OBWALDEN: «Wenn ich dunkle Wolken sehe, ist mir unwohl»

Weshalb gerät ein ganzer Hang ins Rutschen? Der Geologe Markus Liniger beschreibt die Vorgänge in Sarnen – und die Machtlosigkeit der Experten.

Interview Adrian Venetz
Merken
Drucken
Teilen
Franz Wicki, Entlebuch, erinnert sich an das Drama von 2006. (Bild: Daniel Schriber)

Franz Wicki, Entlebuch, erinnert sich an das Drama von 2006. (Bild: Daniel Schriber)

Markus Liniger*, ein ganzer Hang rutscht, und man kann praktisch nichts dagegen machen. Wie gehen Sie als Geologe mit dieser Hilflosigkeit um?

Markus Liniger: Das ist tatsächlich sehr schwierig. Geologen sind dann in einer ähnlichen Lage wie Meteorologen: Sie können vor einem anrückenden grossen Sturm warnen, aber sie können absolut nichts unternehmen, um ihn zu stoppen oder abzuschwächen. Ein Stück weit ist das schon etwas frustrierend. Man muss sich ständig eingestehen, dass man nicht zu 100 Prozent gegen Naturgefahren ankämpfen kann.

Also kann man nur zusehen, wie sich der Hang bewegt?

Liniger: Ganz so machtlos ist man nicht. Man konzentriert sich dann vor allem darauf, Folgeschäden zu verhindern – etwa, indem man die Bäche frei hält und dafür sorgt, dass das Wasser in seinen gewohnten Bahnen fliesst, vor allem aber, dass keine Personen unter die Rutschmassen kommen.

Ein solcher Hangrutsch ist für Geologen eine spannende Sache. Wo stehen Sie in diesem Spannungsfeld? Einerseits hofft man, dass niemand zu Schaden kommt, anderseits wären Sie arbeitslos, wenn kein Hang oder Berg mehr Probleme bereitet.

Liniger: Das stimmt zum Teil. Trotzdem: Auch ich als Geologe hoffe, dass der Hangrutsch Hintergraben in Sarnen bald zur Ruhe kommt und keine Schäden anrichtet. Wir müssen ja auch Prognosen abgeben, die Gefahren einschätzen, die Menschen vor Ort warnen. Das kann schon sehr belastend sein. Wenn ich abends auf meinem Balkon in Alpnach stehe und dunkle Wolken über dem Sarnersee sehe, ist mir unwohl. Solche Situationen bereiten mir noch immer unruhige Nächte.

Was genau ist das Problem beim Hintergraben in Sarnen? Wie kann sich ein ganzer Hang einfach bewegen?

Liniger: In der Geologie spricht man – wenn man so einen Hang wie beim Hintergraben untersucht – von einer Grunddisposition und einer variablen Disposition. Die Grunddisposition ist sozusagen die grundsätzliche Anfälligkeit des Hangs zu Rutschungen. Diese Grunddisposition ist gegeben und verändert sich nicht. Das Gebiet Hintergraben hat rein aufgrund seiner geologischen Beschaffenheit und der Hangneigung die Grunddisposition zu Rutschungen. Das war vor 100 Jahren so und das wird auch in 100 Jahren noch so sein. Und dann kommt die variable Disposition hinzu. Hier werden Zustände beschrieben, die sich kurzfristig ändern und einen Einfluss haben auf die Stabilität des Hangs – beispielsweise die Wassersättigung im Boden nach langen Niederschlagsperioden, der Zustand von Bachverbauungen, Wasserleitungen und Strassenentwässerungen. Diese können über die Zeit stark ändern. Dieses Zusammenspiel von Grunddisposition und variabler Disposition ist entscheidend, ob ein Hang bei einem Auslöseereignis – etwa ein Gewitter oder eine längere Nässeperiode – dann in eine beschleunigte Bewegung gerät oder nicht.

Warum rutscht der Hang gerade jetzt?

Liniger: So genau können wir das noch nicht sagen. Da werden wir zuerst weitere hydrologische Daten – also Niederschlagsdaten – auswerten müssen. Man weiss aber, dass solch grosse, tiefgründige Rutschungen auf lange nasse Perioden reagieren. Für solche Rutschungen ist es sehr typisch, dass sie im Winter in Bewegung geraten.

Sepp Kathriner auf dem Bauplatz für das neue Zuhause. Hinter seinem Rücken und dem Hügel liegt die Gefahrenzone. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)
25 Bilder
Bild: Pius Amrein / Neue LZ
Bild: Pius Amrein / Neue LZ
Bild: Pius Amrein / Neue LZ
Bild: Pius Amrein / Neue LZ
Bild: Keystone
Bild: Gemeinde Sarnen
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Keystone
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ
Der Kernbereich der Rutschung rot, das Notstandsgebiet gelb. (Bild: PD)

Sepp Kathriner auf dem Bauplatz für das neue Zuhause. Hinter seinem Rücken und dem Hügel liegt die Gefahrenzone. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Das Problem im vergangenen Winter war also nicht die Kälte, sondern die Feuchtigkeit?

Liniger: Genau. Der Niederschlag ist viel relevanter als die Temperaturen. Wir hatten in diesem Winter keinen gefrorenen Boden und mehrmals viel Schnee, der wieder schmolz. Kommt hinzu, dass im Winter viel weniger Wasser verdunstet als im Sommer. So hat sich der ganze Hang über die Monate hinweg mit Feuchtigkeit gesättigt – die variable Disposition war hoch. Man kann die Bodenbeschaffenheit mit einem Klumpen Ton vergleichen: Je mehr Wasser hinzukommt, desto weicher und beweglicher wird der Ton.

Der Hintergraben ist ein Flyschgebiet. Kann man grundsätzlich sagen: Wo Flysch ist, da rutscht der Hang?

Liniger: Es gibt verschiedene Arten von Gesteinen, die rutschanfällig sind. Ein prominenter Vertreter ist der Flysch. Er hat einen hohen Anteil an Tonstein und Sandstein – von welchen die Tonsteine schnell verwittern.

Blöde Frage: Warum sackt dann nicht der ganze Berg in sich zusammen? Warum rutscht nur eine Schicht von 30 bis 40 Metern?

Liniger: Was hier rutscht – also sozusagen die Gleitmasse – sind die Verwitterungsprodukte der Flyschgesteine. Diese liegen auf härterem, unverwittertem und stabilen Flyschfels.

Wieso kann man ausschliessen, dass der ganze Hang plötzlich mit einem Ruck Richtung Tal donnert – wie ein «klassischer» Erdrutsch nach einem heftigen Gewitter?

Liniger: Diese rutschende Flysch-Verwitterungsschicht im Hintergraben hat durch ihren Ton-Anteil eine gewisse «Klebrigkeit». Sie kann als Ganzes zu wenig Wasser aufnehmen, um plötzlich als Dreck-Wasser-Gemisch aufzubrechen wie bei einem Murgang. Zudem ist das Gelände dort nicht sehr steil. Einzelne Erdschollen können sich aber sehr wohl lösen und kleinere Murgänge bilden.

Wenn ich Honig über einer Rutschbahn ausleere, fliesst er nur sehr langsam hinunter. Verhält sich so die Oberfläche im Hintergraben?

Liniger: (lacht) Ja, das kann man ungefähr so sehen.

Wäre es fast wünschenswert, dass sich einzelne spontane Rutschungen lösen, damit sich der gesamte Hang etwas «entspannen» kann?

Liniger: Ja und nein. Bei einem Rutschgebiet in dieser Grösse würde das für die ganze Rutschung kaum viel bringen. Ein einzelner, kleiner Erdrutsch durch die begleitende Entwässerung kann die Situation lokal aber sehr wohl etwas beruhigen. Im schlimmsten Fall bringt ein kleiner Rutsch aber noch mehr Unruhe in den ganzen Hang, und die ganze Masse gerät noch schneller in Bewegung. Das ist sehr schwer vorauszusagen.

Ist es möglich, dass der ganze Hang wieder zur Ruhe kommt?

Liniger: Es ist nicht nur möglich, sondern sogar sehr wahrscheinlich. Aber wann dies der Fall sein wird, das ist sehr schwer zu sagen. «Ruhe» heisst in diesem Fall aber Bewegungen von etwa 5 Millimeter pro Jahr wie vor 2010.

Vielleicht schon nächste Woche?

Liniger: Nein, das kann man praktisch ausschliessen. Man kann sich das vorstellen wie bei einem Güterzug: Es dauert relativ lange, bis er in Fahrt kommt. Aber es dauert auch relativ lange, bis er wieder still steht. Man muss warten, bis der Hang von selbst einen stabilen Zustand findet.

Sie sagten, der schneereiche Winter sei «Gift» gewesen für geologisch instabile Gebiete. Dann müssten auch andere Berghänge in der Region betroffen sein.

Liniger: Das ist tatsächlich so. In verschiedenen anderen Gebieten haben wir eine ähnliche Situation wie im Hintergraben – auch in den Kantonen Nidwalden, Luzern und Schwyz. Erste Beschleunigungen wurden dort beobachtet. Diese werden sicher auch noch zunehmen, und weitere Gebiete werden vermutlich noch dazukommen.

Müssen wir uns daran gewöhnen, dass solche Rutschungen immer häufiger auftreten?

Liniger: Das würde ich nicht so sagen. Es sind nicht unbedingt die Ereignisse, die sich häufen. Was zunimmt, ist die öffentliche Wahrnehmung und das Interesse der Medien daran.

Weshalb?

Liniger: 1919 hatte man im Hintergraben eine ähnliche Situation wie heute: Der Hang geriet eine Zeit lang schneller in Bewegung. Damals gab es dort aber noch wenig Häuser und keine Strassen. Deshalb hat man das kaum wahrgenommen – es entstand kein grosser finanzieller Schaden. Vermutlich gab es aber schon damals mehrere menschliche Schicksalsschläge, bei welchen Menschen einen Teil ihrer Lebensgrundlage verloren.

Nervt Sie das, wenn gross über ein Ereignis wie in Sarnen berichtet wird?

Liniger: Nein, das gehört dazu. Solche Naturphänomene sind nun mal spannend. Die Menschen möchten wissen, was dort passiert und warum es passiert. Wenn es irgendwo in einer Stadt Überschwemmungen gibt, dann möchte ich auch Bilder davon sehen und erfahren, wie es den Menschen dort geht. Mühsam kann es aber für die Betroffenen werden, wenn sie kaum mehr Ruhe haben vor den Medien und vor Schaulustigen.

* Markus Liniger ist Geologe der Geotest AG. Liniger arbeitet seit 22 Jahren in Horw und wohnt seit 20 Jahren in Alpnach. Gefahren- und Risikobeurteilungen, Planung und Bau von Schutzbauten gegen Naturgefahren sowie Ereignisbewältigungen machen den Hauptteil seiner Arbeit aus.

Entlebucher erinnern sich an Erdrutsch-Horror

Franz Wicki, Entlebuch, erinnert sich an das Drama von 2006. (Bild: Daniel Schriber)

Franz Wicki, Entlebuch, erinnert sich an das Drama von 2006. (Bild: Daniel Schriber)

Samstagmittag in Entlebuch. Franz Wicki sitzt im Wohnzimmer seines Hauses. Auf dem Tisch vor ihm die aktuelle Ausgabe der «Neuen Luzerner Zeitung». Unter dem Titel «Der Hang rutscht weiter» ist auf einem Bild der Sarner Landwirt Paul Britschgi zu sehen. Der Bauer ist daran, seinen Stall zu räumen, weil dieser droht, mit Grund und Boden wegzurutschen. Wicki seufzt. Es ist ein Bild, das Erinnerungen weckt. Erinnerungen an dramatische, furchteinflössende Tage.

Der Schreiner öffnet das blaue Fotoalbum, das er für den Besuch hervorgeholt hat und in dem alles akribisch dokumentiert ist. Zahlreiche Fotos und Zeitungsartikel erinnern daran, was Anwohner des Gebietes Feld oberhalb von Entlebuch im Sommer 2005 und im Frühling 2006 durchgemacht haben. Wie jetzt in Obwalden, bewegte sich damals im Luzerner Hinterland die Erde und drohte, mehrere Häuser zu verschlucken. Dies in Folge des Jahrhundertunwetters 2005, welches in der ganzen Zentralschweiz seine Spuren hinterlassen hatte.

Franz Wicki hatte Glück. Zwar mussten er und seine Frau ihr Heim während einiger Tage aus Sicherheitsgründen verlassen – am Ende zog der bedrohliche Hang jedoch zirka 20 Meter am Haus der Wickis vorbei.

Nachbarn verloren Haus und Hof

Es hätte genauso gut anders laufen können. So wie bei Familie Hofstetter, die etwa 300 Meter oberhalb von Franz Wicki wohnt – und kein Glück hatte. Im August 2005 rutschte der Hang in der Feldweid weg und riss praktisch über Nacht Haus und Scheune mit.

Wie Wicki hat auch Marie-Therese Hofstetter die Bild- und Textdokumente, die an den Hangrutsch erinnern, fein säuberlich abgelegt. Bald sind es acht Jahre – «doch vergessen ist es noch lange nicht». Im Gegenteil: Hofstetters erinnert sich detailliert an die schwierigsten Stunden, die ihre Familie je durchmachen musste. Sie berichtet, wie ihr Mann eines Abends, es war ein Montag, Risse in der Strasse oberhalb ihres Hauses entdeckt habe. Ganz genau weiss sie auch noch, wie sechs Stunden später der Mast der nahen Hochspannungsleitung schräg wie der Turm von Pisa gestanden habe und es, etwas später, in der angebauten Scheune zu knistern und rumoren begonnen hatte. Am anderen Morgen begann das Haus zwei Meter pro Stunde talwärts zu rutschen. Der Anfang vom Ende. Josef und Marie-Therese Hofstetter mussten das Haus mit ihren sechs Kindern Hals über Kopf verlassen.
Und doch hat die Familie auch Glück: Alle Hofstetters sind wohlauf – Haus und Scheune sind heute wieder aufgebaut. «Wir leben alle, wir sind gesund, nur das zählt», sagt Marie-Therese Hofstetter. Dann erzählt sie die Geschichte von den beiden Feuerwehrmännern, die nur einen Tag vor dem Erdrutsch in der Feldweid in Entlebuch in einer Schlammlawine ihr Leben verloren hatten.

Daniel Schriber / Neue LZ

«Wir können absolut nichts machen»: Geologe Markus Liniger. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ)

«Wir können absolut nichts machen»: Geologe Markus Liniger. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue OZ)