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Peter von Matt: «Er war eine vorreformatorische Gestalt»

Das Jahrhundert, in dem Bruder Klaus lebte und eine rätselhafte Ausstrahlung weit über den Raum der heutigen Schweiz hinaus gewann, war genau jenes Jahrhundert, in dem die Eidgenossenschaft sich darüber klar werden musste, wer und was sie eigentlich war", sagte der aus dem Kanton Nidwalden stammende Literaturwissenschaftler Peter von Matt in seiner Festrede. (Bild: Pius Amrein)

Das Jahrhundert, in dem Bruder Klaus lebte und eine rätselhafte Ausstrahlung weit über den Raum der heutigen Schweiz hinaus gewann, war genau jenes Jahrhundert, in dem die Eidgenossenschaft sich darüber klar werden musste, wer und was sie eigentlich war", sagte der aus dem Kanton Nidwalden stammende Literaturwissenschaftler Peter von Matt in seiner Festrede. (Bild: Pius Amrein)

Auszug aus der Festrede Das Jahrhundert, in dem Bruder Klaus lebte und eine rätselhafte Ausstrahlung weit über den Raum der heutigen Schweiz hinaus gewann, war genau jenes Jahrhundert, in dem die Eidgenossenschaft sich darüber klar werden musste, wer und was sie eigentlich war. (...) Man war nicht nur bereit, einander zu erschlagen, man hatte auch Lust, einander zu ertränken. (...) Von einer Schweiz mit festen gemeinsamen Grenzen konnte keine Rede sein. Es gab nicht einmal einen eindeutigen Namen für das schwankende Gebilde. (...) Heute würden wir sagen: Die Eidgenossen brauchten eine Identität.

Dieses Wort kannten sie nicht, das Problem hatten sie gleichwohl. Und tatsächlich setzte jetzt ein erstaunlicher Prozess der politischen Identitätsbildung ein, ein kollektives Bemühen um die Selbstvergewisserung gegenüber den umliegenden Mächten. (...) Das war bitter nötig, denn der europäische Kriegsruhm und die Expansionslust der einzelnen Orte bedrohten den Zusammenhalt der Verbündeten. (...) In dieser Situation brauchte es eine Stimme, die über den Fronten stand, die gehört wurde und die die Kräfte der Ordnung (...) stärkte, dass die Kräfte des Chaos gebunden blieben.

Diese Stimme kam aus der tiefen Schlucht im Melchtal. Das Ausserordentliche, das mit ihr verbunden war, bestand nicht in einer staatsmännischen Analyse und nicht in einem diplomatischen Kniff. Das Ausserordentliche war die bezwingende Autorität der Person (...) und die elementare Einfachheit seiner Sätze. Wir wissen nicht, worauf die Ausstrahlung des Einsiedlers beruhte, wir wissen nur, dass sie da war, ein Ereignis, das unwiderlegbar bezeugt ist und dem man doch weder sozialgeschichtlich noch kulturhistorisch, weder individualpsychologisch noch religionswissenschaftlich abschliessend beikommt.

Man hat in allen diesen Richtungen vieles versucht, hat sich auch in Hohn und Spott geflüchtet, aber das Faktum der mächtigen Wirkung des Mannes für sein und unser aller Vaterland (...) – kann man nicht wegreden. Er sammelte keine Jünger um sich, er gründete keine Gemeinschaft, er trat nicht als Führer auf und nicht als Prophet. (...)

Wenn wir in die Kulturgeschichte blicken, erinnert uns die Figur von Bruder Klaus an die Gestalten der Seher, von denen schon in den ältesten Zeugnissen der Menschheit berichtet wird. Diese Seher lebten oft im Verborgenen, und man rief sie an oder suchte sie auf, wenn man in grosser Not war. (...) Als Prophet ist Bruder Klaus nie aufgetreten, aber die Rolle des Sehers, der weiss, was in der Not zu tun ist, wuchs ihm zu. Gesucht hat er sie nicht. Und man hat ihm geglaubt, weil niemand, der ihm persönlich begegnete, ihm misstrauen konnte. Ganz verstehen kann man diesen Vorgang nur vor dem Hintergrund der politischen Selbstsuche und Selbstvergewisserung der damaligen Eidgenossenschaft. (...)

Was Bruder Klaus der zerstrittenen Tagsatzung in Stans 1481 im Einzelnen ausrichten liess, wissen wir nicht; wir wissen aber, dass auf seine Botschaft hin die für mehr als dreihundert Jahre wichtigste politische Vereinbarung der Schweiz beschlossen und beschworen wurde. «Das Stanser Verkommnis», schreibt der Historiker Thomas Maissen, «sollte bis 1798 der einzige Text bleiben, der die Verfassungsstruktur der ganzen Eidgenossenschaft festhielt.» Hier fällt das Wort «Verfassung» gewiss nicht in dem Sinne, wie wir es heute kennen, aber doch als Bezeichnung für einen innerstaatlichen Grundvertrag. (...) Nachdem man die Vergangenheit gewonnen hatte, war nun auch der Weg in die Zukunft vorgezeichnet. Die Sätze von Bruder Klaus (...) wurden von den Zeitgenossen in dieser Weise erlebt. Und wenn man sie genauer betrachtet, leuchtet ein solches Verstehen auch ein.

Ein Jahr nach dem Stanser Verkommnis schickte Bruder Klaus einen Brief an den Rat von Bern, in dem er für ein Geschenk an seine Stiftung dankte. Und aus Liebe, so fügte er bei, aus Liebe sage er nun dazu noch etwas mehr. Gehorsam sei die grösste Form der Liebe im Himmel und auf der Erde. (...)«Darum sönd ir luogen, dz ir enandren ghorsam syend.» Darum sollt ihr euch bemühen, einander gehorsam zu sein. Das erscheint uns etwas merkwürdig. Es tönt reichlich untertänig und auch widersprüchlich. (...) Aber der Ausdruck «gehorsam sein» meint hier etwas anderes als «Befehlen folgen». Der Ausdruck stammt vom Wort «horchen» her, und dieses meint: aufmerksam auf etwas hören. (...) Im Brief (...) folgt gleich nach der zitierten Stelle die berühmte Formulierung: «Frid ist allwegen in got.» Damit verknüpft Niklaus von Flüe seine politische Lehre mit seiner Gotteserfahrung. (...) In einem Jahrhundert, in dem der Krieg so selbstverständlich war wie die Jahreszeiten, konnte er den Frieden nicht nur mit einem Appell an die Vernunft beschwören.

Indem er Gott mit dem Frieden gleichsetzte, hatte er ein Argument gegen die Verlockungen von Krieg und Feindschaft. Diese zerstören auf die Dauer mehr, als sie einbringen. Das sagt er den Bernern deutlich, und er formuliert dabei einen Satz, der genau parallel aufgebaut ist zu jenem Satz über die ge-genseitige Achtung. Hiess es dort: «Darum sönd ir luogen, dz ir enandren ghorsam syend», so heisst es jetzt, als die zweite Grundregel demokratischer Politik: «Darumb so sönd ir luogen, dz ir uf frid stellend.» Darum sollt ihr bemüht sein, alles auf Frieden auszurichten. Die Parallele der beiden Sätze zeigt, dass er den Frieden nicht einfach als einen glücklichen Zustand verstand, der einmal da ist und dann wieder vergeht. Vielmehr ist der Friede für ihn ein Element des täglichen politischen Handelns, genauso wie auch die politische Kommunikation es ist, die fortlaufende Verständigung unter gegenseitigem Respekt.

Die zwei Sätze aus der Schlucht hatten für die Schweiz jahrhundertelang ein schicksalhaftes Gewicht. Bruder Klaus war eine vorreformatorische Gestalt. Er gehörte nie den Katholiken allein, und die Reformierten haben sich auf ihn oft energischer berufen als die Katholiken. Daran hat auch die Heiligsprechung nichts geändert. (...) Der Mann war den offiziellen Instanzen wohl nie ganz geheuer, und tatsächlich sieht er ja auf den ältesten Bildern noch unheimlicher aus als auf allen späteren. (...)

Wer sich mit ihm befasst, hat zu tun, auch heute noch. (...) Wir müssen allen dankbar sein, die sich dieser Arbeit stellen. Nur durch sie können wir sicher sein, dass wir weiterhin von Zeit zu Zeit seine leibhaftige Stimme vernehmen, aus grosser Ferne, aber deutlich: «Darum sönd ir luogen, dz ir enandren ghorsam syend.»

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