OBWALDEN: Zugefrorener Sarnersee führte zu Unglück

Vor 100 Jahren waren der Sarnersee und der Alpnachersee zugefroren. Das führte zu einem tödlichen Unfall. Ein Klimatologe sieht die Chancen einer Seegfrörni heute klein.

Paul Küchler / Matthias Piazza
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Zeitungsausschnitt: Unfall auf gefrorenem Sarnersee aus dem Obwaldner Volksfreund vom 11. Februar 1914. (Bild: Christoph Riebli (Neue Obwaldner Zeitung))

Zeitungsausschnitt: Unfall auf gefrorenem Sarnersee aus dem Obwaldner Volksfreund vom 11. Februar 1914. (Bild: Christoph Riebli (Neue Obwaldner Zeitung))

Zeitungsausschnitt: Unfall auf gefrorenem Sarnersee aus dem Obwaldner Volksfreund vom 11. Februar 1914. (Bild: Christoph Riebli (Neue Obwaldner Zeitung))

Zeitungsausschnitt: Unfall auf gefrorenem Sarnersee aus dem Obwaldner Volksfreund vom 11. Februar 1914. (Bild: Christoph Riebli (Neue Obwaldner Zeitung))

Vor 100 Jahren waren der Sarnersee und der Alpnachersee zugefroren. In der Zeitung «Der Unterwaldner» vom 7. Februar 1914 wurde berichtet, dass deswegen auf dem Alpnachersee der Verkehr zwischen Ob- und Nidwalden durch einen extra eingerichteten Lokaldienst zwischen Stansstad und Hergiswil aufrechterhalten werden musste. Rund 14 Tage später teilte diese Zeitung mit, dass die Dampfschiffe zwischen Stansstad und Alpnachstad wieder fahrplanmässig verkehren könnten, nachdem das Eis auf dem Alpnachersee gebrochen war.

Tödlicher Unfall auf dem Sarnersee

Ungefähr zur gleichen Zeit ereignete sich auf dem Sarnersee ein tragischer Unfall. Darüber berichtete der «Obwaldner Volksfreund» in seiner Ausgabe vom 11. Februar 1914. Ein Ehepaar vom Wilerbad machte einen Ausflug über den gefrorenen Sarnersee zum Zollhaus. Zur Zeit der Abenddämmerung wollte es wieder heimkehren. Der Mann schob seine Frau auf dem Schlitten vor sich her.

Unglücklicherweise kam der Schlitten direkt in eine ungefrorene Stelle. Die Frau versank mit dem Schlitten, während sich der Mann am Eis noch festhalten konnte. Ein Holzarbeiter, der sich in der Nähe befand, hörte dessen Hilferufe und konnte ihn unter Lebensgefahr retten. Der erschöpfte und bereits besinnungslose Mann wurde zur Pflege ins Zollhaus zurückgebracht. An eine Rettung der erst 23-jährigen Frau war hingegen nicht mehr zu denken. Ihre Leiche habe einen Tag später unter grossen Anstrengungen geborgen werden können, wie im «Obwaldner Volksfreund» berichtet wurde.

Letztmals im Winter 1962/63

Eine Seegfrörni auf dem Sarnersee blieb ein seltenes Ereignis, welches im Schnitt rund einmal pro Jahrzehnt eintraf. So durfte im «Super-Kaltwinter» von 1962/63 der Sarnersee das letzte Mal betreten werden. Bei der Seegfrörni 1981 durfte der Sarnersee nicht betreten werden. Kein Wunder: Eine Seeoberfläche gefriert nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen.

«Die klassisch idealen Bedingungen sind, wenn gegen Jahresende die Temperaturen bereits massiv unter den Durchschnitt fallen», erklärt Stephan Bader, Klimatologe von Meteo Schweiz. «Idealerweise beginnt dies im Oktober, und ab Ende November sollten die Temperaturen deutlich unter den Gefrierpunkt sinken. Auch einen oder zwei extrem kalte Monate können ein Gefrieren des Sees begünstigen.» Und eine schneefreie Eisfläche sorge für eine bessere Auskühlung, denn eine Schneedecke wirkt isolierend und behindert die weitere Eisbildung.

Es war ein kalter Januar

Tatsächlich waren die Seegfrörni-Winter aussergewöhnlich streng. «Im Winter 1913/14 war vor allem der Januar massiv zu kalt. Er brachte in Luzern eine Durchschnittstemperatur von minus 3,8 Grad», sagt Stephan Bader.

«Im Winter 1962/63 mit gefrorenem Zürich-, Boden- und Sarnersee wurde in Luzern ein Dezember-Durchschnitt von 2,4 Grad unter dem Gefrierpunkt gemessen, und der Januardurchschnitt lag bei massiven minus 6 Grad.»

Seen gefrieren immer seltener

Die Chancen, dass noch diesen Winter ein See gefriert, tendieren gemäss Stephan Bader gegen null. «Dann bräuchte es einen extrem kalten Februar. Das wäre zwar theoretisch möglich, aber derart tiefe Temperaturen treten nur sehr selten auf. Der Beginn des Winters war eindeutig zu warm, um ein Gefrieren zu begünstigen.» Und um einen See betreten zu dürfen, müsse das Eis je nach Grösse des Sees zwischen 12 und 15 Zentimeter dick sein.

Der Eindruck, dass Seen immer seltener gefrieren, täuscht gemäss Stephan Bader nicht. «Die Durchschnittstemperaturen im Winter sind in den letzten 100 Jahren in der Schweiz um 1,5 Grad angestiegen.»

Mit dem Töff auf dem Sarnersee: Eine Aufnahme von 1947 aus dem Buch «Katastrophen-Sepp» von Josef Reinhard. Repro Adrian Venetz

Mit dem Töff auf dem Sarnersee: Eine Aufnahme von 1947 aus dem Buch «Katastrophen-Sepp» von Josef Reinhard. Repro Adrian Venetz