OBWALDEN: Vom Gehilfen zum gestaltenden Künstler

Im süddeutschen Kloster Heiligkreuztal ist zwischen 2012 und 2016 ein Bruder-Klaus-Visionsweg entstanden. Nun sind in Sachseln Fotos und Modelle dieses Gemeinschaftswerks von Alois Spichtig und Toni Halter ausgestellt.

Romano Cuonz
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Toni Halter zeigt Arbeitsmodelle zum Bruder-Klaus-Visionsweg im deutschen Kloster Heiligkreuztal. (Bild: Romano Cuonz (Sachseln, 5. September 2017))

Toni Halter zeigt Arbeitsmodelle zum Bruder-Klaus-Visionsweg im deutschen Kloster Heiligkreuztal. (Bild: Romano Cuonz (Sachseln, 5. September 2017))

Romano Cuonz

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«Als Alois Spichtig mich fragte, ob ich den Bruder-Klaus-Visionsweg im Heiligkreuztal mit ihm und für ihn ausführen würde, getraute ich mich erst gar nicht, Ja zu sagen», erinnert sich der 44-jährige Sachsler Bildhauer Toni Halter. Heute aber, wo das 16-teilige monumentale Kunstwerk bei der süddeutschen Stadt Riedlingen nahe Ulm eingeweiht ist, möchte Halter die Erfahrungen, die er bei seiner jahrelangen Arbeit gesammelt hat, keinesfalls mehr missen. Dies betonte er vor dem Publikum in der «alten Krone» in Sachseln. Dort stellt er – unterstützt von der Liechtensteiner Konzeptionistin Dagmar Frick Islitzer – derzeit Fotos und Arbeitsmodelle des grossen Gemeinschaftswerkes aus. Alle sollen sie Einblick geben in die aufwendigen Werkprozesse, die zum spirituellen Kunstwerk in Süddeutschland geführt haben.

Auch Künstler brauchen Visionen

Die Ausstellung – fernab vom Original des eigentlichen Kunstwerks – wird umso interessanter, je mehr man über die Entstehungsgeschichte des Visionswegs im Heiligkreuztal erfährt. Damit dieser nach dem Tod von Alois Spichtig überhaupt noch ausgeführt werden konnte, hatte es tatsächlich Visionen gebraucht. Und wie sagte es doch Bruder-Klausen-Kaplan Josef Rosenast an der Vernissage: «Wir leben in einer Welt, in der Visionen wieder wichtig wären!» Weil das Heiligkreuztal dreieinhalb Stunden Fahrzeit von Sachseln entfernt ist und die Kräfte des schon betagten Sachsler Künstlers Alois Spichtig mehr und mehr schwanden, fragte er seinen Gehilfen Toni Halter, ob er die Auftragsarbeit nicht mit ihm und für ihn ausführen würde. Es handelte sich ja um bis zu zweieinhalb Meter grosse Figuren aus Material wie Eichenholz, Stein und Mineralien. Nach einiger Bedenkzeit sagte Halter zu. «Eine Parallele zwischen uns war, dass wir beide erst einen handwerklichen Beruf gelernt hatten, bevor wir den nicht einfachen Weg in Richtung Bildhauerei und Kunst gingen.» Dies habe ihn motiviert. Während der gemeinsamen Arbeit lernte der junge Halter den 50 Jahre älteren Spichtig immer besser kennen. Als für ihn wichtigen Menschen. Ja, als Freund. «In Gesprächen schätzte ich seine gradlinige, positive Art», sagt Halter. «Unterstützend war er, motivierend oder auch vorsichtig mahnend.» Stets habe er bewundert, wie der alte Mann zu Werke ging: «Entschieden und klar, aber auch unglaublich ausdauernd mit wunderbarer Handfertigkeit, bis die innere und die äussere Form für ihn wirklich stimmten.»

Künstler findet Platz im Leben

Toni Halter schöpfte Vertrauen. Und Alois Spichtig, der nicht mehr mit nach Deutschland fahren konnte, gelang es, all die Figuren, die er in Gedanken und Modellen noch geschaffen hatte, loszulassen. Und plötzlich ging alles viel zu schnell. Am 14. Juli 2014 verstarb Alois Spichtig. Doch noch eine Woche zuvor hatte er seinem Gehilfen alles übergeben. Dieser vollendete die Arbeit in sechs grösseren Etappen über drei Jahre hinweg. «Es waren drei volle Lastenzüge an Material, das transportiert wurde, dazu ein Sattelschlepper mit 12 Tonnen Stein, den wir vor Ort in einem Steinbruch ausbrachen», schildert Toni Halter.

Wochenlang weilte er in Heiligkreuztal. «Für mich ist der Bogen, den diese Visionen in den Nischen der Klostermauer spannen, ein Symbol für viele Zeichen, auch in unserer modernen Zeit», sagt Halter. Er habe dabei seinen Platz im Leben gesucht und gefunden. In diese faszinierende Arbeit, bei der ein Gehilfe aus dem grossen Schatten seines Meisters trat, führt die gegenwärtige Ausstellung in Sachseln ein. Neben Arbeitsmodellen und Fotos der Kunstwerke bietet sie immer auch wieder interessante, gar amüsante Einblicke in den langjährigen Arbeitsprozess, der in Mauernischen fernab der Obwaldner Heimat vor sich ging.

Hinweis

Fotoausstellung zum Bruder-Klaus-Visionsweg Heiligkreuztal von Alois Spichtig und Toni Halter. Galerie alte Krone, Dorfplatz, Sachseln: 5. bis 25. September. Gespräche mit dem Künstler: Sonntag, 10.9., 10 Uhr, Freitag, 15.9., 17.30 Uhr, Montag, 25.9., 14 Uhr.