OBWALDEN: Peter Lütolf: «Ich schätzte das weite Spektrum»

Übermorgen hat Peter Lütolf den letzten Arbeitstag. Als Amtsleiter hat er die Volks- und Mittelschulen im Kanton massgeblich mitgeprägt. Nun freut er sich, mehr Zeit für die Familie und sein Saxofon zu haben.

Interview Adrian Venetz
Drucken
Teilen
Bild: Corinne Glanzmann (Sarnen, 14. Dezember 2016)

Bild: Corinne Glanzmann (Sarnen, 14. Dezember 2016)

Interview Adrian Venetz

adrian.venetz@obwaldnerzeitung.ch

14 Jahre lang führte Peter Lütolf das Amt für Volks- und Mittelschulen in Obwalden. Ende Jahr geht er nun in Pension. Der Vater von drei erwachsenen Töchtern wohnt in der Stadt Luzern. Im Interview verrät er, was seine grössten Herausforderungen waren – und weshalb Lehrer nicht kompliziertere Menschen sind als andere.

Peter Lütolf, ein Geschenkkorb liegt hier auf dem Tisch in Ihrem Büro. Ich vermute, es wird nicht der einzige sein, den Sie erhalten ...

(Lacht) Nein, wahrscheinlich nicht. Den Geschenkkorb haben mir die Schulleitungen beim Abschied übergeben. Es stehen noch einige interne Termine mit Abschiedsveranstaltungen an. Kürzlich durfte ich beispielsweise mit dem gesamten Regierungsrat essen gehen. Das sind natürlich sehr schöne und eindrückliche Erlebnisse zum Abschluss.

Was waren Ihre persönlichen Highlights der vergangenen Jahre?

Das ist gar nicht so einfach. 14 Jahre sind eine lange Zeit. Ein grosses Highlight war sicher die Realisierung des Bildungsgesetzes, welches das alte Schulgesetz von 1978 ersetzte. Als ich 2002 anfing, war die Erarbeitung bereits aufgegleist.

2004 wurde das Bildungs­gesetz an der Urne abgelehnt. Das war kaum ein Highlight.

Nein, das war zuerst eine riesige Enttäuschung. Als ich im Radio das Abstimmungsergebnis hörte, dachte ich: Das darf doch nicht wahr sein – ein grosser Scherbenhaufen. Danach aber folgte die gründliche Überarbeitung des Gesetzes. Das war ein sehr lehrreicher Prozess. Und zwei Jahre später wurde das Bildungsgesetz mit über 80-prozentiger Mehrheit angenommen. Plötzlich empfand ich es fast als Segen, dass das Gesetz zuerst abgelehnt wurde. Ein weiteres, absolutes Highlight war das Projekt zur Überführung des Sonderschulwesens von der Invalidenversicherung – also vom Bund – zum Kanton. Dies geschah in den Jahren 2008 bis 2010 im Rahmen des neuen Finanzausgleichs NFA. Das war ein ganz grosser Brocken. Die Arbeit war für mich aber unglaublich interessant, nicht zuletzt deshalb, weil ich früher lange als Kinder- und Jugendpsychologe gearbeitet habe.

Als Amtsleiter waren Sie zuständig für alle Schulen – vom Kindergarten bis zum Gymnasium.

Dieses weite Spektrum habe ich an meinem Beruf sehr geschätzt. Denn das ist nicht selbstverständlich. In grösseren Kantonen teilen sich zwei bis drei verschiedene Ämter diese Aufgaben – also beispielsweise ein Amt für Volksschulen und ein Amt für Mittelschulen.

Ein Kindergärtler fragt Sie, was Sie in Ihrem Job so gemacht haben. Welche Antwort würden Sie ihm geben?

(Lacht) Das ist noch schwierig ... Vermutlich so: Ich sorgte im Hintergrund dafür, dass es den Schulen gut geht. Dabei entschied ich nicht allein wie ein König oder ein Kaiser, sondern arbeitete mit Schulleitungen und Schulpräsidien zusammen.

Und ist Ihnen das gelungen?

Natürlich gab es hie und da Interessenkonflikte. Aber im Grossen und Ganzen denke ich, dass die Schulen in Obwalden sehr gut aufgestellt sind. Das liegt natürlich nicht allein an mir, aber ich durfte die Entwicklung massgeblich mitprägen.

Ich behaupte mal ganz direkt: Lehrer sind kein einfaches Volk. Würden Sie diesen Satz unterschreiben?

(Lacht) Nein, das würde ich nicht. Lehrer sind engagierte Leute, die es gewohnt sind, selbstständig zu arbeiten, und die man von Neuerungen überzeugen muss. Ich hatte nie den Eindruck, dass die Zusammenarbeit mit Lehrern komplizierter ist als mit anderen Berufsgruppen.

Wetten, es gab schon einige Lehrer, die das Amt für Volks- und Mittelschulen am liebsten zum Teufel gejagt hätten.

Die Schule hat in den vergangenen 20 Jahren einen bedeutenden Wandel mitgemacht. Dass es in diesem Prozess Widerstände, Ärger und Ängste gibt, ist völlig natürlich. Die heutigen Ansprüche an die Schule und an Lehrpersonen sind riesig. Früher schickten Eltern ihr Kind einfach zur Schule und stellten keine Fragen. Heute ist das völlig anders. Die Schule ist ein Glashaus, in das alle hineinschauen können: ­Eltern, Politiker, Medien, die ganze Gesellschaft. Auch der Anspruch, mitzureden, mitzudenken und mitzuentscheiden, ist stetig angestiegen. Dass Lehrpersonen in dieser Situation einfach wie früher sich allein überlassen werden – das würde heute nicht mehr funktionieren, davon bin ich überzeugt. Es braucht heute in ­jedem Betrieb ein «Back Office», also eine Führung und Dienstleistungen im Hintergrund. Das gilt auch für die Schule. Aber natürlich darf mit all dem nicht überbordet werden.

Sie sprechen das Thema selbst an: Hat man mit all den Bildungsreformen einige Lehrpersonen – vielleicht vor allem ältere Semester – nicht etwas überfordert?

Ich weiss nicht, ob «überfordern» der richtige Ausdruck ist. Natürlich ist es so, dass einige ältere Lehrpersonen, welche die Schule noch anders erlebt haben, hinter gewissen Reformen keinen Sinn gesehen haben. Früher war ein Lehrer ein Einzelkämpfer und sein eigener Chef. Heute braucht es die Zusammenarbeit in einem Team und auch den regelmässigen Austausch mit der Schulleitung, damit man den vielfältigen Ansprüchen der Gesellschaft an das Glashaus Schule gerecht werden kann.

Vor allem aus SVP-Kreisen wird das Bildungswesen oft massiv kritisiert. Bei der Schule gäbe es einiges zu sparen, hiess es etwa im Kantonsrat. Zudem wurde im März fraktionsübergreifend eine Motion überwiesen mit dem Ziel, das Bildungswesen von administrativem Ballast zu befreien.

Grundsätzlich gilt es festzuhalten: Wir haben auf allen Ebenen im Kanton sehr gute Schulen. Dass dies etwas kostet, leuchtet ein. Derzeit ist das Bildungsdepartement daran, einen Bericht zu erstellen und die verschiedenen Zahlen zusammenzutragen. Noch liegen sie nicht auf dem Tisch. Ob Einsparungen möglich sind? Es wäre unseriös, wenn ich diese Frage jetzt beantworten würde. Ich persönlich glaube aber – gerade mit Blick auf andere Kantone –, dass wir in Obwalden nicht überbordet haben.

Trotzdem: Manchmal hat man auch in Obwalden den Eindruck, im Bildungswesen gibt es heute mehr Konzepte, Evaluationen und Leitbilder, als es Schüler gibt ...

Ich habe mich, wo ich konnte, immer explizit für eine Konsolidierung eingesetzt. Mein Motto war: Die Schulen sollen keine hechelnde, sondern eine atmende, lebendige Organisation sein. Man muss aber klar sehen: Die diversen Konzepte und Leitbilder, die Sie ansprechen, sind Vorgaben des Bildungsgesetzes. Das Amt für Volks- und Mittelschulen handelt nicht in Eigenregie, sondern setzt politische Vorgaben um. Wir haben nie etwas gemacht, das die Politik nicht wollte.

Am 30. Dezember haben Sie Ihren letzten Arbeitstag. Eine Frage, die Sie jetzt sicher oft hören: Was folgt im dritten Lebensabschnitt?

Ich werde mir mehr Zeit nehmen können für meine Grosskinder – zwei buspere Buben im Alter von 4,5 und 2,5 Jahren. Ein lang gehegter Wunsch geht vermutlich im Frühling in Erfüllung: Dann reise ich gemeinsam mit meiner Frau für rund einen Monat nach Südamerika. Zudem spiele ich in drei verschiedenen Ensembles Saxofon – und das werde ich gern weiterhin tun.