Obwaldner Ausstellungsgestalter zeigen, wie sich ein Alltag im Rollstuhl anfühlt

Ein Erlebnisrundgang von Steiner Sarnen Schweiz zeigt im neuen Paraforum in Nottwil, wie Querschnittgelähmte ihren Alltag meistern.

Philipp Unterschütz und Fabienne Mühlemann
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Das Paraforum im Paraplegikerzentrum gibt Einblick in das Leben von Menschen im Rollstuhl. Bild: Boris Bürgisser (Nottwil, 5. September 2019)

Das Paraforum im Paraplegikerzentrum gibt Einblick in das Leben von Menschen im Rollstuhl. Bild: Boris Bürgisser (Nottwil, 5. September 2019)

Die Ausstellung wirkt nur auf den ersten Blick wie eine gewöhnliche Wohnung. Beim genaueren Betrachten fallen Details auf, die den Unterschied ausmachen. Es hat in den Zimmern keine Stühle oder die Spiegel sind allesamt tief angebracht. Diese Wohnung, die sieben Räumen umfasst, bildet das Kernstück des neuen Besucherzentrums Paraforum beim Schweizer Paraplegiker Zentrum in Nottwil. Es wird aufgezeigt, warum eben solche Details so wichtig für die Lebensqualität von Querschnittgelähmten sind.

Die Besucher bewegen sich frei durch die Ausstellung. Ausgestattet mit einem Audioguide, bestimmen sie selbst, wie lange und intensiv sie sich mit den Lebensgeschichten der vier fiktiven Bewohner oder einem Thema auseinandersetzen. Sie erfahren, welche Hindernisse die Querschnittgelähmten im Alltag bewältigen müssen. Inszeniert haben die Wohnung mit den Geschichten die Ausstellungsgestalter von Steiner Sarnen Schweiz im Auftrag der Schweizer Paraplegiker-Stiftung.

Eine neue Lebensart für die Ausstellungsmacher

Jeden zweiten Tag erleide in der Schweiz eine Person eine Querschnittlähmung. «Es ist daher wichtig zu wissen, wie querschnittgelähmte Menschen ihren Alltag meistern. Nur so können wir ihre Anliegen verstehen», sagt Joseph Hofstetter, Direktor der Schweizer Paraplegiker-Stiftung über den Auftrag, den die Ausstellungsmacher umzusetzen hatten. Ein weiteres Ziel sei es, die junge Generation mit der interaktiven und multimedialen Ausstellung noch gezielter ansprechen zu können.

Multimediale Elemente im Paraforum in Nottwil. (Bild: Boris Bürgisser, 5. September 2019)

Multimediale Elemente im Paraforum in Nottwil. (Bild: Boris Bürgisser, 5. September 2019)

Mit den verschiedensten Themen haben sich Teams der Obwaldner Ausstellungsgestalter für ihre Projekte schon auseinandergesetzt. Mit dem Thema körperliche Einschränkungen betraten sie Neuland. «Es gab für mich bisher kaum ein Projekt, das mich dermassen fasziniert und geprägt hat», erklärt Ronny Portmann, der als Szenograf und Planer von Steiner Sarnen Schweiz zusammen mit seinen Arbeitskollegen das Projekt entwickelt hat. Theoretisch darauf vorbereiten könne man sich trotz aller Recherchen nicht wirklich. Sie hätten mehrere Tage mit den vier Protagonisten in Nottwil verbracht und die Filmaufnahmen gedreht. Dabei sei man sich durch die teils auch intimen Szenen oder Aussagen nahe gekommen. «Ich habe eine ganz neue Lebensart kennen gelernt und kann selber viel für mein eigenes Leben mitnehmen.»

Die Ausstellungsgestalter entwickelten in enger Zusammenarbeit mit der Paraplegiker-Stiftung fiktive Geschichten, um den Besuchern die unterschiedlichen Themen aufzeigen zu können, die Querschnittgelähmte beschäftigen. Die Geschichten entsprechen nicht dem echten Leben der Schauspieler. Einzig die Lähmungshöhe ist wahrheitsgetreu.

Den Erlebnisrundgang erreichen die Besucher durch einen Lift, der sich alle sechs Minuten öffnet. Im oberen Stock stellen sich die Bewohner Stefan (41), Sarah (32), Christine (68) und Matteo (17) vor, die als Wohngemeinschaft ein spannendes Leben auf 400 Quadratmetern führen. In ihre Geschichten sind in der Ausstellung geschickt wissenschaftliche Themen eingebettet. Interessierte können sich an den Stationen vertieft mit den Auswirkungen unterschiedlicher Querschnittlähmungen befassen oder mehr über die neusten Therapieformen erfahren. Ein Rollstuhlparcours hilft, spielerisch die Herausforderungen der Betroffenen zu erfahren.

In der Küche der fiktiven Wohngemeinschaft im Paraforum Nottwil. Bild: Boris Bürgisser, 5. September 2019)

In der Küche der fiktiven Wohngemeinschaft im Paraforum Nottwil. Bild: Boris Bürgisser, 5. September 2019)

Akribische Tagesplanung ist notwendig

Die Besucher lernen, wie Querschnittgelähmte ihren Tag akribisch planen müssen. Auf einer Tafel mit Post-its werden die Bewohner daran erinnert, wann sie neue Katheter bestellen müssen, wer ihnen heute ins Bett hilft und dass sie sich bei der SBB anmelden, damit ihnen in den Zug geholfen wird.

Das Besucherzentrum Paraforum beim Schweizer Paraplegikerzentrum Nottwil. (Bild: Boris Bürgisser, NOttwil, 5. September 2019)

Das Besucherzentrum Paraforum beim Schweizer Paraplegikerzentrum Nottwil. (Bild: Boris Bürgisser, NOttwil, 5. September 2019)

Der Bau des Paraforums startete im Februar 2018 und kostete rund 8,7 Millionen Franken. Es wurde vollumfänglich durch zweckgebundene Spenden finanziert. An der Ausstellung arbeitete Steiner Sarnen Schweiz gut zwei Jahre.

Ab dem 9. September ist das Paraforum jeweils von Dienstag bis Sonntag geöffnet. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos unter: www.paraforum.ch