschliste? «Ich möchte unbedingt noch die italienische Schweiz kennen lernen, Lugano wäre was», sagt Ava Kelley. Doch auch Obwalden möchte sie noch viel besser kennen lernen, so freut sie sich etwa schon auf den Winter. Denn ihre neuen Gasteltern sind beide Skilehrer. Davon verspricht sie sich einiges. Zudem möchte sie eines Tages auch noch den bekanntesten Schweizer Berg zu Gesicht bekommen, das Matterhorn und natürlich Zermatt.

Christoph Riebli