Obwalden
Wie Engelberg zu einer reformierten Kirche kam

Pfarrer Fritz Gloor zeigt in einer Broschüre auf, wie deutsche Gäste in Engelberg den Bau einer reformierten Kirche ermöglichten.

Romano Cuonz
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Die protestantische Kirche in Engelberg.

Die protestantische Kirche in Engelberg.

Bild: Sammlung Talmuseum Engelberg

«1889 wurde im abgelegenen Bergdorf Engelberg, unweit des Klosters, eines der überhaupt ersten evangelischen Gotteshäuser in der katholischen Zentralschweiz gebaut», erzählt Fritz Gloor-Häsler. Während 14 Jahren – von 2000 bis 2014 – war er reformierter Pfarrer im Kurort. Er kennt «seine» Kirchengeschichte wie kein anderer. Im Heft 40 der bekannten «Engelberger-Dokumente» blickt Gloor zurück, vermittelt interessante Fakten, Episoden und zahlreiche illustrative Bilddokumente aus 132 Jahren Seelsorge.

Der reformierte Pfarrer Fritz Gloor.

Der reformierte Pfarrer Fritz Gloor.

Archivbild: Boris Bürgisser

Aussergewöhnlich, so Fritz Gloor, sei allein schon die Entstehungsgeschichte der evangelischen Kirchgemeinde im Klosterdorf. In ihr widerspiegle sich der «Sonderfall Engelberg». Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich das Dorf an den Füssen des Titlis zum Kurort. Die Einheimischen zeigten sich auch den religiösen Bedürfnissen der multikulturellen Gästeschar gegenüber offen. Im Tourismusführer waren neben der Klosterkirche die anglikanische und die evangelische Kirche abgebildet. Gottesdienste für Gäste verschiedener Konfessionen gehörten damals zum Kurangebot. Evangelische Gottesdienste wurden schon früher gefeiert, wenn ein Pfarrer in den Ferien weilte. Die erste Predigt hielt der bekannte Basler Theologieprofessor Karl Rudolf Hagenbach 1854 im Saal des Cattani-Hotels Engel. Später wurden die Salons des Hotels Sonnenberg zum kirchlichen Treffpunkt evangelischer Gäste aus Deutschland. Fritz Gloor erklärt:

«Mit der Zeit bildete sich eine Art deutsche Urlaubergemeinde, in der der Wunsch nach einer eigenen Kirche laut wurde.»

Deutsch-evangelische Kirche im Schweizer Stil

Im August 1864 war es dann so weit. In drei grossen Hotels wurde der «Aufruf zum Bau einer deutsch-evangelischen Kirche» ausgehängt. Begüterte Kurgäste – namentlich deutsche Adlige wie etwa der Graf Waldersee und Leute aus dem Basler «Daig» – engagierten sich mit grösseren und kleineren Beträgen für den Bau einer Kirche. Der damals bekannte Kirchenarchitekt Paul Reber realisierte auf noch freiem Feld ein Kirchlein. Baustil: zwischen Neugotik und Schweizer Chalet. Ein wahres Unikum, das bis heute zum Ortsbild von Engelberg gehört. Die Kosten beliefen sich auf 22'000 Franken. Für den Unterhalt des Gebäudes sorgte der Basler «Verein für eine evangelische Kapelle in Engelberg». Ein zweiter Verein kümmerte sich um die sogenannten «Kurpfarrer». Wer regelmässig in Engelberg predigte, genoss schon einmal freie Station in einem der Luxushotels. Weil die Reformierten – Hoteliers, Angestellte oder Souvenir-Schnitzer aus Brienz – an einer Hand abzuzählen waren, gab es zwar eine Kirche, aber keine Kirchgemeinde. So dauerte die Epoche der Kurpfarrer fast 100 Jahre an. Bis Ende 1959, als eine Renovation des Kirchleins fällig wurde, war der Basler Verein bereit, diese zu berappen. Danach aber übergab er das Bauwerk – völlig schuldenfrei – den Engelbergern. Es sollte das Geschenk zur Gründung einer eigenen Kirchgemeinde sein.

Von Kurpfarrern zu eigenen Seelsorgern

Über volle 16 Jahre prägte ein prominenter Engelberger das reformierte Kirchenleben im Klosterdorf: Kirchgemeindepräsident und Kurdirektor Charles Christen. Das Verkehrsbüro wurde zur Anlaufstelle für die regelmässig wiederkehrenden Kurpfarrer. Charles Christen ist es auch zu verdanken, dass die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde öffentlich-rechtlich anerkannt wurde. Weil Engelberg keine Kirchensteuer erhebt, unterstützt die Einwohnergemeinde die Reformierten finanziell, genauso wie sie auch das Kloster für die katholische Pfarreiseelsorge entschädigt. Ausserhalb der Sommersaison waren Pfarrer und Pfarrerinnen aus Stans und zeitweise auch aus Sarnen für die Seelsorge und Gottesdienste zuständig.

Nach und nach fanden die Reformierten in Engelberg zu einer vollwertigen Kirchgemeinde mit eigenem Pfarramt zusammen. Carl G. Baumann, Fritz Gloor und noch bis heute Ruth Brechbühl betreuten und betreuen die Gläubigen. 1990 entstand dann das Kirchgemeindehaus. Heute steht im Klosterdorf die ökumenische Begegnung im Vordergrund. Dies besonders auch beim konfessionsübergreifenden Religionsunterricht auf praktisch allen Stufen.

Engelberger Dokumente-Heft 40. Fritz Gloor: Wie die Kirche ihre Gemeinde fand, die Evangelisch-reformierte Kirche Engelberg 1889–1990. Zu beziehen bei der Gemeinde oder in der Roastery, Engelberg.