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Obwaldner Unfallverursacher vor Gericht: Ist er nur der eingebildete Kranke?

Der Unfall auf der Seebrücke in Luzern geschah vor 18 Jahren. Nun stand der Verursacher neuerlich vor Gericht. Er wollte nicht akzeptieren, dass ihn das Kantonsgericht des Versicherungsbetrugs schuldig befand. Die Staatsanwaltschaft bleibt bei ihren Anträgen.
Markus von Rotz
Autos auf der Seebrücke Luzern. Auf dieser ereignete sich der vermeintlich folgenschwere Unfall vor 18 Jahren. (Bild: Corinne Glanzmann, 21. August 2017)

Autos auf der Seebrücke Luzern. Auf dieser ereignete sich der vermeintlich folgenschwere Unfall vor 18 Jahren. (Bild: Corinne Glanzmann, 21. August 2017)

«Er weiss es nicht, er kann sich nicht erinnern, es ist schon eine Weile her.» So oder ähnlich übersetzte die Dolmetscherin des in Obwalden wohnhaften gebürtigen Serben immer wieder Antworten auf Fragen des Obergerichtspräsidenten Andreas Jenny. Kein Wunder: Es ging um die Folgen eines Verkehrsunfalls von 2000 auf der Seebrücke in Luzern. Der Verteidiger kritisierte das Verfahren, das sich immer wieder grundlos verzögert habe. «Der Fall lagerte unter anderem zweieinhalb Jahre in der Schublade». Dabei wäre dieser nicht so komplex, derweil die lange Dauer seinem Mandanten zusätzlich zu seinen psychischen und physischen Leiden zugesetzt habe.

Doch ganz so einfach scheint der Fall nicht zu sein, wie die Verhandlung in zweiter Instanz vor Obergericht diese Woche zeigte. Blenden wir kurz zurück: Seit dem Unfall vor 18 Jahren gibt der heute 60-jährige frühere Druckereimitarbeiter an, unter grossen medizinischen Problemen zu leiden, die von einer vom Hausarzt diagnostizierten Halswirbel-Verstauchung herrührten. Der Mann hat indes nach Auffassung von Staatsanwaltschaft, Versicherer und Kantonsgericht bei seinen Unfallfolgen übertrieben und vermeintlich gar Ärzte getäuscht. Er habe alles in allem zu Unrecht 559'000 Franken an Leistungen bezogen. Im November 2016 verurteilte ihn das Kantonsgericht wegen (versuchtem) Versicherungsbetrug zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, bedingt auf drei Jahre. Die Staatsanwaltschaft hatte ein Jahr beantragt.

Kein Vermögen und hohe Schulden

Dies akzeptierte der Mann nicht. Er habe noch heute schwere Schmerzen an Kopf, Hals, Rücken und im Magen. An Arbeit sei nicht zu denken. «Weil das Leben dort viel günstiger ist», lebt er seit einiger Zeit wieder in seiner Heimat Serbien, ohne Vermögen, dafür mit Schulden «zwischen 150000 und 180000 Franken», wie er in der Befragung sagte. Über Wasser halte er sich ohne Einkommen dank Zuwendungen seiner Familie und Freunde, ein befreundeter Arzt behandelt ihn gratis.

In der Verhandlung atmete er wiederholt tief durch, schluchzte zuweilen, verlangte nach einer halben Stunde total verschwitzt eine Pause. Später stand er auf, weil er offenbar nicht mehr sitzen konnte. Er habe nach dem Unfall noch zwei, drei Jahre gearbeitet und auch später immer wieder versucht, andere Arbeiten anzunehmen, es sei jedoch immer schlimmer geworden mit den Beschwerden. Das nahmen ihm die Anwältin einer Versicherung und die Staatsanwältin nicht ab. Sie blieben dabei, der Mann habe Ärzte «arglistig» getäuscht. «Das Kantonsgericht verneinte zurecht eine Erkrankung in dem von ihm geschilderten Ausmass.» Seine fehlende Bereitschaft zu Therapie oder Operation sei mit dem medizinischen Befund «nicht in Einklang zu bringen», so die Staatsanwältin. Die Versicherungsanwältin warf ihm «jahrelange Beschreibungen über angebliche Beschwerden, untermalt durch theatralisches Verhalten», vor. Man kam sich vor wie in Molières Stück «Der eingebildete Kranke.»

Diskrepanzen zu seinen Schilderungen ergaben sich auch nach einer Hausdurchsuchung und einer Observation im Auftrag der Versicherung. So sah man ihn auf Videos «in den Jahren 2002 und 2005 ausgelassen und unbeschwert tanzend an Familienfesten», wie es in der Anklageschrift heisst. Die Observation zeigte ihn zudem beim Einkaufen. «Es bereitete dem Beschuldigten keine Mühe, Lasten zu heben und Auto zu fahren».

Verteidiger kritisiert das Kantonsgericht

Während Staatsanwaltschaft und die Versicherungsvertreterin das Urteil der Erstinstanz verteidigten, entdeckte der Verteidiger darin Widersprüche. So habe der Kantonsgerichtspräsident das Vergehen als «leichtes Verschulden» taxiert, aber die beantragte Strafe von 12 auf 24 Monate erhöht. Er verlangte Freispruch oder zumindest eine Reduktion der Strafe auf die Hälfte. «Mein Mandant ist ein gesetzestreuer Bürger ohne Vorstrafen.» Er monierte fehlendes rechtliches Gehör und kritisierte die Vorinstanz. So dürfe der Kantonsgerichtspräsident von Gesetzes wegen als Einzelrichter nur selber urteilen, wenn die Staatsanwaltschaft nicht mehr als 12 Monate beantrage. Indem er nun «eigenmächtig» eine Strafe von 24 Monaten ausgesprochen habe, habe er seine Kompetenzen überschritten. Zudem sagte der Verteidiger, die Ergebnisse der nicht bewilligten Observation seien «rechtswidrig erworben» und müssten aus den Akten genommen werden.

Das Urteil wird den Parteien später schriftlich zugestellt.

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