OBWALDEN: Richtige Begleitung bewirkt viel

In ihrer Maturaarbeit befasste sich Rahel Küchler mit der Schulintegration von Kindern mit Downsyndrom. Fazit: Einen Königsweg gibt es nicht.

Lukas Tschopp
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Maturandin Rahel Küchler in einem Schulzimmer im Rütimattli. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ)

Maturandin Rahel Küchler in einem Schulzimmer im Rütimattli. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ)

Rahel Küchler möchte dereinst Primarlehrerin werden. Deshalb war für die 18-jährige Maturandin aus Kägiswil klar, dass sich ihre Maturaarbeit an der Kantonsschule Obwalden um eine pädagogische Fragestellung drehen wird. «Ich wollte mir mit meiner Arbeit ein Wissen aneignen, dass mir auch nach der Arbeitsabgabe von Nutzen sein kann», so Rahel Küchler zu ihren Vorüberlegungen. Gesagt, getan: Nach diversen Gesprächen im familiären und kollegialen Kreis fasste sie den Entscheid, eine Arbeit über den Prozess der schulischen Integration von Kindern mit Downsyndrom zu schreiben.

Jeder kann sein Potenzial entfalten

In der Schweiz kommen pro Jahr 50 bis 85 Kinder mit dem Downsyndrom zur Welt. Aufgrund einer abweichenden Zellteilung ist bei diesen Kindern das Chromosom 21 dreifach vorhanden, deshalb auch die Bezeichnung «Trisomie 21». Dies führt in der Regel zu einer leichten bis mittleren, selten auch schweren geistigen Behinderung: Die kognitive und motorische Entwicklung des betroffenen Kindes verzögert sich, es braucht mehr Zeit, um auf Reize zu reagieren und seinen Affekthaushalt zu kontrollieren. Hinzu kommen oftmals gesundheitliche Beeinträchtigungen wie Herzfehler oder Erkrankungen des Atemweges. Kinder mit Downsyndrom wurden deshalb oft als bildungsunfähig abgestempelt und in ihrer Entwicklung nur begrenzt gefördert.

Heute weiss man: Mit entsprechender Unterstützung, umgeben von einem wohlwollenden Umfeld, können diese Kinder durch Förderung, Schulung und soziale Integration durchaus ihr Potenzial entfalten. Und genau hier setzt Küchlers Maturarbeit an: «Meine Absicht war es, den schulischen Weg eines Kindes mit Downsyndrom nachzuzeichnen.» Dazu führte sie ein Gespräch mit einem Elternpaar aus Alpnach, dessen jüngster Sohn, der 14-jährige Nico, mit Downsyndrom zur Welt kam.

Von der Primarschule ins Rütimattli

Nico besuchte drei Jahre lang den Kindergarten, bevor er in die erste Primarklasse eingeschult wurde. Bis zur 4. Klasse blieb Nico in der Primarschule Alpnach, wo er zusammen mit anderen Schulkindern unterrichtet und von einem schulischen Heilpädagogen zusätzlich unterstützt und gefördert wurde. «Die Entwicklungsschere zwischen Nico und den anderen Schulkindern öffnete sich dann aber zu weit, sodass sich etwas ändern musste», erzählt Küchler.

Schliesslich hat sich die Familie dazu entschieden, dass Nico künftig im Rütimattli in Sachseln zur Schule geht.» In dieser Sonderschule für Kinder mit Entwicklungsbeeinträchtigungen und Behinderungen erhält er jetzt eine spezielle, auf seine eigenen Bedürfnisse zugeschnittene Betreuung und Förderung. Damit hat Nico sowohl die schulische Integration als auch die schulische Separation durchlaufen. Die schulische Integration versteht sich als Prozess, bei dem ein Kind mit Downsyndrom in der Gemeindeschule unterrichtet wird, um zusammen mit den anderen Schulkindern zu wachsen, sich zu verändern und um gegenseitiges Lernen zu ermöglichen. Bei der schulischen Separation werden durch die Trennung von Kindern mit und ohne besonderen Bildungsbedarf hingegen gezielt homogenisierte Gruppen erzeugt.

Von Fall zu Fall abwägen

Rahel Küchler hütet sich davor, eine der beiden Varianten als Königsweg zu beschreiben: «Im Verlaufe meiner Arbeit ist mir klar geworden, dass der schulische Weg eines Kindes mit Downsyndrom eine sehr individuelle Angelegenheit ist. Je nach Bedürfnissen des Kindes und des Umfeldes bietet sich eher eine Integration oder eine Separation an. Wichtig ist sicherlich, dass das betroffene Kind im Zentrum der Entscheidung steht.»

Der Weg von Nico, der mit dem Integrationsprozess begann und dann in die Separation führte, ist der gängigste. Im Falle von Nico sei die schulische Integration insbesondere aufgrund der guten Zusammenarbeit zwischen seinen Eltern und den Lehrpersonen äusserst positiv verlaufen.

Ein informativer Prospekt

Unter Mithilfe der Heilpädagogischen Früherziehung (HFE), einem Angebot der Stiftung Rütimattli, das betroffene Eltern bei der ganzheitlichen Förderung ihrer Kinder berät und unterstützt, verfasste Rahel Küchler zum Thema einen Prospekt, der nun im Rütimattli aufliegt (siehe Kasten). Darin werden die Wege aufgezeigt, die ein Kind mit Downsyndrom beschreiten kann. Rahel Küchler zeigt sich mit ihrer Arbeit insgesamt zufrieden: «Im Verlaufe der Arbeit wurde ich im Gefühl bestätigt, dass ich nach der Matura eine pädagogische Ausbildung absolvieren werde.»